Forbidden von Tabitha Suzuma

„Wie kann sich etwas so Falsches so richtig anfühlen?“, so lautet der Untertitel des Buches „Forbidden“ der britischen Autorin Tabitha Suzuma, und er bringt ganz deutlich zum Ausdruck, was die beiden Hauptfiguren Lochan und Maya, aber auch der Leser spüren werden. Man kann einfach nicht anders, als sich diese Frage immer und immer wieder zu stellen, während man liest.

Lochan, 18 Jahre, und Maya, 16 Jahre, haben es nicht leicht. Ihr Vater hat die Familie schon lange verlassen, die Mutter ist nur auf Partys und mit ihrem neuen Freund Dave unterwegs, betrinkt sich und hat kein Interesse mehr an der Familie. So müssen sich die beiden ältesten Geschwister – Maya und Lochan – um alles kümmern, zur Schule und zum Haushalt kommt vor allem das Kümmern um die 3 jüngeren Geschwister hinzu, die zwischen 5 und 13 Jahren alt sind. Sie müssen es schaffen, den Schein einer ganz normalen Familie aufrecht zu erhalten, denn wenn sie das nicht schaffen, dann könnten ihnen die Kleinen weggenommen und damit die Familie noch weiter auseinander gerissen werden. Das darf niemals passieren.

Statt dessen passiert etwas anderes: Lochan und Maya, die schon immer mehr Partner als Geschwister waren, schon immer mehr Eltern als Bruder und Schwester für ihre jüngeren Geschwister, bemerken, dass sie sich lieben, mehr als Geschwister es eigentlich tun. Anders. Doch wie kann das sein? Und wieso fühlt es sich so schrecklich an, dem anderen nicht nahe sein zu können? Wieso ist es gesetzlich verboten, seinen Bruder bzw. seine Schwester zu lieben, über die gewöhnliche Geschwisterliebe hinaus? Wie kann jemand etwas gegen so eine tief empfundene Liebe haben?

Maya und Lochan sind füreinander das einzige, was sie haben. Besonders Lochan, der an einer Phobie leidet, die es ihm fast unmöglich macht, gegenüber Menschen außerhalb seiner Familie auch nur ein Wort heraus zu bringen, braucht Maya. In ihr hat er Alles, sie gibt ihm Sicherheit, Geborgenheit , ist seine Stütze und vor allem: sie liebt ihn. Abwechselnd erzählen Lochan und Maya aus ihrem Leben.

Beim Lesen von „Forbidden“ ist man hin und her gerissen. Man leidet mit Maya und Lochan mit, bangt darum, dass sie aus diesem Teufelskreis herauskommen und ja, man hofft auch, dass sie sich haben können. Zugleich hat man ein wahnsinnig mulmiges Gefühl, denn Liebe – auch die körperliche – zwischen zwei Geschwistern ist und bleibt in unserer Gesellschaft ein Tabu. Dennoch zeigt Tabitha Suzuma in diesem Jugendbuch, dass man sich eben nicht aussuchen kann, wen man liebt und wie grausam es für die sich liebenden sein kann, wenn sie ihre Liebe nicht ausleben dürfen und sich immer verstecken müssen. Noch dramatischer erscheint das Alles, weil es Maya und Lochan doch sowieso schon so schwer haben.

Mich hat dieses Buch wirklich berührt und auch jetzt weiß ich noch nicht so richtig, was ich davon halten soll. Andererseits stellt sich mir nach dem Lesen die Frage, wie man eine solche Liebe verbieten kann. Auch wenn soetwas für mich unvorstellbar ist – es gibt einfach so eine innere Schranke, die eine solche Liebe zu Geschwistern unmöglich macht – so zeigt dieses Buch doch, dass jeder Mensch anders ist, dass es Situationen gibt, in denen man eben nicht so handeln kann, wie die Gesellschaft es von einem erwartet.

Oder ist es normal, dass sich eine Mutter kein bisschen für ihre Kinder interessiert und auch noch ihnen die Schuld daran gibt, dass sie geboren wurden? Ist es normal, wenn zwei Jugendliche einen ganzen Haushalt mit 3 Kindern allein führen müssen, es niemand bemerkt oder ihnen gar hilft? Soetwas ist nicht normal, aber auch nicht unmöglich – und wenn 2 Geschwister in eine solche Situation geraten, wo sie so sehr den Halt des jeweils anderen brauchen, kann da nicht auch mehr als nur Geschwisterliebe entstehen? Und hat irgendjemand das Recht, diese Liebe zu verbieten?

Dieses Buch lässt vor allem eines zurück: viele offene Fragen über Dinge, zu denen sich die meisten vermutlich noch nie Gedanken gemacht haben, mich eingeschlossen. Es ist eine Herausforderung und genau deshalb mag ich dieses Buch. Ich würde jedem empfehlen es zu lesen, aber Jugendlichen frühestens ab 14 Jahren und auch nur dann, wenn sie schon sehr aufgeschlossen sind. Tabitha Suzuma erzählt sehr einfühlsam, aber ohne die harten Fakten auszusparen, von dieser Liebe, die eigentlich nicht sein darf und doch da ist, der Liebe zwischen Maya und Lochan, Schwester und Bruder!

Oetinger Verlag
448 Seiten
gebunden mit Schutzumschlag
15.0 x 21.0 cm
EUR 17,95 · SFR 25,90 · EUA 18,50
ISBN-13: 978-3-7891-4744-9
Erschienen im August 2011

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