Kategorie: Rezensionen

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Berührend und überraschend: ein neues Lieblingsbuch

Alina Bronsky ist eine meiner Lieblingsautorinnen. Und fast jedes Buch von ihr ist eins meiner Lieblingsbücher. Starke Frauen, die viel durchgemacht haben und die wissen, ihren Willen durchzusetzen, Bronskys Romanfiguren gibt es kein zweites Mal.

Gerade beendete ich die Lektüre ihres neuesten Romans, „Barbara stirbt nicht“, und ich bereue es sehr, nicht langsamer gelesen zu haben, so wenig Zeit mit den Menschen in diesem Roman verbracht zu haben. Ich habe sie alle in mein Herz geschlossen, sogar diejenige, die nur einen kurzen Auftritt hatten.

Diesmal ist erstaunlicherweise ein Mann, ein ganz normaler deutscher Mann, und keine resolute sowjetische Frau, der Held der Geschichte. Und diese Überraschung ist Alina Bronsky sehr gut gelungen.

Aktuell Gegenwartsliteratur Rezensionen

Spannend und unterhaltend auf höchstem Niveau

„Rochade“ von Reinhard Tötschinger zu lesen, war eine meiner besten Entscheidungen der letzten Monate.

Die Geschichte um ein Gemälde von Vermeer (vielleicht das teuerste Gemälde aller Zeiten) hat mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht. Die „Malkunst“ soll nicht nur so wertvoll sein, es gilt als Vermeers schönstes Bild. Aber noch interessanter ist dessen Vergangenheit. Ursprünglich einem anderen Maler zugeschrieben, mehrmals kopiert und gefälscht, als Hitlers Lieblingsbild sollte es einen besonderen Platz im „Führermuseum“ bekommen, bevor es sein endgültiges Zuhause im Kunsthistorischen Museum in Wien gefunden hat.

Ja, ein endgültiges Zuhause wünscht sich jeder, sogar ein Bild wie die „Malkunst“, das weiß natürlich Clemens, der Restaurator, der den Auftrag bekommen hat, den ursprünglichen Zustand der „Malkunst“ nach einem Attentat wiederherzustellen. Deswegen bemüht er sich, dem Bild diesen Wunsch zu erfüllen, denn ein ehrgeiziger und rücksichtsloser Kanzler würde die „Malkunst“ sehr gern in seinem Kanzlerbüro aufhängen. Eine verrückte Vorstellung, eine undemokratische Handlung und auf jeden Fall nicht im Sinne des Bildes.

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Fatale Ausstrahlung

Schon als Kind fand ich Leuchttürmer faszinierend. Sie besaßen für mich eine romantische Aura. Auch die Vorstellung, in einem Leuchtturm zu leben und zu arbeiten, hatte etwas Idyllisches an sich. Aber es gab noch etwas, was die Sache weniger malerisch machte: die Einsamkeit.

In ihrem Debütroman „Die Leuchtturmwärter“ erzählt Emma Stonex eine Geschichte über einen Leuchtturm auf offener See und dessen Bewohner, drei Leuchtturmwärter, die für ihre Zeit auf dem Leuchtturm auf ein komfortables Leben auf dem Festland und auf ihre Familien verzichten mussten.

Emma Stonex zeigt in ihrem Buch, dass, um Leuchtturmwärter zu sein, viel Disziplin und Selbstbeherrschung voraussetzt. Man muss schließlich den wenigen Raum, der zur Verfügung steht, mit anderen teilen, und bei Unstimmigkeiten, gar Streitereien, gibt es kein Entkommen.

Das Team der Maiden, Stonex‘ Leuchtturms, wirkt auf den ersten Blick relativ harmonisch, die täglich anfallenden Arbeiten werden problemlos erledigt, die Männer scheinen, sich zu verstehen, Differenzen sind noch im Rahmen des Vertretbaren. Dieser Eindruck hält so lange an, bis sie uns ihre Gedanken, Gefühle und Ängste offenbaren. Dann merkt man: In Wirklichkeit brodelt es im Inneren der Männer wie in einem Vulkan.

