Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie von Lauren Oliver

Wenn man jung und ausgelassen ist, denkt man doch gar nicht daran, dass plötzlich auf einmal alles vorbei sein könnte, oder? Wer glaubt schon, dass er im nächsten Moment sterben könnte? So geht es auch Sam. Es scheint ein ganz gewöhnlicher Tag in ihrem Leben zu sein, außer dass Valentinstag ist und sie geplant hat, das erste Mal mit ihren Freund zu schlafen. Aber sonst? Alles normal – Sam fährt mit ihren Freundinnen zur Schule, bekommt ein paar Rosen zum Valentinstag, isst in der Kantine, schwänzt eine Stunde, geht abends auf eine Party und will dann mit ihren Freundinnen nach Hause fahren. Nichts daran klingt sonderlich ungewöhnlich – doch auf der Heimfahrt blitzt auf einmal etwas weißes auf der Straße auf und plötzlich ist alles Schmerz für Sam…

Sam ist tot! Und dann doch wieder nicht… sie wird von ihrem Wecker geweckt und auch wenn sie es erst nicht glauben mag, es ist wieder Valentinstag. Hat sie da ein ganz schlimmes Déjà-vu? Nein, das ist es nicht – sie durchlebt diesen Tag noch einmal, alles ist mehr oder weniger identisch. Aber kann Sam vielleicht etwas am Verlauf des Tages ändern? Insgesamt 7 Mal bekommt sie die Möglichkeit dazu und was sie an jedem einzelnen Tag erlebt, öffnet ihr und dem Leser die Augen.

Erst dachte ich, dass es ein bisschen langweilig werden dürfte, den gleichen Tag sieben Mal durchzuspielen, wenn auch mit einigen Abwandlungen. Ich hatte schon die Befürchtung etwas à la „Und täglich grüßt das Murmeltier“ zu lesen zu bekommen, aber das ist „Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“ absolut nicht. Spätestens als DER Tag zum dritten Mal beginnt und so ganz und gar anders ist, hatte mich das Buch vollkommen gefangen genommen. Dieser Roman ist nicht einfach nur ein typisches Jugendbuch, ein Krimi oder eine Freundschaftsgeschichte – es ist so viel mehr. Hier geht es um Gerechtigkeit und darum, Opfer für andere zu bringen bzw. sich für sie einzusetzen. Es geht darum, über den eigenen Horizont zu schauen und aus seiner oftmals schönen kleinen Welt hinaus zu blicken, die Realität zu erkennen und sich den Tatsachen zu stellen. Natürlich spielen auch Freundschaft, Liebe und Elemente, die einem Thriller entspringen könnten eine Rolle, aber alles zusammen lässt sich in kein Klischee stecken.

Hierbei spielen in Sams Fall ein Mädchen namens Juliet Sykes und ein Junge namens Kent eine große Rolle. Juliet Sykes wird von so ziemlich jedem nur Psycho oder auch Piss Miss genannt, und diese Namen trägt sie dank Sams bester Freundin Lindsey. Eigentlich kann sich Juliet nirgendwo hintrauen, denn wo sie auch ist, wird sie von Hänseleien verfolgt und vergräbt sich immer mehr in sich selbst. Und dann ist da noch Kent – der Junge, mit dem Sam eine Sandkastenfreundschaft verbindet, für den sie sich aber nicht mehr interessiert hat, spätestens seit sie mit Lindsey befreundet ist und somit zu einer Art Elite gehört. Ist Sam über ihre neue Freundschaft hin gar selbstsüchtig und gefühllos geworden? Oder entwickelt sie sich vielleicht doch noch in eine andere Richtung? Welche Rollen spielen Sam und Kent an diesen Tagen bzw. an diesem einen, sich immer wiederholenden tag für sie?

