Amon: Mein Großvater hätte mich erschossen von Jennifer Teege und Nikola Sellmair

17505229208„Jeder Mensch möchte herausfinden, wer er ist“

Auch wenn sich viele Wissenschaftler und Philosophen diesem Thema widmen, finde ich persönlich, dass das Bedürfnis, alles über sich selber zu wissen, zur Natur des Menschen gehört, es ist wie ein Axiom und einer der Grundsätze für die persönliche Entwicklung jedes Einzelnen. Das Herausfinden bedeutet auch, sich identifizieren zu können, mit dem, was man entdeckt, oder sich bewusst zu distanzieren.

Jennifer Teege hat eines Tages eine furchtbare Entdeckung gemacht, für deren seelische Verarbeitung sie Jahre gebraucht hat. Sie ist die leibliche Enkelin von Amon Göth, einem sadistischen Nazi-Verbrecher, vor allem aus dem Film „Schindlers Liste“ bekannt.

Ich habe Jennifer Teege zum ersten Mal in einem Fernsehinterview gesehen. Sie wurde mir sofort sympathisch und ihre Geschichte hat mich sehr beeindruckt. Noch während die Sendung lief, habe ich ihr Buch, das sie zusammen mit der Journalistin Nikola Sellmair geschrieben hat, bestellt. Dieses Buch, in dem sie ihre Geschichte erzählt, und das mittlerweile in mehrere Sprachen übersetzt wurde, hat mir sehr gut gefallen.

Interessant bei diesem Buch sind die zwei unterschiedlichen Perspektiven Frau Teeges und ihrer Co-Autorin. Dies verleiht dem Buch eine bestimmte Struktur, die dem Leser hilft, alles besser zu verstehen und nachvollziehen. Jennifer Teege beschreibt – logischerweise – alles aus ihrer persönlichen Sicht, während Nikola Sellmair für die sachlicheren Erklärungen zuständig ist, und bezieht sich auch auf andere ähnliche Fälle, denn Jennifer Teege teilt ein Schicksal mit Millionen Deutschen. Trotzdem ist bei ihr auch wieder alles anders: ihre Hautfarbe und die Tatsache, dass sie adoptiert wurde. Nach der Entdeckung muss sie ein zweites Mal in ihrem Leben ihre eigene Identität in Frage stellen.
Auch die Sprache, die die beiden Autorinnen benutzen, ist sehr gut und dem Thema angemessen. Wenn man Frau Teege in Interviews erlebt, passt alles, was man sieht und hört, zu ihrer Art zu schreiben: ruhig und überlegt, absolut nicht pathetisch und fesselnd.

„Amon: Mein Großvater hätte mich erschossen“ ist nicht die jämmerliche Geschichte einer Frau, die ein Familiengeheimnis enthüllt, es ist vielmehr ein wichtiger Beitrag zum Thema Nationalsozialismus und dessen Konsequenzen: Frau Teege ist sich bewusst von ihrer Verantwortung, nicht nur als Deutsche, sondern auch als Enkelin eines der schwersten Nazi-Verbrecher.
Sie kann stolz sein, mit ihrem Buch einen guten Beitrag geleistet zu haben, damit sich dieser Teil der deutschen Geschichte nicht wiederholt, denn sie sagt nicht: „damit habe ich nichts zu tun, das ist lange vor meiner Geburt passiert“.

Ich bewundere sie und freue mich sehr, ihr Buch gelesen zu haben.

Rowohlt
Gebundene Ausgabe
272 Seiten
Erscheinungsdatum: 20. September 2013
Preis: EUR 19,95
ISBN: 978-3498064938

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