Hinter dem Mond von Wäis Kiani

Deutsches Abendbrot versus märchenhaftes Leben

Lilly ist ein Schulmädchen, das im Teheran der 70er Jahre lebt. Dieses Mädchen hat alles, was jemand in seinem Alter braucht und sich wünscht: Geld, coole Klamotten, Freunde, Freiheiten. Trotzdem ist Lilly nicht glücklich. Auch wenn sie buchstäblich wie eine Prinzessin lebt, vermisst sie die Spaziergänge in Gummistiefeln auf ostfriesischen Wiesen und das schlichte deutsche Abendbrot, denn Lilly lebte ihre ersten neun Jahre in Deutschland und empfindet es als Ungerechtigkeit, dass ihre Eltern, beide Perser, sie gezwungen haben, mit ihnen zurück nach Teheran zu gehen.
Das ist nur der Anfang von Lillys Geschichte, die uns Wäis Kiani in ihrem Buch „Hinter dem Mond“ erzählt.

„Hinter dem Mond“ liegt das Land, das vom Schah Mohammad Reza Pahlavi regiert wird. Ein Land, in dem die Privilegierten (und dazu zählt Lillys Familie) ein Leben wie im orientalischen Märchen genießen. Und das ist keineswegs übertrieben – der Iran galt in den 70er Jahren als märchenhaftes und gleichzeitig modernes Land. Der Schah und seine Gemahlin Farah standen im Mittelpunkt der internationalen Aufmerksamkeit, sie galten als anmutig, charmant, zauberhaft.
Und Lilly mittendrin. Lilly, die diesen ganzen Luxus verabscheut, aber auch davon profitiert, und die uns ihre eigene ungefilterte Version des persischen Lebens präsentiert. Lilly, die uns im Detail erzählt, was sie bewegt, was sie unglücklich macht, und wie sie sich ihre Zukunft vorstellt. Indirekt bekommen wir ein detailliertes Bild eines Teils der persischen Gesellschaft, und zwar des der gut Situierten, unmittelbar vor und während der Islamischen Revolution, und in der anfänglichen Zeit Chomeinis an der Macht. Und so erleben wir durch Lillys Augen ein Stück iranischer Geschichte.

Lilly nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie überlässt uns, sie zu mögen oder nicht. Unabhängig davon, ob wir Sympathien für sie entwickeln, berührt uns Lillys Geschichte, weil sie von ihr selber erzählt wird und sie uns dabei ihre Gefühle, Neigungen und Abneigungen offenbart. Das, was sie fühlt, darf man ihr nicht absprechen, das wäre ungerecht und undankbar, wenn man bedenkt, dass sie uns den Inhalt ihrer Seele und somit auch ihre Geheimnisse anvertraut.

Wäis Kiani hat mich sehr neugierig gemacht. Ich möchte mehr über Lilly erfahren und ich hoffe sehr, dass die Autorin an einer Fortsetzung arbeitet.

Ich selber lebe zwischen zwei Kulturen… an das deutsche Abendbrot konnte ich mich aber noch nie gewöhnen. Die Gelegenheit, es zu vermissen, hatte ich aber auch nicht. Es wäre vielleicht ein Versuch wert.

Hoffmann und Campe
Gebundene Ausgabe
382 Seiten
Erscheinungsdatum: 16. August 2012
Preis: EUR 22,99
ISBN: 978-3455403831

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