Katzentisch von Michael Ondaatje

„Der Stamm der Oronsay – unberechenbar und gewalttätig“

Ein 11 Jahre altes Kind wird ganz allein auf die Reise geschickt, in einem großen Schiff, von Sri Lanka nach England.
Für mich ein klarer Fall von Vernachlässigung der Fürsorgepflicht. Dieses Kind ist nicht mehr und nicht weniger als Michael Ondaatje, der berühmte kanadische Schriftsteller tamilischer Herkunft.
Michael Ondaatje selber empfindet diese Reise, die er ohne Erwachsenenaufsicht in den 50er Jahren unternommen hat, als große Bereicherung für sein Leben. Und tatsächlich hätte er so einen Roman wie „Katzentisch“ ohne diese Erfahrung niemals geschrieben.

„Katzentisch“ ist ein Roman geworden und keine Autobiografie. Michael Ondaatje hat dieses Buch für seine Enkelkinder geschrieben, die gerne erfahren wollten, was er alles in diesen 21 Tagen auf einem Schiff, der „Oronsay“, erlebt hat, als Kind und auf sich allein gestellt.
Gerne wollte er die Geschichte erzählen, aber da die Ereignisse länger als ein halbes Jahrhundert in der Vergangenheit liegen, musste er sich auf seine Fantasie und nicht auf sein Gedächtnis verlassen.

Was unternimmt ein vorpubertärer Junge in diesen 21 Tagen, um aus Langeweile nicht umzukommen? In diesem Fall entscheidet sich der junge Michael für die Erforschung seiner Umgebung und der Schiffsbewohner. Ein Schiff bietet ja auch ungeahnte Möglichkeiten: viele Verstecke und auch viele unterschiedliche Menschen, teilweise sehr interessant, teilweise geheimnisvoll. Manche von ihnen werden sogar eine wichtige Rolle in Michaels späterem Leben spielen.

„Katzentisch“ ist eine ruhige Lektüre mit, trotz konstanter Schiffsbewegung, einer leicht spannenden Handlung mit überraschenden Wendungen. In 21 Tagen kann so viel passieren: Freundschaften werden geschlossen, Menschen, die sehr verschieden sind, können sich sogar verlieben, auch Tragödien können sich ereignen. Ein Schiff auf dem Ozean ist eine kleine Welt, ein isoliertes Biotop. Und in so einem geschlossenen System gibt es nur zwei Möglichkeiten, zwischenmenschliche Beziehungen zu definieren: Differenzen werden überwunden oder vertieft…

Der junge Michael wird Zeuge davon, wie eine Reise das Leben mancher Menschen ändern kann, und natürlich auch das eigene. Die meisten dieser Personen, die Michael Ondaatje uns in seinem Buch präsentiert, bleiben geheimnisvoll und rätselhaft, gerade deswegen, weil nur dieser Teil, diese extrem kurze Zeit in ihrem Leben, geschildert wird. Sicherlich wären diese Menschen in einer anderen Umgebung halb so interessant wie auf diesem Schiff, wo sie Stoff für Michaels (späteren) Roman geworden sind.

Und am Ende bleiben nur die Erinnerungen an eine so besondere Reise. Und wenn diese Erinnerungen verblassen, da hilft nur eins: Seine Erinnerungen neu erfinden und einen Roman daraus machen.

„Katzentisch“ ist ein schönes Buch geworden. Ein (ent)spannendes Buch. Der Leser nimmt die Bewegung der „Oronsay“, die diese ganzen Schicksale trägt, wahr, und er spürt auch diese während der ganzen Handlung gleichbleibende Melancholie, die wahrscheinlich daraus resultiert, dass so eine Erfahrung in so jungen Jahren einmalig ist.

Wer ein großes Seeabenteuer mit viel Spannung erwartet, wird von diesem Buch enttäuscht sein. Wer aber offen für kleine und große Überraschungen ist, in der scheinbar friedlichen Atmosphäre eines großen Passagierschiffes, der wird, am Ende des Buches angekommen, etwas traurig aber auch etwas erfüllter sein.

Carl Hanser Verlag
Gebundene Ausgabe
304 Seiten
Erscheinungsdatum: 6. Februar 2012
Preis: EUR 19,90
ISBN: 978-3446238589

3 Comments

  1. Katrin said:

    Dieses Buch scheint viele Menschen begeistern zu können. Ich freue mich schon sehr auf diese Lektüre, denn sie liegt schon bereit 🙂 Danke für die schöne Rezension! LG

    16. September 2012
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  2. Aba said:

    Dann bin ich auf deine Meinung gespannt!
    Begeisterung habe ich nicht durch dieses Buch empfunden, eher eine tiefe Berührung…

    16. September 2012
    Reply
    • Katrin said:

      Ich finde es sehr schön, wenn Geschichten berühren. Ich berichte 🙂 LG

      16. September 2012
      Reply

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