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„Wir wollen kein weiches Begräbnis!“

Nach dem Lesen vom „Wuhan Diary“ habe ich mich sehr für dessen Autorin, die bekannte chinesische Schriftstellerin Fang Fang, interessiert. Leider sind Informationen über sie nicht so einfach zu finden. Aus diesem Grund habe ich mich gefreut, als vor kurzem ein weiteres Buch von ihr auf Deutsch im Verlag Hoffmann und Campe erschienen ist: „Weiches Begräbnis“. Für mich stand fest, dass ich dieses Buch lesen muss!

Warum „weiches Begräbnis“. Das war das Erste, was ich mich gefragt habe, als ich den Titel las. Was ist das? Was bedeutet es? So ein Titel klingt vielleicht romantisch. Beim Lesen aber habe ich gelernt, dass darunter sich eine Grausamkeit verbirgt. Ein weiches Begräbnis wünscht sich kein Mensch chinesischen Ursprungs. Ein Begräbnis ohne Sarg, der Körper im direkten Kontakt mit der Erde, ist eine unzumutbare Sache, eine große Ungerechtigkeit. Wer ohne Sarg begraben wird, wer keine würdige Beerdigung bekommt, kann nicht wieder geboren werden, der muss als klagender Geist bis in die Ewigkeit umherirren.

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Ich möchte auch eine Georgierin sein!

Ich muss immer wieder an dieses Buch denken. Selten hat mir eine Geschichte so viel Freude bereitet. So viel, dass ich mir beim Lesen gewünscht habe, selber Teil der Handlung, eine der Figuren darin zu sein.

Angelika Jodl hat mich mit „Laudatio auf eine kaukasische Kuh“ nicht nur sehr gut unterhalten, sie hat mich berührt und auch viel über das georgische Volk und dessen ganze Vielfalt beigebracht.

Mein erster Eindruck beim Lesen der ersten Seiten war, dass diese Autorin sich sehr gut in Sachen Georgien und Georgier auskennt. Gegen Ende war ich sogar davon überzeugt, dass Angelika Jodl eine echte georgische Seele besitzt. So authentisch und leidenschaftlich beschreibt sie das Leben und den Charakter der Menschen im Kaukasus.

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Inspirierend

Vor vier Jahren habe ich ein Buch gelesen, das ich in jeder Hinsicht perfekt gefunden habe, und über das ich sagte, dass es das Buch wäre, das ich hätte schreiben wollen. Dieses Buch heißt „Euphoria“ und dessen Autorin Lily King.

Jetzt halte ich ihr neuestes Werk in den Händen und muss staunen. „Writers & Lovers“ ist in allen Aspekten ein komplett anderes Buch als „Euphoria“. Es ist eine sehr persönliche Geschichte. Beim Lesen musste ich immer wieder daran denken, was Lily King über dieses, ihr neuestes Buch sagte: Es ist der Roman, den sie vor 30 Jahren so vermisst hat, der Roman, den sie vor 30 Jahren hätte schreiben wollen.

Es muss etwas ganz Besonderes sein, endlich das eine Buch geschrieben zu haben, mit dem man sich komplett identifizieren kann, genau das geschrieben zu haben, was man schreiben wollte. Das klingt vielleicht einfach, aber wenn man liest, was Lily King zur Entstehung des Romans erzählt, wird einem klar, dass das nicht so ist.

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Casey, ihr Hauptcharakter, ist eine tragische Figur. Kein Glück im Leben. Seit Jahren wechselt sie ihre (mittelmäßigen) Jobs, ihr Schuldenberg wächst stetig, Männer sind nicht zuverlässig in der Liebe, krankenversichert zu sein ist eine Chimäre und ihre Mutter, die Person, der sie sich am engsten verbunden fühlte, ist tot. Aber Casey bleibt in einer einzigen Sache konsequent: Sie schreibt und sie glaubt daran, dass sie schreiben kann.

