Im Winter dein Herz von Benjamin Lebert

Ein großes Fragezeichen

Für Benjamin Lebert ist unser Planet in zwei große Bevölkerungsgruppen geteilt: in Winterschläfer und nicht Winterschläfer. Während im nördlichen Teil der Erde das Leben acht Wochen lang im Winter pausiert, geht es offensichtlich weiter und vor allem lebendiger im Süden zu.

Interessant wird es erst, wenn im Winterschlaf-Teil jemand auf die Idee kommt, den ganzen Winter wach zu bleiben. Um nicht komplett einsam zu sein, sollte man andere Winterschlaf-Verweigerer ausfindig machen, um den Winter zusammen zu verbringen. Und genau so macht es Robert, ein junger Mann, der eine Therapie in einem Krankenhaus eines kleinen Ortes machen soll. Zu dieser Therapie gehört zwingend der Winterschlaf. In einem rebellischen Akt entschließt er sich, nicht zu schlafen und stattdessen, zusammen mit der mutigen jungen Frau Annina und dem Grobian Kudowski, Richtung Süden zu fahren.
Robert hat ein Ziel, aber bevor er dieses Ziel erreicht, geschieht viel.

Und darum geht es in dem Roman mit dem romantischen Titel „Im Winter dein Herz“ von Benjamin Lebert: Um Roberts Ziel, um seinen Begleiter, um den Weg und um alles, was die Reisenden erleben auf einem Weg, der ein verschneites schlafendes Land durchkreuzt.

Den roten Faden in dieser Geschichte bildet der Winterschlaf. Jede Handlung hängt davon ab, ob sie in der Zeit dieser Winterpause durchführbar ist oder nicht. Der Winterschlaf beeinflusst Gemüter und Verhalten aller, die sich entscheiden, wach zu bleiben. Und auch die Landschaft und die Ortschaften bieten ein ganz anderes Bild als sonst.

Dieses Buch ist ein ungewöhnliches „Roadmovie“, das nicht nur auf den verschneiten Landstraßen stattfindet, sondern auch im Inneren der drei Reisenden.

Benjamin Lebert versucht, die besondere Atmosphäre einer winterlichen schlafenden Welt zu vermitteln und der Ortschaften, die während der Zeit des Winterschlafes wie Geisterstädte wirken. Auch die Gedanken- und Gefühlswelt der Protagonisten und deren Entwicklung während der Reise sind ein wichtiges Thema bei Lebert. Genug Material liefern Robert, Annina und Kudowski für eine Psychoanalyse, weil ihre Psychen kompliziert genug sind. Und auf diese psychische Analyse verwendet Benjamin Lebert alle Mühe.

Leider wird es an manchen Stellen zu viel des Guten. Immer wieder wird der Erzählfluss durch die detaillierten Schilderungen von Kindheitserinnerungen unterbrochen, was, meiner Meinung nach, die Lektüre erschwert. Besonders schade ist das bei Szenen mit viel Gefühl- und Emotionspotential, die nie einen Höhepunkt erreichen konnten, weil sie immer durch die eingebauten Rückblenden an Stärke und Spannung verloren haben.

Und der Winterschlaf…
Auf diesen Winterschlaf in der Geschichte hätte ich völlig verzichten können.
Während der Lektüre ist meine Abneigung gegen alles, was mit diesem Winterschlaf zu tun hatte, nur gewachsen. Ich habe an keiner Stelle nachvollziehen können, warum ein Winterschlaf bei Menschen notwendig sein sollte. Und das hat mir den Lesegenuss etwas verdorben. Ein Austausch mit anderen Lesern hat mir gezeigt, dass ich nicht allein mit meiner Meinung bin… Andererseits gibt es auch einige, die sich sehr gut vorstellen könnten, einen Winterschlaf zu machen. Also bietet dieses Thema genug Stoff für Diskussionen, und somit ist es für mich nicht ganz abzuwerten.

Wer unter dem Titel „Im Winter dein Herz“ eine Liebesgeschichte vermutet, der sei gewarnt. Viel poetische Sprache ist aber vorhanden.

Zu diesem Buch habe ich eine gespaltene Meinung. Die Gründe dafür habe ich ausführlich erklärt. In der Regel ist es so, dass ich mich gerne festlegen möchte, ob mir ein Buch gefallen hat oder nicht, ob die Figuren mein Herz erreicht haben oder nicht. Bei diesem Buch möchte ich lieber auf eine Festlegung verzichten. Es wird bei mir in meiner Erinnerung als großes Fragezeichen bleiben.

Hoffmann und Campe
Gebundene Ausgabe
156 Seiten
Erscheinungstermin: 22. Februar 2012
Preis: EUR 18,99
ISBN: 978-3455403602

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