Vielen Dank für das Leben von Sibylle Berg

Sachlichkeit, die unter die Haut geht

Mit dem Namen „Toto“ verbinde ich in der Regel einen Hund oder eine Musik-Gruppe, aber auf keinen Fall einen Menschen. Und so war ich neugierig, aber auch gleichzeitig skeptisch, als ich erfahren habe, dass Toto der Name der Hauptfigur in Sibylle Bergs neuestem Roman mit dem hoffnungsvollen Titel „Vielen Dank für das Leben“ ist.

„Vielen Dank für das Leben“, sage ich ganz leise gen Himmel jede Nacht, bevor ich einschlafe, denn ich freue mich wirklich, dass ich lebe und dankbar bin ich auch, auch wenn nicht alles immer perfekt läuft oder nach meinen Vorstellungen, sage ich mir immer: „Ich lebe, und so schlimm ist es auch alles wieder nicht…“. Aber ob Toto auch so denkt und fühlt? Schließlich geht es um diesen einen ungewöhnlichen Menschen in diesem ungewöhnlichen Roman. Diese Frage, ob er auch dankbar ist für das Leben, habe ich mir ständig bei der Lektüre dieses Buches gestellt. Eine berechtigte Frage, weil Toto es überhaupt nicht leicht im Leben hat.
Wir Menschen haben von Natur aus das Bedürfnis, uns zu definieren, geschlechtlich, religiös, ideologisch – das erleichtert uns das Leben, wir fühlen uns als ein Teil davon. Das ist ungeheuer wichtig, weil der Mensch in völliger Einsamkeit nicht überleben kann. Und genau darin liegt die ganze Tragik in Totos Existenz: Er ist ein „Nichts“. Davon ist er überzeugt, nicht ohne Grund.

Jeder Mensch wird nach der Geburt definiert: Zuerst logischerweise als Mensch, und unmittelbar danach wird festgestellt, ob dieser Mensch weiblich oder männlich ist. Jeder von uns weiß, wie wichtig es ist, genau zu wissen „was man ist“. Leider ist dieser wesentliche anfängliche Teil für die Entwicklung einer Persönlichkeit bei Toto komplett entfallen: Als „Hermaphrodit“ geboren, wurde Toto von der Mutter als ein „Nichts“ behandelt, also schlicht als Mensch völlig ignoriert. Von der Mutter abgelehnt landet Toto in dem vielleicht schrecklichsten Kinderheim der DDR. Das ist nur der Anfang eines Lebens am Rande der Gesellschaft, ein Leben als „Nichts“. Aber Toto lebt und in „Vielen Dank für das Leben“ begleiten wir „es“ und während „es“ lebt, ändert sich die Welt, seine Welt. Die DDR verschwindet, und der kapitalistischen Welt geht es am Ende auch nicht viel besser.

Toto und seine sehr traurige Geschichte berührten mich zutiefst. Das lag hauptsächlich an Sibylle Bergs Erzählstil. Und paradoxerweise ist dieser Erzählstil nicht gerade emotions- und gefühlsgeladen, sondern sachlich, nüchtern und distanziert. Genau daran liegt es, dass diese Geschichte auf mich so eine rührende Wirkung erzielt hat: weil Frau Berg Situationen, Emotionen und Gefühle beschreibt, und es dem Leser überlässt, selbst über die Geschehnisse zu urteilen.

„Vielen Dank für das Leben“ ist eine ganz außerordentliche Biographie – die Biographie eines außergewöhnlichen Menschen, der rein und liebenswert ist, sogar nachdem er sein ganzes Leben lang nur Ablehnung und Hass erlebt hat. Totos Geschichte ist auch gleichzeitig ein Mikrokosmos, der, ich bin mir sicher, im realen Leben existiert. Vielleicht sollen wir uns trauen, ab und zu unseren eigenen Mikrokosmos zu verlassen, und uns so für andere Schicksale zu sensibilisieren, um Vorurteile abzubauen und um andere Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind.

Mittlerweile hat für mich der Name Toto eine ganz andere Bedeutung angenommen. Das ist aber nur eine ganz kleine Nebenwirkung dieses Romans! Ich freue mich sehr, dieses Buch gelesen zu haben und werde Toto ganz lange in Erinnerung behalten.

Carl Hanser Verlag
Gebundene Ausgabe
400 Seiten
Erscheinungsdatum: 30. Juli 2012
Preis: EUR 21,90
ISBN: 978-3446239708

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