Numbers – Den Tod im Blick von Rachel Ward

Wer hat sie nicht gesehen – die Bilder von Terroranschlägen, wie etwa auf das World Trade Center? Für Jem und Spinne bleiben es jedoch nicht nur Bilder, denn die beiden sind sozusagen mitten drin, als in London eine Bombe im London Eye, dem riesigen, die ganze Stadt überblickenden Riesenrad, hochgeht. Eigentlich wären Jem und Spinne auch betroffen gewesen, wenn da nicht eine Tatsache wäre:

Jem kann das Todesdatum jedes Menschen vor ihrem inneren Auge sehen, wenn sie ihm in die Augen schaut. Ausgerechnet als sie und ihr einziger Freund Spinne, ein großer, schlaksiger, schwarzer Junge, vor dem London Eye anstehen, haben plötzlich alle anderen das gleiche Todesdatum: Heute! So weiß Jem, dass etwas Schlimmes passieren wird und drängt Spinne, der von ihrer „Gabe“ nichts ahnt, mit ihr abzuhauen.

Dummerweise werden die beiden dabei von Kameras gefilmt und als es später dann wirklich zum Anschlag kommt, werden Jem und Spinne zu den wohl meistgesuchten Menschen des Landes, denn alle nehmen an, dass sie etwas über diese Sache wissen. Da Jem und Spinne beide schon Dreck am Stecken haben, hauen sie ab, denn sie fürchten ins Gefängnis zu kommen. Wie solllte Jem ihre Fähigkeit, das Todesdatum anderer Menschen zu sehen, auch anderen glaubhaft machen? Und so beginnt eine spannende Verfolgungsjagd, auf der nicht allein die Verfolgung ein Problem bleibt.

Eins plagt Jem, die normalerweise keine Freunde hat, weil sie es nicht ertragen kann zu sehen, wann diese Menschen sterben werden, nämlich noch: Auch Spinne hat nur noch ein paar Tage zu leben! Gelingt es vielleicht doch Spinnes Schicksal nochmal umzukehren?

„Numbers – Den Tod im Blick“ ist wirklich ein außergewöhnliches Buch mit einer ganz außergewöhnlichen Geschichte! Ist die Inhaltsbeschreibung schon spannend, so ist das Buch selbst an Dramatik und Ideenreichtum nicht zu überbieten. Das liegt besonders an den anbetungswürdigen Hauptfiguren, deren ganz eigenem Charme ich mich absolut nicht entziehen konnte. Während Jem schwer zu kämpfen hat mit ihrer Todessicht, ist Spinne ein witziger, weltoffener Typ. Gegenseitig bringen sie sich mehr über das Leben bei und schon bald öffnet sich Jem, während Spinne erkennt, dass es auch Ernst im Leben gibt, ernsthafte Liebe zum Beispiel.

Dieses Buch hat für mich zu Recht eine Altersempfehlung ab 14 Jahren, denn es geht schon sehr rasant und teils brutal zu. Außerdem haben Jem und Spinne einen Sprachstil entwickelt, der seinesgleichen sucht. Sie sagen beide, was sie denken und das kommt häufig ganz schön schnodderig daher, passt aber perfekt zur Handlung und macht alles nur noch glaubhafter. Denn bis auf diese eine Sache, eben dass Jem das Todesdatum eines jeden Menschen an seinen Augen ablesen kann, ist hier nichts verstellt oder geschönt. Die Glaubhaftigkeit ist hier ein extrem wichtiger Aspekt für mich, denn sie ist es, die das Buch derartig fesselnd macht.

Rachel Ward hat somit nicht nur eine Fantasy-Story geschrieben, sondern erzählt auch von ernsthaften Themen wie Rassismus, Ausgrenzung und Mobbing. Diese Thematik bindet sie aber so gekonnt in die Handlung ein, dass Jugendliche sich nicht belehrt fühlen, sondern viel mehr hintergründig angewiesen werden, sich selbst Gedanken über das Leben zu machen, darüber, wie es ihnen selbst geht, was sie besser machen könnten und vor allem: wie es anderen Menschen, besonders Jugendlichen, in ihrem Alter ergeht. Spinne und Jem sind hierfür eine wunderbare Vorlage.

Bis zum Ende ist „Numbers – Den Tod im Blick“ eine spannende Odyssee zweier Jugendlicher durch England und auch der Schluss rüttelt nochmal richtig auf. Teilweise habe ich mit diesem Ende gerechnet, aber dann setzt die Autorin plötzlich noch etwas drauf und ich war vollkommen fasziniert von diesem Einfallsreichtum. Nun möchte ich einerseits eine Fortsetzung und zugleich doch nicht, weil das irgendwie die großartige Originalität dieses Abschlusses kaputt machen würde. Ich kann mich nicht entscheiden, was ich jetzt will… aber eins ist klar: Ich möchte, dass ihr dieses Buch unbedingt lest, wenn euch die Geschichte anspricht rein inhaltlich anspricht, denn stylistisch ist sie grandios!

Ein interessantes Interview mit der Autorin findet ihr hier: Interview

Chicken House Verlag
368 Seiten, 13,3 x 19,8 cm
Klappenbroschur mit Prägung und Spotlackierung
ab 14 Jahren
€ (DE) 13,95
ISBN 978-3-551-52007-4

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