Buchbegegnungen Beiträgen

In den letzten 2,5 Jahren ist es hier ziemlich ruhig um mich geworden. Zum Glück hat Aba mit Rezensionen die Stellung gehalten und auch das Buchcoverraten durfte natürlich weiterhin nicht fehlen. Manchmal kommt man in seinem Leben an einen Punkt, da ändert sich plötzlich vieles und auf einmal erscheinen die Dinge, die vorher noch wichtig waren, gar nicht mehr so bedeutsam.

Als ich 2015 zufrieden feststellte, dass ich doch ein tolles Leben habe, wurde mir bewusst, dass es da sicher noch mehr gibt. Wollte ich ursprünglich nie Kinder haben, verwarf ich diese Einstellung vom einen Tag auf den anderen und entschied mich um. Im April 2016 sollte dann auch schon unsere Elli das Licht der Welt erblicken und ich musste feststellen, dass so bedeutsame Veränderungen im Leben scheinbar auch Veränderungen im Leseverhalten und Geschmack mit sich bringen. Ich hatte schon in der Schwangerschaft ganz anderes im Kopf, als zu lesen. Ich merkte, die Bücher, die mich früher interessierten, sprachen mich nicht mehr an. Irgendwie entdeckte ich nichts Neues mehr und wusste nicht, wonach ich eigentlich suche. Die kleine „Auszeit“ in Sachen Lesen, Vorschauen wälzen, in Buchhandlungen stöbern und Co. hat mir echt gut getan. Natürlich habe ich auch in der Zeit noch gelesen, aber deutlich weniger als die durchschnittlich 80 Bücher im Jahr, die ich früher geschafft hatte. Ich war viel zu sehr beschäftigt mit meinen Gedanken, Plänen, Neuerungen. Und wenn ich ehrlich bin, hat mir auch gar nichts gefehlt. Denn im Nachhinein ging es früher wirklich mehr darum, möglichst viel zu lesen und dabei blieb der Genuss häufig auf der Strecke. Kein Wunder, dass richtige Lesehighlights ausblieben und ich immer mehr Bücher gelangweilt zur Seite legte.

Als im Oktober 2017 dann für mich die Rückkehr in meinen alten Job bei LovelyBooks.de anstand, kam auch so langsam die Leselust zurück. Doch da mich die Themen von früher nicht mehr wirklich interessierten, sortierte ich hunderte von ungelesenen Büchern aus meinen Regalen aus. Bis auf ein paar gute Sachbücher, die ich zwischen 2015 und 2017 entdecken durfte, hatte mich aus meiner „Lesekomfortzone“ schon lange nichts mehr begeistert. Also raus mit den ganzen (Jugend)Romanen, die die Regale verstopften und irgendwie nicht mehr zu mir passten.

Und wie geht es jetzt weiter?
Ich merke, dass ich mit schlecht schlafendem Kleinkind nur noch sehr begrenzte Lesezeit habe, die ich genießen und mit Büchern verbringen möchte, die mir wirklich etwas geben. Deshalb habe ich dieses Jahr bisher auch erst ein Buch komplett gelesen (Ein Baum wächst in Brooklyn von Betty Smith) und ein paar andere abgebrochen. Aber anders als früher stresst mich das nicht mehr. Denn dieses eine Buch habe ich dafür wirklich genossen und denke auch weiter gern daran zurück. Andererseits breche ich Bücher, die mich nicht überzeugen können, schneller ab, egal wie viele andere davon schwärmen. Ich merke trotzdem, dass es mir noch gar nicht so leicht fällt, die passenden Bücher für meinen scheinbar veränderten Lesegeschmack zu finden. Für sehr literarisches fehlt mir aktuell die Ruhe, bei reiner Unterhaltung jedoch fehlt mir wieder Tiefe und etwas, was ich für mich daraus mitnehmen kann. Wenn ihr Empfehlungen für mich habt, immer gern her damit!

