Brother Sister – Hört uns einfach zu von Sean Olin

Brother SisterSieht man sich „Brother Sister“ vom US-amerikanischen Autor Sean Olin genauer an, so vermittelt das Cover schon einen guten Eindruck von der Stimmung des Buches: 2 Geschwister, die sich sehr nahe stehen und doch sieht man dem Mädchen die Sorge und Unsicherheit an. Es fühlt sich nicht wohl in seiner Haut und ist dann doch wieder angewiesen auf seinen Bruder und kann ihn zugleich nicht sich selbst überlassen.

Diese Beschreibung trifft ziemlich gut auf die Beziehung der beiden Geschwister in diesem dramatischen Jugendroman zu. Will und Ashley haben in ihrem jungen Alter schon viel mitmachen müssen. Ihr Vater hat sie vor einigen Jahren verlassen, worüber Ashley bis heute nicht hinweg gekommen ist und ihre Mutter ist Alkoholikerin. Will fühlt sich als älterer Bruder nun verantworlich für alles, vor allem für seine Schwester. Zugleich ist er mit seiner Rolle aber total überfordert und kommt auch mit gleichaltrigen Jugendlichen nicht zurecht. Er ist ein Außenseiter und seine einzige wirkliche Bezugsperson ist Ashley. Sie hingegen möchte ein ganz normales Mädchen sein und ihrer kaputten Familie ein Stück weit entfliehen. Ashley möchte tun, was Mädchen in ihrem Alter eben so machen – ausgehen, gemütliche Abende zusammen mit den anderen verbringen und unbeschwert sein. Doch dieses Glück bleibt ihr nicht vergönnt…

Während eines heiklen Streits mit ihrem Freund Craig kommt Will dazu und die Situation spitzt sich zu. Danach ist nichts mehr wie zuvor und Ashley lebt in ständiger Angst – Angst erwischt zu werden, Angst weiter mit ihrem Bruder zusammen zu leben, Angst vor ihrem kompletten verrückten Leben!

Die Geschichte der beiden Geschwister, die Sean Olin hier erzählt, stimmt definitiv nachdenklich und ließ mich beim Lesen nicht mehr los. Während ich für Ashley echtes Mitgefühl entwickelte und sie mir einfach nur leid tat, machte mir Will förmlich Angst. Er ist ein Mensch, der scheinbar überhaupt keine Kontrolle über sich selbst hat und dem jegliche Fähigkeit abhanden gekommen ist, Situationen und Menschen richtig einzuschätzen. Und genau das macht ihn so gefährlich und unberechenbar. Auch wenn seine schwierige Kindheit und Jugendzeit sicher dazu geführt hat, dass er zu dem Menschen wurde, der er nun ist, gelang es mir nicht, Mitgefühl für ihn zu entwickeln. Vielmehr löste er mit seinem Verhalten ein Gefühl von Ekel bei mir aus. Wenn ihr das Buch selbst lest, könnt ihr bestimmt nachvollziehen, was ich meine.

Insgesamt lässt mich „Brother Sister – Hört uns einfach zu“ ein bisschen unentschlossen zurück. Zum einen fand ich den Schreibstil und die Idee, das ganze Buch in Rückblicken aus Verhöraussagen von Will und Ashley gegenüber der Polizei in einem mexikanischen Gefängnis aufzubauen, sehr gut. Andererseits konnte mich das Buch, trotz der Thematik, nicht gänzlich berühren und komplett für sich einnehmen. Vielleicht auch durch den Erzählstil fühlte ich mich immer nur wie ein Zuhörer, der außen steht und zwar erfährt, was alles passiert ist, davon aber nicht abgeholt wird. Was mich wirklich geärgert hat, ist, dass niemand die Situation der beiden Jugendlichen bemerkt oder vielmehr bemerken möchte. Denn dass ihre Mutter Alkoholprobleme hat, ist überall bekannt. Trotzdem kümmert sich niemand um die beiden und sie sind mehr oder weniger auf sich allein gestellt. Hier übt Sean Olin ganz deutlich Kritik an der Umwelt der beiden, denn es hätte jemand ihre Lage richtig einschätzen und etwas tun müssen. Den Untertitel „Hört uns einfach zu“ finde ich in dieser Hinsicht sehr passend.

Es ist folglich ein durchaus lesenswertes Jugendbuch. Mich persönlich hat es aber auf emotionaler Ebene nicht so sehr erreicht, wie ich es mir gwünscht hätte. Wenn das doch mal geschah, dann in Form von Mitgefühl für Ashley. Dennoch ist es dem Autor gelungen, die Bedrohlichkeit der Situation rüberzubringen und wie diese sich immer weiter zuspitzt.

cbt Verlag
Originaltitel: Brother Sister
Originalverlag: Razorbill / Penguin US
Aus dem Amerikanischen von Edith Beleites
ab 14 Jahren
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag
288 Seiten
ISBN: 978-3-570-16137-1
Preis: 14,99€

Ein Kommentar

  1. Nana said:

    Hmm.. Schade. Mich wurmt es immer fürchterlich, wenn eine Geschichte sooo großes Potenzial hat und ich mich für die Idee richtig begeistern könnte, mich die Umsetzung aber viel zu wenig berührt und kalt lässt.. :/

    Spontan musste ich gerade an „Forbidden“ denken (das ich allerdings richtig toll fand!). Da hab ich mich auch so hilflos und wütend gefühlt, dass keiner der Außenstehenden helfen wollte, obwohl offensichtlich war, dass Hilfe benötigt wurde.. :/ Stimmt einen schon sehr nachdenklich..

    Liebe Grüße!

    30. April 2013
    Reply

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