Ein unmögliches Leben von Andrew Sean Greer

u1_978-3-10-027827-2Versionen eines Lebens

Zeitreisen in Büchern und Filmen haben mich immer wieder angezogen, vor allem, wenn das Ziel dieser Reisen das 19. oder 20. Jahrhundert ist. So interessante Zeiten, so anders als die heutige, und gleichzeitig gab es so viel, was sich bis heute nicht verändert hat: Telefon, große Städte voll mit Autos, Sommerschlussverkauf…
Die New Yorkerin Greta Wells – nomen est omen, selbstständige und unabhängige, aber an einer Depression leidende Frau der 80er Jahre, erlebt genau das, was viele Menschen sich gewünscht haben, seit H. G. Wells‘ Roman „Die Zeitmaschine“ 1895 erschienen ist: durch die Zeit reisen.

Anders als gewöhnliche Zeitreisende landet Greta Wells nicht mitten in einem unbekannten Szenario in einer anderen Zeit, sondern sie wacht plötzlich im Körper einer anderen Version ihrer selbst in der Vergangenheit auf. Familie und Freunde, sogar ihr Hausarzt, sind dieselben wie in ihrer Gegenwart im Jahr 1985 (die Ähnlichkeit mit dem Jahr 1895 ist mir auch aufgefallen), sie sind nur anders angezogen, je nach dem in welchem Jahr Greta sich nach einem Zeitsprung befindet.
Günstigerweise besitzt Greta eine erstaunliche Anpassungsfähigkeit. Alle paar Tage erscheint sie abwechselnd im Jahr 1918 und in 1941. Wenige Schwierigkeiten bereiten ihr der Alltag und der Umgang mit den Menschen, und letztere scheinen niemals zu bemerken, dass sie in Wirklichkeit eine Zeit-Touristin ist.

Mit seinem Roman „Ein unmögliches Leben“ versucht Andrew Sean Greer uns klar zu machen, dass, wenn wir Menschen nicht mit unserem Leben zufrieden sind, und die Gelegenheit hätten, mehrere Versionen desselben zu „testen“, würden wir uns auf jeden Fall für die schönste, leichteste und vor allem für die entscheiden, in der alle geliebten Menschen, die in der ursprünglichen Version tot sind, wieder zum Leben erweckt werden. Unabhängig von der Jahreszahl.

Nach einem guten Anfang, in dem ich eine original New Yorker Atmosphäre in drei unterschiedlichen Jahrzehnten genießen konnte (für mich das Beste am Buch!), musste ich feststellen, dass ich ab der zweiten Hälfte viel weniger zu genießen hatte. Viele Weisheiten und Sprüche, die, wie ich annehme, dem Roman einen philosophischen Charakter verleihen sollten, waren in meinen Augen eine Aneinanderreihung an Allgemeinplätzen. Die Ausführung der Traurigkeit und der Melancholie der Hauptfigur, von der ich gehofft hatte, berührt zu werden, hat nicht die dafür notwendige Tiefe erreicht. Gretas Schmerz um die Menschen, die sie in den verschiedenen Zeiten verliert, oder ihre Verzweiflung, wenn sie nicht weiß, wie es weiter gehen soll, und vor allem in welchem Jahr, habe ich nicht spüren können. Und so verlor der Roman mit jeder Seite an Kraft und Schönheit und wurde aus meiner Sicht immer belangloser.

Das Thema von diesem Roman ist ohne Zweifel ein faszinierendes. Andrew Sean Greer hat es mir aber leider nicht einfach gemacht, und so konnte sich meine anfängliche Begeisterung nicht bis zum Ende halten.

Mit Greta Wells würde ich nicht gerne tauschen. Unter diesen Bedingungen durch die Zeit zu reisen, stelle ich mir alles andere als einfach vor.
Die Zeit zurückzudrehen und Höhepunkte meiner Existenz wieder durchleben zu dürfen, das wäre für mich viel schöner.

S. FISCHER
Gebundene Ausgabe
336 Seiten
Erscheinungsdatum: 24. April 2014
Preis: EUR 19,99
ISBN: 978-3100278272

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