6 Uhr 41 von Philippe Blondel

978-3-552-06255-9_2145712123-48„Stolz bin ich nicht auf mich.
Aber ich verstehe mich.“

Eine Zugfahrt ist fast immer eine schöne Sache. Wenn alles gut klappt, sitzt man am Fenster, am besten ohne Sitznachbarn, man hat ein Buch auf dem Schoß und in den Lesepausen kann man nachdenken oder die Landschaft beobachten. Man kann Lebenspläne entwerfen und wieder verwerfen, oder einfach die Augen schließen, träumen, man kann sogar ein ganzes Leben Revue passieren lassen. Es kann sein, dass beim Lesen einer bestimmten Passage in einem Buch alte Erinnerungen hochkommen, oder ganz neue Gedanken zu alten Themen. Oder man erkennt in einem Fahrgast ein Gesicht wieder, das in einem längst erlöschte Gefühle neu belebt, oder ein losgewordenes schlechtes Gewissen wieder mit sich bringt.

Cécile grübelte bereits, als sie einen Sitzplatz im Zug Richtung Paris fand. Als Philippe, der genau so wie Cécile am Grübeln war, sich neben sie setzt, wirkt diese Situation nach Außen wie eine ganz gewöhnliche Sache, aber im Inneren der beiden fängt es an zu brodeln. Cécile und Philippe hatten vor fast dreißig Jahren ein Verhältnis von kurzer Dauer, das es nicht mal wert war, einen Gedanken daran zu verschwenden und noch weniger würde es sich lohnen, sich deswegen zu grüßen. Also beschließen die beiden so zu tun, als würden sie sich nicht kennen. Auch wenn es in ihren Köpfen ganz anders aussieht. Da drin dreht sich ein Karussell aus Gedanken und Erinnerungen.

Nicht mal zwei Stunden dauert die Fahrt in Jean Philippe Blondels „6 Uhr 41“. Diese kurze Zeit aber reicht aus, damit die Protagonisten am Ende wissen, was sie vom Leben erwarten.

Diese Art von Romanen, in denen mehr als nur eine Perspektive gezeigt wird, entspricht meinem Lesegeschmack. Auch diese Spannung, die durch das Schweigen zwischen den Hauptfiguren entsteht, hat mir gefallen. Man fragt sich die ganze Zeit, ob es zu einem Dialog kommt, überhaupt zu einem ausgesprochenem Wort. Was mir weniger gefiel, war das ständige Erwähnen eines Ereignisses, das die Beziehung zwischen Cécile und Philippe abrupt beendete. Lange wird der Leser nicht in Details eingeweiht, was zu einer gewissen Spannung führt, die zu Ungeduld mutiert, je öfter dieses Ereignis erwähnt wird. Aus meiner Sicht ist es dem Autor nicht gelungen, aus diesem Ereignis etwas dauerhaft Interessantes zu machen. Stattdessen strapaziert er die Geduld des Lesers, indem er bis zum Ende der Geschichte wartet, um das Geheimnis zu enthüllen. Auch die Figuren glänzen nicht durch Sympathie. Cécile empfand ich als kalt und oberflächlich und Philippe hat bei mir Mitleid erregt, aber mehr nicht.

Blondel hat mich weder mit der Handlung noch mit seinen Figuren — deren Selbstanalyse ansatzweise sehr interessant war — und ihren Schicksalen berühren können.
Trotz allem habe ich die Lektüre als unterhaltsam und ablenkend empfunden.

… Und dabei können Geschichten, die sich in Zügen abspielen, noch viel schöner sein…

Deuticke
Gebundene Ausgabe
192 Seiten
Erscheinungsdatum: 28. Juli 2014
Preis: EUR 16,90
ISBN: 978-3552062559

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