Leonore und ihre Töchter von Gina Mayer

9783352008474Ein erschütterndes Geheimnis

Denkt man an das 19. Jahrhundert, denkt man oft zwangsläufig an idyllische Zeiten, an auf glamourösen Alleen flanierende distinguierte Menschen, und romantische Liebesgeschichten. Meistens vergisst man die andere Seite der Medaille: die Armut, die in den florierenden Städten herrschte, und von der die obere Schicht profitierte.
Das beste Beispiel für dieses im 19. Jahrhundert weit verbreitete System ist die Industrie.

In ihrem beindruckenden Roman „Leonore und ihre Töchter“ spielt eine für die Zeit typische Fabrik eine wichtige Rolle. In Ratingen, in der Nähe von Düsseldorf, stand die „Baumwollspinnerei Cromford“, die das Leben der Figuren in diesem Roman bestimmt hat.
„Leonore und ihre Töchter“ ist eine bewegende Familiengeschichte. Gina Mayer erzählt uns darin über ein erschütterndes Geheimnis, das sich fast ein Jahrhundert lang wie ein roter Faden in der Geschichte der Familie eines Düsseldorfer Tuchhändlers zieht.

Gina Mayer beschreibt das Treiben in der Baumwollspinnerei während der Anfangszeiten der industriellen Revolution in Deutschland und die unvorstellbar schlechten Arbeitsbedingungen, unter denen ganze Familien ausgebeutet wurden. Die Darstellung der Weltausstellung 1900 in Paris, wo ein Teil der Handlung spielt und bei der passenderweise die technischen Errungenschaften dieser Zeit ein wichtiges Thema waren, lassen die progressiven Methoden der Baumwollspinnerei obsolet wirken. 1900, das Jahr, in dem dieser Roman endet, ist auch von der Autorin ein sehr gut gewähltes Jahr. Der Anfang eines neuen Jahrhunderts hat einen großen symbolischen Wert.

Gina Mayer hat es geschafft, dass ich, obwohl kein Technik-Anhänger, gespannt über die Arbeitsprozesse in einer früheren Fabrik lese, und auch über die modernen technischen Attraktionen in der Pariser Weltausstellung staune.
Aber was mich am meisten beeindruckt hat, und das ist keine Überraschung bei einem Roman von Gina Mayer, ist die Entschlossenheit, die ihre Figuren charakterisiert, Figuren, die immer wieder für Spannung und Überraschungen sorgen. Es sind Charaktere, die Entscheidungen treffen, die nicht immer die richtigen sind, die lieben und hassen mit ihrem ganzen Wesen. Gina Mayer weiß genau, das alles so zu vermitteln, dass der Leser sich so frei fühlt, sich sein eigenes Urteil über deren Handeln zu bilden. Eines haben Gina Mayers Geschichten gemeinsam: Sie geben keine moralische Richtung an. Manche ihrer Figuren denken und handeln, wie man es auch im wirklichen Leben macht, ihre Gedanken und Gefühle sind nicht immer rein und altruistisch. Und gerade das macht das Lesen so spannend, denn, was gibt es Interessanteres als die Antwort auf die Frage, was einen Menschen treibt.

„Leonore und ihre Töchter“ ist ein ergreifender Roman, an den ich lange denken werde. Schauplätze, Handlung und vor allem die Charaktere sind absolut nicht einfach zu vergessen.

Die „Baumwollspinnerei Cromford“ in Ratingen hat existiert. Sie war sogar die erste Fabrik auf dem europäischen Kontinent außerhalb Englands. Heutzutage beherbergt diese ehemalige Fabrik ein Industriemuseum, das ich hoffentlich eines Tages besuche, und während ich durch die Räume spaziere, werde ich an die Menschen denken, die in dieser Fabrik hart gearbeitet und Gina Mayer als Inspiration für ihren Roman gedient haben.

Rütten & Loening
Klappenbroschur
464 Seiten
Erscheinungsdatum: 12. September 2014
Preis: EUR 14,99
ISBN: 978-3352008474

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