Mich hat an „Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“ besonders Sams Entwicklung während der einzelnen Tage so gefesselt. Sie ist schwach, sie ist stark, unentschlossen oder wächst über sich selbst hinaus, sie weiß nicht, was sie tun soll, ist gemein, verrückt und dann mal wieder total liebevoll – man darf wohl wirklich jeden möglichen Charakterzug an ihr kennen lernen und genau dadurch kann dieses Buch so ungemein fesseln. Wenn sich sowieo der Tag immer und immer wiederholt, wieso nicht mal komplett aus der Reihe tanzen? Alles ganz anders machen? Und tatsächlich spürt man beim Lesen oft Ungläubigkeit und dann wieder Mitgefühl für Sam, dieses starke und unglaublich kluge Mädchen. Sie ist die perfekte Hauptfigur und das gerade weil sie nicht immer alles richtig macht, aber eben versucht sich zu bessern und zu entwickeln.

Ob Sam am Ende des siebten Tages überlebt oder nicht bzw. was danach kommt, das sein hier natürlich nicht verraten. Und ebenfalls kann ich euch nicht sagen, ob sie die Lösung dafür findet, weshalb sie diesen Tag immer und immer wieder durchleben muss / darf. Tatsache ist: Jeder Tag lohnt sich, für den Leser und letztendlich auch für Sam.

Lauren Oliver schreibt unfassbar mitreißend und bringt toll dieses jugendlich frische Gefühl rüber, scheint in die Seelen aller Jugendlichen blicken zu können und zu wissen, was sie wollen und vor allem, wie es für sie geschrieben sein muss. Durch ihre Authenzität und ihr wunderbares Feingefühl, gelingt es ihr so, ganz ohne Probleme, auch Erwachsene in den Bann ihrer Geschichte zu ziehen. Sie hat es geschafft, aus einem relativ gewöhnlichen ersten Tag eine Geschichte zu erspinnen, die extrem komplex und voller verschiedener Schicksalsschläge ist, die sich miteinander verbinden und dann zu einem großen Ganzen werden – zu einer großen Falle? Das muss jeder selbst entscheiden!

Mir ging es so, dass ich mit dem tatsächlichen Ende des Buches irgendwie gerechnet hatte, auch wenn es mich leider nicht zufrieden stimmt. Dennoch ist es keines dieser Einheitsenden, sondern gut durchdacht und es hat durchaus seine Berechtigung. Gewünscht hätte ich mir etwas anderes, aber bekommen habe ich etwas, mit dem ich zumindest leben kann. Fast wünsche ich mir eine Fortsetzung, denn die Figuren sind mir ans Herz gewachsen mit ihren ganz eigenen Lebensgeschichten – ich möchte zu gern wissen, wie es mit ihnen weitergeht.

Ich denke, Lauren Oliver ging es vor allem darum zu zeigen, dass im Leben nicht immer alles so ist, wie es scheint. Dass wir Menschen oft falsch vorverurteilen und dass man trotzdem etwas dagegen tun kann, auch wenn man es vielleicht erst später bemerkt. Man kann es wieder gut machen! Aus Fehlern kann  und muss man lernen! Es ist nur wichtig, den richtigen Weg dafür zu finden und es zu wollen. Was denkt ihr? Findet Sam den richtigen Weg? Für mich hat sie ihn gefunden…

Eine kleine Sache zur Aufmachung des Buches möchte ich am Ende noch anmerken, was mir aber letztendlich bei dem fantastischen Inhalt auch nicht mehr wirklich etwas ausmacht: Zunächst wirkt die Gestaltung des Buches, entfernt man auch einmal den Schutzumschlag, großartig. Das Buch sieht aus, als wäre es mit leicht glänzenden Farben besprüht worden. Vorher habe ich soetwas noch nicht gesehen und mir hat es richtig gut gefallen. Leider ist diese Farbe aber auch wenig haltbar und löst sich bei der kleinsten Berührung mit anderen Genenständen ab. Dadurch sieht das Buch schnell sehr abgegriffen aus, auch wenn man extrem vorsichtig damit umgeht. Schade! Aber wie gesagt. Der Inhalt macht alles wieder wett!

Das neue Buch der Autorin – Delirium – erscheint im November 2011.

Carlsen Verlag
ab 14 Jahren
übersetzt von Katharina Diestelmeier
Gebunden mit Schutzumschlag
15 x 22 cm
448 Seiten
ISBN 978-3-551-58231-7
€ (D) 19,90 € (A) 20,50 / sFr 31,50

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