So schaue ich mir mit meiner Tochter, die schon ein echter Bücherwurm ist, also jeden Tag begeistert Unmengen an Bilderbüchern an. Es ist wirklich ganz erstaunlich, was sich die Verlage hier Tolles einfallen lassen. Und wenn sich die Zeit ergibt, darf ich am Abend oder auf dem Weg zur Arbeit auch in einem meiner eigenen Bücher versinken. Da das Thema „Bilderbuch“, von dem ich vorher keine allzu große Ahnung hatte, nun ziemlich an Bedeutung in meinem Leben gewonnen hat, möchte ich zukünftig auch einige unserer Lieblinge hier vorstellen. Hier gibt es nämlich viele Buchfavoriten, wobei die immer mal wieder durchwechseln. Aber auch über das, was ich so lese und welche Bücher mich interessieren (könnten), möchte ich euch hier berichten. Mal sehen, wohin die Reise geht und ob ich bald doch wieder ein bisschen mehr Zeit zum Lesen finde.  Die nächsten Bücher, auf die ich neugierig bin, stehen schon in den Startlöchern bzw. im Bücherregal bereit.

Aktuell

Von Odessa bis Istanbul

Normalerweise entsteht meine Meinung zu einem Buch, während ich es lese. Oft erst, nachdem ich am Ende angelangt bin und es zugeklappt habe.
Selten geschieht es, dass ich eine Geschichte immer besser finde, je länger ich über sie nachdenke. Ich merke es daran, dass ich sie nicht mehr aus dem Kopf bekomme, und dass ich das Bedürfnis habe, darüber zu sprechen.
„Außer sich“ von Sasha Marianna Salzmann habe ich schon vor Tagen gelesen, und mit jedem Tag, der vergeht, wächst meine Begeisterung für diesen Roman und meine Bewunderung für die Autorin, die mit diesem ihrem Debüt ein großes erzählerisches Talent erweist.

Identitätskrise, Suche nach dem wahren Ich, auf den Spuren der eigenen Wurzeln, Suche nach dem Ort, in dem man wirklich zu Hause ist. Viele Bücher über diese Themen habe ich gelesen, darunter auch sehr gute, aber keins so rätselhaft wie dieses.

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Unbekanntes Ziel

Während ich in einem Zug Richtung Süden sitze, sitzt auch Cora in einem Richtung Norden. Mein Ziel kenne ich, mein Sitz ist bequem und ich habe genug Licht zum Lesen. Cora weiß nicht, wohin sie fährt, ihr Waggon ist so klapprig, dass sie Angst haben muss, dass er auseinanderbricht, und wie es draußen aussieht, kann sie nur ahnen, es ist komplett dunkel. Sie fährt unter der Erde.
Cora ist eine Sklavin, und der Zug, mit dem sie ins Unbekannte fährt, die Underground Railroad.

Diese Underground Railroad hat existiert. Es handelte sich um eine Organisation, die Sklaven in die Freiheit geschmuggelt hat. Aber alles ohne einen unterirdischen Zug.
Colson Whitehead hat mit seinem Roman „Underground Railroad“ den diesjährigen Pulitzer Preis bekommen. Cora ist die Heldin dieses Romans, in dem die bis 1862 real existierende klandestine Organisation ein unterirdisches Eisenbahnnetz bekommen hat.

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Grausam und rachsüchtig

Während des Lesens von „Unterleuten“ von Juli Zeh habe ich mir oft gedacht: „Hoffentlich lesen meine bösen Nachbarn dieses Buch nicht!“. Sie würde nämlich auf super Ideen kommen, um mich zu quälen. Dieses Buch, dessen Romanfiguren hauptsächlich damit beschäftigt sind, sich miteinander zu bekriegen und das Leben unmöglich zu machen, ist eine wahre Anleitung zur erfolgreichen Tortur von Nachbarn.
Unterleuten ist ein kleines Dorf, in dem sich alle kennen, und in dem neue Bewohner so eine Art Mutprobe durchlaufen müssen (davon merken sie auch nichts), um sich so ihr Recht zu erkämpfen und verdienen, würdige Unterleutner zu sein. Das Sagen hat der Dorf-Häuptling, der alle Geheimnisse kennt und alle Fäden in der Hand hält.

