Der Russe ist einer, der Birken liebt von Olga Grjasnowa

Zuhause ist das, was man vermisst

Mascha ist jung, intelligent und kann neue Sprachen mit besonderer Leichtigkeit lernen. Ihr Leben und ihre Welt sind von einer gewissen Internationalität bestimmt, ihre Gedanken kennen keine Grenzen. Aber Mascha ist nicht zufrieden, sie weiß nicht, was sie vom Leben und den Menschen, die ihr nah stehen, erwarten soll, oder was sie zu geben hat. Nach einem tragischen Ereignis trifft Mascha eine Entscheidung, die ihr helfen soll, alles hinter sich zu lassen und ein neues Leben anzufangen. Leider kommt alles ganz anders, als sie es sich vorgestellt hat.

Das ist die Geschichte von Mascha, der ungewöhnlichen Heldin von Olga Grjasnowas Erstlingswerk „Der Russe ist einer, der Birken liebt“, einem Roman, der berührt.

Olga Grjasnowa gewährt uns einen tiefen Einblick in die Seele einer jungen Frau, die alles andere als einfach ist. Mascha ist kompliziert, ihre Beziehung vor allem zu denen, die sie lieben, ist zwiespältig und konfliktbeladen. Sie trifft ständig falsche Entscheidungen und verletzt die Menschen, die ihr am nächsten sind. Und das realisiert sie oft erst dann, wenn es zu spät ist; sie quält sich mit Erinnerungen und mit Sehnsüchten. Sehnsüchten nach einem Zuhause und nach Menschen, die sie selber verstoßen hat.

„Der Russe ist einer, der Birken liebt“ ist ein Roman, der berührt und nachdenklich macht. Er erzählt nicht nur die Geschichte einer jungen Frau, es ist auch eine Geschichte aus der Sicht junger Menschen mit dem so genannten „Migrationshintergrund“, gebildeten, intellektuellen jungen Leuten, die fast täglich mit Intoleranz, Vorurteilen und Ignoranz konfrontiert werden.

Mit Mascha hat Olga Grjasnowa eine Romanfigur kreiert, die so real ist, dass man das Bedürfnis spürt, sie besser kennen zu lernen, sie zu verstehen, und sie sogar zu beschützen, auch vor sich selbst. Denn Maschas Entscheidungen sind teilweise selbst zerstörerisch.

Olga Grjasnowa besitzt die Fähigkeit, die Gefühle und die Beweggründe ihrer Romanfiguren so zu vermitteln, dass der Leser keine andere Wahl hat, als in die innere Welt dieser Figuren einzutauschen und so mit ihnen mitzufühlen. Das schafft sie mit einer klaren Sprache, die den Leser die Empfindungen ihrer Figuren, insbesondere Maschas, intensiv wahrnehmen lässt. Manchmal sind sie herzzerreißend, manchmal auch schockierend. Die Geschehnisse, die Maschas Lebenslauf beeinflusst haben, und deren Szenarien, werden so bildlich dargestellt, dass ich immer wieder die Augen geschlossen habe, um mir das Leben im großstädtischen Frankfurt aus Maschas Sicht vorzustellen, oder die Hitze einer trockenen Landschaft im Nahost auf meiner Haut zu spüren.

Das Ende dieses Romans lässt viel Raum für eigene Interpretationen und gerade deswegen ist man praktisch gezwungen, lange darüber nachzudenken. Mascha bleibt auch so lange in Erinnerung. Um für ihren Roman Recherchen durchzuführen, verbrachte Olga Grjasnowa als Grenzgänger-Stipendiatin der Robert Bosch Stiftung im Herbst 2011 sechs Wochen im Kaukasus, in Aserbaidschan, Georgien und Armenien.

Ich freue mich sehr, Olga Grjasnowa entdeckt zu haben, und ich hoffe, dass „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ nicht ihr letzter Roman ist.

Carl Hanser Verlag
Gebundene Ausgabe
288 Seiten
Erscheinungsdatum: 6. Februar 2012
Preis: EUR 18,90
ISBN: 978-3446238541

2 Comments

  1. Captain Cow said:

    Hallo (:
    Ich bin gerade erst auf deinen Blog gestoßen und gleich hängengeblieben wegen dieser tollen Rezension. Das Buch steht weit oben auf meiner Wunschliste und ist jetzt ein Stück höher gerückt, weil deine Worte darüber mich wirklich neugierig machen. Danke dafür! 🙂

    Liebe Grüße

    10. April 2012
    Reply
    • Aba said:

      Oh, das freut mich sehr!
      Der Blog gehört eigentlich Dani, ich bin so zu sagen „Untermieterin“. Unter dem Titel von jedem Beitrag kannst Du sehen, wer ihn geschrieben hat.
      Vielen Dank für Deinen Kommentar!

      10. April 2012
      Reply

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