Mohr in Hemd oder wie ich auszog, die Welt zu retten von Martin Horváth

Politically correct

Bevor ich Ali kennenlernte, hatte ich nie über etwas namens „Mohr im Hemd“ gehört. Das Internet hat ganz schnell die Antwort geliefert: „Mohr im Hemd“ ist, politically incorrect, der Name einer traditionellen österreichischen Süßspeise, deren Geschmack sicher besser ist, als ihr Name kling.
Aber es geht hier sicherlich nicht um diese Süßspeise, sondern um Ali, der auf jeden Fall sehr gern „Mohr im Hemd“ isst. Ali ist Asylbewerber, 15 Jahre alt und lebt ganz ohne Familie, in einem Asylbewerberheim in Wien.

In „Mohr in Hemd“ von Martin Horváth gewährt uns Ali einen Blick in dem Alltag der Bewohner eines Asylbewerberheims.
Ali, ein allwissender, hochbegabter 15-jähriger Flüchtling aus Afrika, öffnet uns die Türen zu diesem Asylbewerberheim und erzählt uns Geschichten über seine Mitbewohner, über ihr Leben in der Heimat vor der Flucht und über ihre Gründe, die sie dazu geführt haben, diese zu verlassen. Auch über die Ängste, die Albträume und über die Hoffnung auf eine Zukunft in Österreich, weit weg von den Gefahren von Krieg und Verfolgung.
Während wir mehr und mehr über die vielen Schicksale erfahren, bleibt Ali selbst eine geheimnisvolle Figur. Nur seine Träume verraten uns einen Bruchteil davon, was er in seinen jungen Jahren erlebt haben muss.
Die Figuren in „Mohr im Hemd“ haben mich nicht nur überzeugt, sie haben mein Herz erreicht. Viele der in diesem Buch erscheinenden Figuren – Flüchtlinge und ihre Betreuer – werden sehr lebendig dargestellt und man kann nicht anders als ihre Lebensläufe zu verstehen und nachzuvollziehen: die der Flüchtlinge wegen ihrer tragischen Geschichten, die der Betreuer, weil sie ihre Arbeit so gut wie möglich machen, obwohl sie wenig bewirken können, wenn es darum geht, die Schicksale ihrer Schützlinge in positivem Sinne zu beeinflussen. Die Rechtslage bietet wenig Hoffnung.

Mohr im Hemd
©Aba

„Mohr in Hemd“ ist Martin Horváths erster Roman. Und ein Roman, der mich bewegt hat.
Ein hochaktuelles Thema wird in diesem Buch behandelt und aus der Sicht eines Jugendlichen erzählt, was mich noch mehr betroffen gemacht hat. Hoffnung und Hoffnungslosigkeit gehen Hand in Hand in dieser Erzählung. Man erlebt, wie bei einem gemeinsamen Essen der Traum von einer friedlichen multikulturellen Gesellschaft für kurze Zeit wahr wird, man lacht, man leidet und man wird wütend bei der ganzen Halbherzigkeit der Gesetzgeber und der Ignoranz und Gleichgültigkeit in weiten Teilen der Bevölkerung.

Dieses Thema wird von Martin Horváth mit einer kraftvollen Sprache in seinem Roman behandelt. Auf fast jeder Seite überraschte er mich mit Wortspielen und Metaphern, die besonders bei Alis Träumen zur Geltung kommen, und die teilweise den Leser in die Irre führen. Dies geschieht vor allem bei bestimmten Passagen mit surrealem Charakter (auf die ich persönlich verzichtet hätte, deren Bedeutung für die Handlung mir aber absolut bewusst war), in denen Realität und Fantasie nicht voneinander zu unterscheiden sind.

Nicht nur dieses Buch mit allen seinen Figuren, vor allem Ali, sondern auch den Autor Martin Horváth, den ich als empfindsamen Menschen wahrgenommen habe, werde ich ganz lange in Erinnerung behalten. Denn nur jemand mit einer besonderen sozialen Ader ist in der Lage, ein so schwieriges Thema aufzugreifen und eine Botschaft zu senden, die ich, da bin ich mir sicher, verstanden habe.
Es bleibt mir nur zu wünschen, dass noch viele Menschen von dieser Botschaft erreicht werden.

Deutsche Verlags-Anstalt
Gebundene Ausgabe
352 Seiten
Erscheinungsdatum: 27. August 2012
Preis: EUR 19,99
ISBN: 978-3421045478

3 Comments

  1. Katrin said:

    Das Buch hört sich sehr interessant an. Vielen Dank für die schöne Rezension! LG

    17. Oktober 2012
  2. readeralex said:

    Tolle Rezension, das Buch wird auf jeden Fall für meine Wunschliste vorgemerkt. LG

    17. Oktober 2012
  3. Aba said:

    Vielen Dank!!!

    17. Oktober 2012

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