Aktuell Gegenwartsliteratur Rezensionen Roman

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„Das Schreiben war das einzige Mittel, meinen Gefühlen und meinem seelischen Zustand Luft zu verschaffen.“

Als am 23. Januar 2020 die chinesische Millionenstadt Wuhan abgeriegelt wurde, um die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus zu verhindern, fühlten wir uns in Europa relativ sicher, dass es sich bei dem SARS-CoV-2-Virus um ein chinesisches Problem handelt, obwohl Experten weltweit vor einer Pandemie warnten.

Als unsere Bundeskanzlerin Mitte März entsprechende Einschränkungen für Deutschland angekündigt und an die Bevölkerung appelliert hat, sich strikt daran zu halten, lebten die Wuhaner bereits zwei Monate von der Welt isoliert, und ohne ihre Wohnungen verlassen zu dürfen. Und auch wenn unsere Quarantäne eine komplett neue Erfahrung für die meisten in Deutschland Lebende gewesen ist, kann man es niemals mit dem, was die Wuhaner durchgemacht haben, vergleichen.

Weil sie ihre Tochter vom Flughafen am Abend des 22. Januar abholen musste, blieb die in China sehr bekannte Schriftstellerin Wang Fang – unter dem Pseudonym Fang Fang veröffentlicht sie ihre Werke – in ihrer Wuhaner Wohnung über Nacht und erlebte die beispiellose Abriegelung einer Stadt.

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Die kalten Mieter

Ich habe mir immer gewünscht, für immer zu leben. Leider hat es bisher keiner geschafft, eine Methode zu entwickeln, die die ewige Jugend garantiert. Bis die Wissenschaft soweit ist, gibt es die Möglichkeit, den eigenen Körper in so eine Art „Standby“-Zustand zu setzen. Ähnlich wie der Winterschlaf mancher Tierarten. Der ganz schön Science-Fiction-mäßige Name für diese Methode ist Kryonik, und wird in der Tat von nicht zu wenigen Menschen in Anspruch genommen.

Wenn ich jemals mit dem Gedanken gespielt habe, mich einfrieren zu lassen, hat sich das für mich spätestens nach der Lektüre von „Kachelbads Erbe“ endgültig erledigt.

Mitte der 80er Jahre: Hendrik Otremba erzählt eine Geschichte, wie ich noch nie gelesen hatte. Es ist die Geschichte von sechs sehr außergewöhnlichen Menschen, die irgendwann in ihrem Leben die Entscheidung treffen, sich einfrieren zu lassen.

Als Erstes musste ich mich an die Bezeichnung für die Eingefrorenen gewöhnen. Es wurde nicht von Toten gesprochen sondern von „kalten Mietern“. Also man soll nicht davon ausgehen, dass die Anbieter oder Betreiber von der Kryonik sich als Totenwächter oder ihre Einrichtungen als Friedhöfe betrachten oder definieren.

Das Thema dieses Buches hat mir viel abverlangt. Nicht nur die Kryonik, – auch die Schicksale der für diese Geschichte auserwählten kalten Mieter – hat mich tagelang beschäftigt, die Endzeit-Atmosphäre hat mich bedrückt und die nebenbei gewonnenen Erkenntnisse über Kryonik mich erschüttert.

„Kachelbads Erbe“ ist ein ergreifender Roman, bei dem erstaunlicherweise gerade das, was als das Unglaublichste empfunden wird, eine real existierende Institution ist. Von dem Rest muss man sich aber auch überraschen lassen.

