Der Sog der Schwerkraft von Gae Polisner

Der Sog der Schwerkraft
Ich bin wirklich begeistert, dass Jugendbuchverlage immer häufiger zu realistischen Geschichten zurückkommen, die ganz ohne Fantasy und apokalyptische Katastrophen auskommen. Mit Begeisterung habe ich deshalb auch den Roman „Der Sog der Schwerkraft“ von der US-amerikanischen Autorin Gae Polisner erwartet, der im März 2014 im cbj Verlag erschienen ist. Schon vorab versprach das Buch einen tollen Mix aus Road-Trip und erster Liebe aber auch ernsteren Themen. Für mich ist es sehr wichtig, dass Jugendbücher nicht flach sind, sondern auch zum Nachdenken bringen und das gelingt diesem Buch auf jeden Fall.

Nick und Jaycee verbindet im Buch ein gemeinsamer Freund: Scoot! Scoot hat Progerie, das bedeutet, dass sein Körper ungewöhnlich schnell altert, und er deshalb bereits als Teenager nicht mehr lange zu leben hat. Mit seiner offenen Art sowie verschiedenen liebenswerten Macken schließt man ihn – auch wenn er nur eine Nebenfigur ist – als Leser schnell ins Herz und kann nur zu gut verstehen, weshalb er so gute Freunde wie Jaycee und Nick hat. Und während Nicks Vater sich aus dem Staub gemacht hat, um nach Manhattan zu wandern und dabei auch noch so einige Pfunde zu verlieren, betrifft Scoots größter Wunsch ebenfalls jemanden, der sich aus dem Staub gemacht hat – seinen eigenen Vater, der mit seiner Krankheit nicht zurechtkam und ihn mit seiner Mutter zurückließ.

So beginnt ein Trip für Nick und Jaycee, den sie garantiert nie wieder vergessen werden und bei dem sie über sich hinauswachsen müssen. Denn mit einem ganz besonderen Buch unterwegs wollen sie Scoots Vater finden und ihm damit seinen letzten Wunsch erfüllen. Natürlich wird das schwieriger als erhofft…

„Der Sog der Schwerkraft“ ist ein Jugendbuch mit tollen Ideen und Figuren, das ich mir aber noch etwas länger und ausführlicher gewünscht hätte. In der Geschichte liegt wahnsinniges Potenzial, das auszubauen der Autorin auch immer wieder wunderbar gelingt. Und doch bleibt am Ende der Lektüre noch ein Wunsch nach mehr – mehr über die Figuren zu erfahren, bestimmte Handlungsstränge weiter verfolgen zu können und so die Geschichte in sich abzurunden.

Besonders gefallen haben mir die Anspielungen auf John Steinbecks „Of Mice and Men“, die sich perfekt in die Handlung einpassen und nachdenklich stimmen, aber auch häufig ein besonderes Wohlgefühl auslösen. Diese Stellen sind zudem sehr bezeichnend für Jaycee und über die Textstellen aus dem Buch lernt man sie als Person viel intensiver kennen. Dagegen bleibt die eigentliche Hauptfigur Nick fast ein wenig blass. Im Nachhinein ist als Erinnerung an ihn bei mir fast nur geblieben, dass er häufig sehr hohes Fieber hat, was natürlich recht wenig für eine gut charakterisierte Hauptfigur eines Buches ist.

Auch das Ende des Buches war mir zu abrupt und zu vieles blieb ungeklärt, das nichts mit einem typischen offenen Ende zu tun hatte. Bestimmte Handlungsstränge wurden im Buch aufgegriffen, später aber nicht weiter verfolgt, sodass man sich fragt, wieso die Autorin sie überhaupt eingebracht hat.

Dennoch kann ich Gae Polisners Roman Liebhabern von Jugendbüchern mit Niveau empfehlen, die mehr von einem Buch erwarten, als nur Spannung oder eine seichte Liebesgeschichte!

cbj Verlag
Originaltitel: The Pull of Gravity
Originalverlag: Farrar, Straus & Giroux, US
Aus dem Englischen von Catrin Frischer
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag
256 Seiten
Preis: € 14,99
ISBN: 978-3-570-15402-1
Erscheinungstermin: 31. März 2014

2 Comments

  1. Das fande ich auch eher ungewöhnlich, dass das Ende in einigen Dingen offen blieb. Am Anfang hatte ich zunächst das Gefühl, dass es sich um ein ziemlich wirres Buch handelt. Doch dann endlich war der rote Faden zu erkennen und ich habe den Rest gerne gelesen. Besonders die Figuren der beiden jungen Leute kommen sicher gut an.

    1. Mai 2014
    Reply
  2. Mareike said:

    Oh, ich habe den Jugendbuchsektor fast völlig aus dem Blick verloren, weil mir eben der von dir beschriebene Tiefgang fehlt. Vielleicht sollte ich mir das Buch mal näher anschauen. Vielen Dank für die schöne Rezension und den Gedankenanstoß 🙂
    Grüße und schönen Sonntag wünschend
    Mareike

    4. Mai 2014
    Reply

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