33 Cent – um ein Leben zu retten von Louis Jensen

33 Cent - um ein Leben zu rettenEs gibt selten Bücher, die mich wirklich nachdenklich machen und bei denen auch lange Zeit nach dem Lesen, meine Gedanken förmlich mit der Handlung verworben sind. Ich bekomme das Erzählte einfach nicht aus dem Kopf und sicher war genau das auch das Ziel des Autors dieses Buches. Zuletzt ging es mir so mit Janne Tellers „Nichts. Was im Leben wichtig ist“ und nun verwundert es mich nicht, dass es sich erneut um ein Jugendbuch aus dem Hanser Verlag handelt, das dieses Gefühl wieder in mir hervorrufen konnte: „33 Cent – um ein Leben zu retten“ von Louis Jensen.

Der dänische Autor schreibt hier über ein Thema, das sicher vielen von uns bewusst ist und dennoch gerät es viel zu oft in Vergessenheit. Doch nicht so beim jugendlichen Erzähler dieses Buches, in dessen Gedanken und Gefühle wir für etwas mehr als 100 Seiten schlüpfen dürfen. Dieser findet nämlich heraus, dass nur 33 Cent pro Tag nötig sind, um einem afrikanischen Kind das Leben zu retten. Doch wenn nur so ein kleiner Beitrag gebraucht wird, weshalb sterben dann immer noch Millionen von Kindern? Immerhin sehen wir sie regelmäßig in den Nachrichten: größe Köpfe, dünne Körper, Fliegen in der Nase… Und wieso tun wir so wenig dagegen, außer ab und zu mal etwas in eine Sammelbüchse zu werfen oder zu spenden? Das allein scheint ja nicht zu reichen!

Mit diesen Gedanken völlig allein, beschließt er also, dass er etwas tun muss, wenn es doch sonst niemand tut. Und so geht der Erzähler höchstens noch jeden zweiten Tag zur Schule, um an den anderen Tagen in einem Supermarkt zu jobben und nebenbei noch regelmäßig Dinge zu ’stehlen‘, die er dann weiterverkauft und das Geld in seine KHK (=Kasse der hungrigen Kinder) legt – häufig wird er deshalb auch mit Robin Hood verglichen.

Doch ist es wirklich stehlen, wenn man den ‚Reichen‘ etwas wegnimmt und sich damit nicht selbst bereichert, sondern Leben retten will? Diese Frage tritt im Buch sehr häufig auf, denn der Vater unseres Erzählers ist Richter und lässt nichts auf die Gesetze kommen. Doch zugleich wird mehrfach Paragraph 276 aus dem Gesetzbuch wiederholt und macht dem Leser im Laufe des Buches klarer, dass es nicht immer einfach zu entscheiden ist, was richtig und was falsch ist. Vielleicht ist ja nicht jedes Gesetz in jeder Situation auch wirklich sinnvoll, selbst wenn es für uns zunächst vollkommen logisch erscheint.

„Stehlen ist falsch. Sehr falsch. Ich tue es nur, weil es nötig ist. Wenn etwas sehr nötig ist, dann darf man auch das Falsche tun. Dann ist das gerecht!“

Der Autor regt hier ganz deutlich ein Nachdenken darüber an, wie viel wert ein Gesetz und das Wohlbefinden eines Teils der Menschen haben, wenn zugleich in anderen Ländern Millionen von Menschen sterben müssen und es gar nicht viel bräuchte, um ihnen zu helfen. Bei seiner Arbeit im Supermarkt wird es für den Erzähler nur immer schwerer, all das zu begreifen. Wieso importieren wir riesige Mengen an Obst aus afrikanischen Ländern, nur um einen großen Teil davon einfach wegzuwerfen, weil er äußerlich nicht mehr gut genug für die Geschäfte ist? Gleichzeitig können sich viele Menschen in Afrika nicht mal Obst leisten.

All das erfährt man als Leser in Form eines außergewöhnlichen Schreibstils, der fesselt und ganz tief in die Gedankenwelt des Erzählers eintauchen lässt. Ich hatte das Gefühl wirklich in den Kopf des Jungen zu schlüpfen, der sich hier so außergewöhnlich viele Gedanken macht. Dabei entsteht unweigerlich die Frage, wieso er so mutig, umsichtig und voller Ideen- und Tatendrang ist und die meisten anderen (mich eingeschlossen) nicht? Das hat mich sehr bewegt und mir vor Augen geführt, dass jeder Einzelne etwas tun kann. Natürlich kann man als einzelne Person nicht alle Kinder in Afrika retten, aber wenn man gar nichts tut, dann erreicht man auch nichts! Und ist nicht auch ein kleiner Beitrag schon etwas?

„33 Cent – um ein Leben zu retten“ ist ein Buch, dem ich viele Leser wünsche; gerade in Schulen sollte es unbedingt gelesen werden! Denn es spricht ein für uns unangenehmes, aber eben auch extrem wichtiges Thema an! Ich werde mir jetzt auf jeden Fall Gedanken machen, was ich eventuell ändern kann, um selbst einen Beitrag für eine Verbesserung dieser schrecklichen Situation zu leisten!