HOFFMANN UND CAMPE
Gebundene Ausgabe
432 Seiten
Erscheinungsdatum: 5. August 2019
Preis: EUR 24,00
ISBN-13: 978-3455006186

Gegenwartsliteratur Rezensionen

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Der Missverstandene

Auch Genies sind nur Menschen. Mit Macken, Träumen, Ängsten, Problemen, Illusionen. Sie sind in der Lage, Großartiges zu schaffen, aber sie können natürlich auch Fehler machen und Unzugänglich sein. Sie sind Menschen mit allem Drum und Dran.
In seinem Buch „Marx. Der Unvollendete“ zeigt Jürgen Neffe, dass all dies (und noch mehr überraschende Tatsachen und Charakterzüge) auch für Karl Marx gilt.

„Marx. Der Missverstandene“ könnte auch ein guter Titel für dieses Buch sein. Karl Marx, der (theoretische) Revolutionär, der Kommunist schlechthin – love him or hate him, wie Marmite. Keinem Menschen wurden so viele politische und wirtschaftliche Katastrophen, so viele Toten und tyrannischen Regierungen angehängt. Weil er die historische Figur ist, die man am meisten mit dem Kommunismus in Verbindung bringt. Dieser Mann und sein Vermächtnis wurden bis heute, mehr als 130 Jahre nach seinem Tod, nicht vergessen und werden als Ursache schwerer Krisen in Ländern – ein aktuelles Beispiel ist Venezuela, dessen Ökonomie von einem Tyrannen innerhalb weniger Jahre zerstört, und von einem Einwanderungsland in eine Nation von Wirtschaftsflüchtlingen verwandelt wurde. Und das im Namen des Kommunismus.
Und dabei war Marx hauptsächlich ein Philosoph mit einer Vision, in der er nur der Wohlstand und die Freiheit aller Menschen aller Nationen beabsichtigte. Dies wird in Jürgen Neffes Buch besonders deutlich gemacht.

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Blick hinter die glamouröse Fassade des Kolonialismus

Die britische Schriftstellerin Kat Gordon hatte mit ihrem Roman „Kenia Valley“ eine Überraschung für mich parat.
Orte, Geschichte und Romancharaktere haben mich in das Kenia der 20er und 30er Jahre versetzt. Auf den ersten Blick sieht man eine glamouröse Welt, typisch für die britischen Kolonien. Geld, weiße Stoffe, geräumige Häuser, Tee in Porzellantassen, eine Atmosphäre wie in „Der große Gatsby“, alles vor der imposanten Kulisse der afrikanischen Savanne. Das allein würde reichen für einen Roman über das Afrika in der Kolonialzeit. Für Kat Gordon ist das nicht genug. Sie möchte noch viel mehr zeigen. Sie möchte, dass der Leser noch mehr sieht: was hinter dieser glamouröse Fassade steckt.
Der 15-jährige Theo ist ihr Mittel zum Zweck. Er kommt mit seiner Familie nach Kenia. Kurz danach darf er sich in exzentrischen Kreisen bewegen. Dabei lernt er ein anderes Gesicht Kenias kennen.

Jahrzehntelang hat Europa Kolonien in Afrika unterhalten. Nachdem die Menschen und die natürlichen Ressourcen ausgebeutet wurden, hinterließen die europäischen Mächte die Länder und deren Bewohner als Wrack zurück.
Kat Gordon beschreibt die Verhältnisse, die in der Blütezeit der britischen Herrschaft über Kenia dominierten. Die persönliche Entwicklung Theos ist ein Beispiel dafür, wie gewisse Umstände eines Landes – politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche – ein Individuum beeinflussen können.

Die Lektüre von „Kenia Valley“ habe ich sehr genossen, auch wenn mich die Autorin gegen Ende mit einer bösen Überraschung leicht frustriert hat. Aber nicht immer verläuft die Handlung, wie es sich der Leser wünscht. Und für Überraschungen, egal welcher Art, bin ich immer bereit.

Atlantik
Gebundene Ausgabe
432 Seiten
Erscheinungsdatum: 24. April 2018
Preis: EUR 20,00
ISBN: 978-3455002775

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