Hannahs Briefe von Ronaldo Wrobel

av_wrobel_hannah_rz.inddEinfühlungskraft und Leidenschaft

Europa zwischen zwei Weltkriegen. Der alte Kontinent ist demontiert. Der Frieden nach dem Ersten Weltkrieg bereitet den Boden für den Zweiten Weltkrieg. Politisch und wirtschaftlich ist Europa am Ende. Populisten und Demagogen nutzen die Lage, um die Macht zu ergreifen.
Für viele ist die Flucht die einzige Lösung. Weg von dem Faschismus, weg von der großen Armut.
Für die jüdischen Bewohner Europas war dies eine besonders harte Zeit: Für die gut situierten, die es nicht geschafft haben, ihren Reichtum zu sichern und für die verarmten Juden aus Ost-Europa, die nur weg von dem Elend wollten. Es galt nur, ein neues Leben anzufangen.
Der amerikanische Kontinent war das perfekte Ziel. Junge Länder mit Opportunitäten für einen neuen Anfang. Brasilien bot diese Möglichkeit. Wie alle lateinamerikanischen Länder entstand Brasilien aus der Zusammenkunft verschiedenster Ethnien und Kulturen.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kann Brasilien in seiner kurzen Geschichte als Nation viel souveräner mit Multikultur und Einwanderung umgehen als das von Nationalismus geprägte und bestimmte uralte Europa.

Ronaldo Wrobel ist ein brasilianischer Schriftsteller mit jüdischen Wurzeln. In seinen Büchern beschreibt er das Leben der jüdischen Einwanderer in seiner Heimatstadt Rio de Janeiro und deren Einfluss auf diese Gesellschaft, über Schwierigkeiten in der Neuen Welt und Sehnsüchte nach der Alten Welt.
„Hannahs Briefe“ ist eins dieser Bücher. Das ist die Geschichte Max Kutners, einem jüdischen Mann aus Polen, der es, dank eines glücklichen Zufalls, geschafft hat, Armut und Hunger zu entfliehen. In Rio lebt er ein ruhiges Leben als Schuhmacher. Eines Tages wird er vom Geheimdienst der diktatorischen Regierung Brasiliens beauftragt, Briefe zu übersetzen, die auf Jiddisch verfasst sind. Diese Intervention im Alltag seiner Landsleute geht nicht spurlos an ihm vorbei.

Ronaldo Wrobel hat mit „Hannahs Briefe“ einen grandiosen Roman geschrieben, der mich tief bewegt hat.
Mit Max bin ich auf Rios Straßen der 30er Jahre gegangen, durch seine Augen konnte ich das Treiben beobachten, ich habe sogar den Straßenlärm hören und die Gerüche wahrnehmen können.
Ronaldo Wrobel erzählt so lebendig, dass ich, solange ich in seinem Buch gelesen habe, das Gefühl hatte, Teil der Geschehnisse zu sein. Und das galt genauso für die Emotionen, die in mir wachgerufen wurden.
Die Schicksale der Menschen in „Hannahs Briefe“ haben mich berührt. Manche Situationen haben in mir Wut aufsteigen lassen. Diese Geschichte ist voll Einfühlungskraft und Leidenschaft, die sich auf den Leser übertragen.
Beeindruckend ist die gelungene Kombination von Fiktion und detailgetreuer Beschreibung historischer Fakten, die nicht nur die Widrigkeiten, die eine Auswanderung mit sich trägt, verdeutlichen, sondern auch die Vielfalt menschlicher Eigenarten widerspiegeln.

„Hannahs Briefe“ ist ein ganz besonderes Buch, an das ich sehr gerne denke und das ich sehr lange in Erinnerung behalten werde. Ich hoffe, dass Ronaldo Wrobel noch mehr Bücher schreibt, und ich würde mich freuen, wenn sie auch ins Deutsche übersetzt werden.

Aufbau Verlag
Gebundene Ausgabe
328 Seiten
Erscheinungsdatum: 6. März 2013
Preis: EUR 19,99
ISBN: 978-3351035242

2 Comments

  1. Sandra said:

    Ich sollte hier wirklich nicht weiterlesen, sonst bin ich bald arm! 🙂 ebenfalls schon öfter im Netz begegnet, auch schon auf dem Wunschzettelchen. Klingt verflixt gut… ach Mensch, wenn der tag 56h und das Jahr 4637 Tage hätte..

    Liebe Grüße
    Sandra ♥

    10. Juni 2013
    Reply
    • Aba said:

      Danke für deinen Kommentar!
      Ja, das Buch ist wirklich lesenswert!

      12. Juni 2013
      Reply

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