Die Sprache der Schatten von Susanne Goga

Berlin 1874: Die junge Rika Hesse ist Mitte zwanzig und gerade verwitwet. Ihr sehr viel älterer Ehemann Conrad war Fabrikant in der Konfektionsbranche und sehr vermögend. Nun wohnt sie gemeinsam mit ihren beiden Stiefkindern Alexander und Anna in dem großen Haus am Hausvogteiplatz.

Rika ist kaum älter als Stiefsohn Alexander, ein gefühlskalter, machthungriger Manipulator. Er bewundert Rika schon lange und beginnt nach Ablauf der Trauerzeit, ihr geschickt den Hof zu machen. Unter anderem schenkt er der kunstinteressierten Rika ein faszinierendes Gemälde.

Auch für Anna, seine kleine Schwester, hat er schon Heiratspläne. Um den gesellschaftlichen Aufstieg seiner Firma zu sichern, müsste sie in eine adlige Familie einheiraten. Einen passenen Kandidaten hat Alexander schon ins Auge gefasst. Doch leider werden Alexanders wohlüberlegte Pläne durchkreuzt: Rika hat sich vorgenommen, als nächstes auf jeden Fall nur eine Liebesheirat zu machen, was eine Verbindung mit Alexander ausschließt. Anna hat sich, bevor sie den designierten Ehemann auch nur kennenlernt, bereits in den sympathischen David Löwenstein verliebt. Da aber die Stimmung in Alexanders Umfeld nun gerade antisemitisch ist, kommt ein jüdischer Ehemann für Anna gar nicht in Frage.

Gleichzeitig beginnt Anna Nachforschungen über das geheimnisvolle Bild anzustellen. Sie kennt den Maler nicht und seine Signatur auf der Bildrückseite kann sie schon gar nicht entziffern. Seltsam auch, dass man auf dem Bild nicht die Gesichter der dargestellten Personen sehen kann. Rika begibt sich auf eine regelrechte Schnitzeljagd auf der Suche nach dem geheimnisvollen Maler.

Ich habe „Die Sprache der Schatten“ mit großer Spannung und zunehmender Faszination gelesen. Es ist nicht allein ein Roman um das Schicksal einer sehr selbstbewussten Frau, sondern es geht auch um ein interessantes Phänomen. Gesichtsblindheit ist ein Zustand, bei dem Menschen Gesichter nicht erkennen können, geschweige denn andere wiedererkennen können. Selbst ihr eigenes Gesicht, das sie ja jeden Tag im Spiegel sehen können, ist ihnen immer fremd, gleichsam eines weißen Flecks. Von dieser Krankheit hatte ich vorher noch nie gehört. Sie wurde einfühlsam und nachvollziehbar geschildert und verlieh der ganzen Story noch den letzten Pfiff.

Besonders sympathisch fand ich eigenartigerweise gerade Familie Löwenstein, die als einzige als warmherzige, heimeliege Familie auftritt. Leider sind sie aber ziemliche Randfiguren. Rika ist zwar auch eine interessante Figur, aber so richtig warm wurde ich mit ihr nicht. Sie ist sehr selbstsicher und für ihre jungen Jahre vielleicht schon etwas zu beherrscht, um für mich liebenswert zu sein. Alexander ist ein wunderbarer Bösewicht, der herrlich diktatorisch mit „seinen Anvertrauten“ umspringt. Leider wird sein Schicksal am Ende des Buchs sehr kurz zusammengefasst – da hätte ich aber gern noch einige Details zu erfahren!

Alles in allem ein schönes Leseerlebnis, bei dem man auch viel über Berlin und die Konfektionsbranche herausfindet.

Diana Verlag
Taschenbuch, Broschur
448 Seiten, 11,8 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-453-35468-5
€ 9,99 [D] | € 10,30 [A] | CHF 14,90
Erscheinungstermin: 9. Mai 2011

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