Gegenwartsliteratur Rezensionen Roman

Das eigene Café: Traum oder Trauma?

Vor ein paar Jahren habe ich Moritz Netenjakob mal wieder im Fernsehen gesehen. Das Interessante an der Sache war, dass er nicht als Buchautor oder Kabarettist vor der Kamera stand. Die Bilder zeigten ihn hinter der Tresse eines Cafés. Seines Cafés. Das Beste von allem war der Name: „Macho Café“. Mitten im beliebten und bunten Köln-Sülz hat er sich einen Traum verwirklicht. Zusammen mit seiner Frau betrieb er ein deutsch-türkisches gastronomisches Lokal, in dem er auch Lesungen hielt, und in dem die Speisekarte von seinen schriftstellerischen und komödiantischen Fähigkeiten zeugte. Da es sich um ein Familienunternehmen handelte, mussten auch die Denizoğlus ran, wie zum Beispiel Tante Emine, die den Umsatz mit Kaffeesatzlesen steigerte.
Wie ich mir gewünscht habe, eines Tages im „Macho Café“ sitzen zu dürfen! Die Erfüllung dieses Wunsches wurde mir leider nicht gegönnt. Das Café gibt es mittlerweile nicht mehr.

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Ein deutsches Herz, ein türkisches Herz

Wer nicht an die Liebe glaubt, wird es spätestens nach dem Lesen von „Die Farben im Spiegel“ tun. Dieses Buch ist der zweite Erwachsenenroman von der deutsch-türkischen Autorin Deniz Selek.

Mit ihrem Roman „Die Frauen vom Meer“ hat mich Deniz Selek sehr berührt. Diese Geschichte, von den Frauen in ihrer Familie inspiriert, zeigt, wie unmissverständlich sie ihren Ursprung als Deutsche und Türkin lebt.
Jetzt mit „Die Farben im Spiegel“ stellt sie uns ein ganz anderes Thema vor. Die Handlungsorte, hauptsächlich Hannover und Istanbul, wie in allen ihren Büchern, zeigen, wie verbunden Deniz Selek sich ihren Heimatorten fühlt.
Mit „Die Farben im Spiegel“ hat sie einen Liebesroman geschrieben. Keinen gewöhnlichen oder durchschnittlichen Liebesroman, sondern einen, der gleichzeitig zeigt, was es bedeutet, zu zwei so unterschiedlichen Kulturen zu gehören. Denn dies gehört zu dieser Liebesgeschichte zwischen Alev und Koray dazu. Sie findet nämlich in zwei Städten, zwei Ländern, zwei Kontinenten statt. Und unglaublicherweise sind diese räumliche Distanz und auch die langen Zeitspannen die, die diese zwei Menschen trennen, aber auch genau das, was sie immer wieder zusammen bringt.

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Gut gemacht, Herr Agualusa!

Ich glaube, ich habe mein Highlight des Jahres gefunden: „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“, einen genialen Roman, der in einem afrikanischen Land spielt, von dem ich bisher nur das wusste, worüber in den Nachrichten berichtet wurde, Angola.

Der angolanische Schriftsteller José Eduardo Agualusa hat ein Buch geschrieben, dessen Protagonistin für Furore sorgt, indem sie wie Robinson Crusoe 30 Jahre lang allein und isoliert in ihrer eigenen Wohnung gelebt hat.

„Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ ist ein faszinierendes Buch mit einer sehr ungewöhnlichen Heldin (im wahrsten Sinne des Wortes) und einer sehr originellen Handlung mit mehreren überraschenden Wendungen, die bei mir große Begeisterung ausgelöst haben.

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Katastrophal lustig!

Endlich ein neues Buch von Elisabeth Kabatek! Ihre schwäbischen Heldinnen sind legendär, und ihr Humor und ihre Fantasie, chaotische Zustände in Szene zu setzen, genau nach meinem Geschmack.
In ihrem neuen Buch, „Kleine Verbrechen erhalten die Freundschaft“, hält Elisabeth eine Überraschung parat: Diesmal gibt es auch einen männlichen Helden, natürlich auch schwäbisch. Das ist Jan, nicht nur Held sondern auch Opfer von Luise und Sabrina (selbstverständlich auch Schwäbinnen).
Die Wege der drei kreuzen sich durch puren Zufall. Sie befinden sich auf der Flucht vor ihren eigenen Leben und wissen nicht, wie es weiter gehen soll. Zu dritt entwickeln sie einen Plan, der eigentlich kein Plan ist. In Wahrheit haben sie gar keinen Plan und lassen das Schicksal über sie entscheiden. Um genauer zu sein, sind die katastrophalen Umstände ihrer Zusammenkunft, das, was ihnen den Weg weist.

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Die Erweiterung des Horizontes

Aktuell ist das Thema Nummer 1 in Deutschland die Flüchtlinge und die Probleme, die sie allein mit ihrer bloßen Präsenz verursachen. Vielen Menschen, die sich ausschließlich negativ darüber äußern, würde ich gerne nur eine einzige Frage stellen: Was hat sich in deinem Leben seit dem letzten Flüchtlingsansturm verändert? Bestimmt haben die meisten von ihnen keine Antwort auf diese Frage. Nicht aber Richard. Er hat viel zu erzählen. Denn sein Leben hat sich in der Tat verändert, dank der Existenz der Flüchtlinge.

„Gehen, ging, gegangen“ von Jenny Erpenbeck ist sozusagen Richards Antwort auf die Frage, ob sich etwas in seinem Leben verändert hat, seitdem die Flüchtlinge die Straßen Deutschlands bunter und exotischer machen.

Am Anfang könnte man den Eindruck haben, dass Richards Interesse für die Flüchtlinge wissenschaftlicher Natur ist. Als Universitätsprofessor, der gerade in die Rente eingetreten ist, geht er erstmals mit diesem Interesse wie mit einem Forschungsprojekt vor, bis er eines Tages merkt, wie sein Leben sich in der Tat verändert hat. Wegen der Flüchtlinge.

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Unbeugsame Frauen

Die Schriftstellerin Katja Maybach hat mit ihrem neuesten Roman „Die Stunde unserer Mütter“ eine Geschichte über eine große Freundschaft zwischen zwei Frauen und ihren jeweiligen Töchtern geschrieben, die mich tief berührt hat. Zwei Frauen, so mutig und aufrichtig, dass man einen großen Respekt für sie empfinden muss.

Mitten im Zweiten Weltkrieg sehen sich Maria und ihre Schwägerin Vivien dazu gezwungen, zusammen zu leben. Sie bewältigen den Alltag in den schwierigen Zeiten und versuchen, das Beste aus ihrer Situation zu machen, obwohl sie es alles andere als einfach haben: Marias Mann, wie fast jeder andere Mann im Deutschland der 40er Jahre, kämpft an der Front, und Viviens Mann riskiert sein Leben, indem er Juden versteckt.
Maria und ihre Tochter Anna, und Vivien und ihre Tochter Antonia sind charakterstarke Romanfiguren, an die ich lange denken werde. Den Nationalsozialismus nehmen sie nicht als selbstverständlich hin und das Konzentrationslager, das praktisch vor ihrer Tür liegt, ignorieren sie nicht, wie es sonst Millionen Deutsche getan haben.

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