Hanser Verlag
übersetzt aus dem Dänischen von Sigrid Engeler
Erscheinungsdatum: 28.01.2013
Klappenbroschur
160 Seiten
Preis: 12,90 € (D)
ISBN: 978-3-446-24177-0
–> Leseprobe

4 Comments

  1. fireez said:

    Und schon wieder ein Buch mehr für meine Wunschlist – und vor allem eins, das ich von alleine wohl nie gefunden hätte. Danke 🙂

    3. März 2013
    Reply
    • Dani said:

      Es lohnt sich auch wirklich! Als ich es zufällig entdeckt habe, war ich auch ganz glücklich und hatte irgendwie im Gespür, dass es ein richtig tolles Buch sein muss!

      4. März 2013
      Reply
  2. […] kleinen Überblick. “33 Cent – um ein Leben zu retten” habe ich schon gelesen und rezensiert! Es lohnt sich wirklich; lest es! Ein besonderes Schmuckstück, das zwar sehr dünn, dafür aber […]

    4. März 2013
    Reply
  3. Das Buch macht sicher nachdenklich und beleuchtet dabei so vieles, was den meisten Menschen gar nicht bewusst ist. Für den Schulunterricht ist es bestimmt eine passende Lektüre.

    9. September 2014
    Reply
  4. Lena said:

    Achtung, SPOILER!

    Tut mir Leid, aber ich muss das Buch jetzt mal kritisieren.
    Zwar behandelt es ein wirklich wichtiges Thema, das viel zu oft verdrängt wird und stellt immer wieder Fragen, die zum Nachdenken anregen und ich war wirklich gespannt, wie der Autor mit dem Thema umgehen würde, aber ich wurde etwas enttäuscht.
    Zuerst einmal hat mich der Schreibstil gestört. Das ganze Buch bestand aus kurzen, einfachen Sätzen, was das Lesen erleichtert, aber mir irgendwann auf die Nerven ging. Außerdem macht es den Eindruck, als wäre das Buch für jüngere Kinder geschrieben, aufgrund des Inhalts würde ich es aber erst für Teenager empfehlen.
    Der zweite Punkt, der mich stört, ist, dass die Geschichte einfach teilweise unrealistisch und wenig schlüssig wirkt. Wie kann ein Junge nur noch jeden zweiten Tag zur Schule gehen und die einzigen Konsequenzen sind regelmäßige Gespräche mit dem Sschulpsychologen, während der Vater des Jungen überhaupt nichts mitbekommt? Ich weiß nicht, wie das in Dänemark ist, aber hier in Deutschland könnte ich mir das nur schwer vorstellen. Außerdem fahren zwei Minderjährige, die wahrscheinlich längst polizeilich gesucht werden, alleine in einem gestohlenen Kühltransporter quer durch Europa und niemand hält sie auf?
    Auch die Liebe zwischen dem Erzähler und Anne wirkt nicht sehr authentisch (die ist zwar auch nicht die Haupthandlung, spielt aber doch eine wichtige Rolle). Zuerst beobachtet er sie einfach nur, dann sagt sie ihm, dass sie ihn süß findet und nachdem er sich anfangs nicht einmal getraut hat, mit ihr zu sprechen, küsst er sie im nächsten Kapitel plötzlich und sie reden, als würde sie sich schon ewig kennen.

    Am meisten am ganzen Buch stört mich aber das Ende, weil das wirklich viel ausmacht. Ich habe damit gerechnet, dass der Erzähler am Ende scheitern würde, habe mich aber gefragt, wie der Autor das lösen würde. Schließlich stimmt es ja, wir tun wirklich viel zu wenig – und viel weniger, als wir tun könnten.
    Aber da scheint dem Autor selber nichts einzufallen. Also beendet er die Sache, indem er Anne – von der der Protagonist vorher mehrfach betont hat, dass sie für ihn das Liebste auf der Welt ist! – sterben lässt und den Leser dann mit dieser Situation alleine lässt. Dabei wird es jetzt erst richtig spannend! Wird der Erzähler weitermachen wie bisher, wird er komplett aufhören für hungernde Kinder zu spenden, wird er auf das Internat gehen, wird er Richter werden, wie sein Vater es sich wünscht? Dieses abrupte Ende wirft noch mehr Fragen auf, die den Leser noch mehr als zuvor verunsichern.
    Bevor ich das Buch gelesen habe, war ich sicher, dass der Autor damit aussagen möchte: Wir sollten nicht die Augen verschließen, sondern handeln, weil wir so viel mehr tun könnten, um zu helfen.
    Nach diesem Ende bin ich einfach nur verwirrt, denn für mich klingt es wie: Es hat keinen Sinn, etwas Gutes tun zu und sich zu engagieren, weil es bloß furchtbar endet.
    Das klingt für mich nicht wie ein Ende, das konsequenterweise so kommen muss, sondern wie eine Ausrede, eine Möglichkeit, die Kinder mit den Fliegen in den Augen zu verdrängen. Für mich ist der Autor nicht wie der Ich-Erzähler, der Ideale hat, sich selbst hinterfragt und seine Ziele verfolgt, sondern wie die blauhaarige Dame, die in einem Kapitel nicht spenden möchte und sagt, dass das nichts bringt, weil das Geld sowieso nicht bei den Bedürftigen ankommt.

    Für mich ist es ein an sich sehr gutes Buch, das zum Nachdenken anregt. Der plötzliche Schluss lässt den (jungen) Leser mit mehr Fragen als je zuvor zurück und widerspricht allem, was der Autor zuvor vermittelt hat. Das Thema ist wichtig, aber ich würde das Buch nicht unbedingt weiterempfehlen.

    Liebe Grüße, Lena (14, wie der Erzähler)

    7. Januar 2015
    Reply

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