Zerbrechlich von Jodi Picoult

Sie hatte sieben Knochenbrüche, bevor sie einen einzigen Atemzug tat; achtundsechzig, als sie sechs Jahre alt ist. Denn Willow O’Keefe hat die Glasknochenkrankheit, Osteogenesis imperfecta, und ihre Knochen können beim kleinsten Stoß brechen, sogar wenn sie sich im Schlaf umdreht oder niest. Ihr Leben besteht aus unermüdlich aufeinanderfolgenden Genesungsprozessen, Rückschlägen, Therapien und Operationen, unter denen nicht nur sie leidet, sondern auch ihre Eltern und ihre sieben Jahre ältere Schwester Amelia. Zusätzlich kommt noch die enorme finanzielle Belastung hinzu, die die Familie allmählich nicht mehr tragen kann. Eine Anwältin rät ihnen, ihre Frauenärztin zu verklagen, denn diese hätte schon in der achtzehnten statt in der siebenundzwanzigsten Schwangerschaftswoche Anzeichen der Krankheit auf dem Ultraschallbild erkennen müssen, sodass Charlotte darüber informiert worden wäre. Gewinnen sie den Prozess, bekommen sie Schadensersatz zugesprochen.

Die Klage stürzt jedoch vor allem Willows Mutter Charlotte in einen Gewissenskonflikt: Nicht nur, dass ihre Frauenärztin ihre beste Freundin Piper ist, sondern sie muss vor Gericht aussagen, dass Willow eine ungewollte Geburt war und sie sie abgetrieben hätte, hätte sie von der Krankheit gewusst. Kann sie die Klage tatsächlich bis zum Ende durchziehen, ohne dass die Familie daran zerbricht?

Die Geschichte wird, wie es bei einem Buch von Jodi Picoult üblich ist, aus mehreren Perspektiven erzählt: aus der Charlottes, der der dreizehnjährigen Amelia, der des Vaters, der Pipers, sowie der der Anwältin Marin, die die Familie O’Keefe vor Gericht vertritt. Sie alle sprechen aus der Ich-Perspektive zu Willow, was mir sehr gut gefiel. Marins und Pipers Perspektiven fand ich allerdings überflüssig, vor allem Pipers, da sie mir nicht sympathisch wurde und ich ihre Perspektive einfach unnötig fand. Marins Hintergrundgeschichte hätte man auch etwas kürzen können; manchmal hatte ich das Gefühl, dass sie sich für den Mittelpunkt der Welt hält und der Prozess ihr nicht besonders wichtig ist. Einige kleine Sachen haben mich außerdem an der Geschichte gestört, die ich aber nicht darlegen kann, ohne zuviel zu verraten.

Richtig gut gefällt mir, wie eindrucksvoll Gefühle und Konflikte geschildert werden, und obwohl mir längst nicht alle Bücher von Jodi Picoult gefallen („Das Herz ihrer Tochter“ fand ich beispielsweise überhaupt nicht gut), bewundere ich die Autorin dafür, moralische Konflikte hinaufzubeschwören, die einen nicht mehr loslassen, bis man eine Lösung gefunden hat – wenn es denn eine „richtige“ gibt.

„Zerbrechlich“ erzählt nicht nur von der Zerbrechlichkeit von Willows Knochen, sondern auch von der Zerbrechlichkeit des Glücks geprägt. Charlottes Perspektive hat mich von allen ganz klar am tiefsten berührt, aber auch Amelias Sichtweise, vor allem zu Beginn der Geschichte, geht dem Leser unter die Haut. Denn nicht nur Charlotte verliert im Prozess ihre beste Freundin, sondern auch Amelia, deren beste Freundin Pipers Tochter ist.

Fazit: „Zerbrechlich“ ist ein komplexes, gefühlsvolles und tiefgehendes Buch, das man nicht wieder vergisst. Absolut lesenswert!
Meine Wertung: 4,5 von 5 Sternen.

Bastei Lübbe Verlag
gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag
622 Seiten
Ersterscheinung: 25.09.2010
Aus dem Englischen von Rainer Schumacher
Originaltitel: Handle with Care
Preis: 19,99€ [D]
ISBN: 978-3-431-03828-6

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