Kirschblüten und rote Bohnen von Durian Sukegawa

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Dorayaki statt Popcorn

An ist eine asiatische Köstlichkeit. Die aus roten Bohnen hergestellte süße Paste ist wichtiger Bestandteil von japanischen Süßwaren. Ganz beliebt sind Dorayaki, kleine mit An gefüllte japanische Pfannkuchen.
Sentaro arbeitet jeden Tag in einem Imbiss unter einem Kirschbaum und backt Pfannkuchen, die er mit industriell hergestelltem An füllt. Jeden Tag steht er auf und führt tagsüber seinen eintönigen Job aus und abends betrinkt er sich. Bis eines Tages die 70-jährige Tokue vor seinem Imbiss erscheint und ihm zeigt, wie man An selber herstellt. Bohnen einweichen, kochen, Zucker dazu, rühren rühren rühren, aufpassen, dass sie nicht verbrennen. Sentaros Leben ändert sich von einem Tag zu dem anderen. Die Zubereitung der Bohnen beschäftigt ihn intensiv, aber es lohnt sich, die Paste schmeckt außerordentlich gut! Er fängt an, seine Arbeit zu schätzen.

„Kirschblüten und rote Bohnen“ erzählt die Geschichte, wie Sentaro lernt, seine Arbeit zu lieben, auch wenn sie nicht das ist, wovon er immer geträumt hat.

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Ich denke nicht, dass es jedem Menschen möglich ist, eine derartige Erfahrung zu machen. Sentaro gibt sich selber eine Chance, indem er Tokue und ihrem An eine Chance gibt.

Sentaro ist eine Romanfigur ganz nach meinem Geschmack. Bei der Darstellung seines Charakters setzt Durian Sukegawa den Schwerpunkt auf sein Inneres. Sentaro ist ein unzufriedener, frustrierter Mann, der jedoch in der Lage ist, sein eigenes Verhalten und seine Denkweise zu analysieren und in Frage zu stellen. Gerade deswegen kann Tokue Zugang zu ihm finden.

Tokue hat in Sentaro einen Konflikt ausgelöst: Als er etwas über ihre Vergangenheit erfährt, sieht er die Zusammenarbeit gefährdet, und er muss eine Entscheidung treffen. Seinen inneren Kampf spürt der Leser deutlich. Durian Sukegawa zeigt Sentaro in seiner ganzen Verletzlichkeit und schafft es, dass der Leser dessen Gefühle und Zweifel nachvollziehen kann. Letztendlich ist Tokue selber diejenige, die ihn aus dieser Krise rausholt. Ihre Hilfe bietet sie ihm auf eine ungewöhnliche Art. Sentaro versteht die Botschaft, der Leser hoffentlich auch. Toleranz ist der Grundsatz. Dafür plädiert Sukegawa.

Ich empfinde keine Affinität mit japanischer Mentalität und Seele. Beim Lesen dieses Buches hatte ich trotzdem nicht den Eindruck, dass mein Gefühl diesbezüglich bestätigt wurde. Aber auch wenn ich eine gewisse für Ostasiaten typische Distanz gespürt habe, hat mich diese Geschichte berührt und die Botschaft des Autors habe ich nicht nur verstanden, sondern auch verinnerlicht. An Sentaro und Tokue musste ich tagelang denken und zu deren Ehre habe ich stundenlang in der Küche gestanden, um An zuzubereiten, so wie Tokue es auch gemacht hat. Ich bin überzeugt, dass scheinbar einfache Sachen wie die Kochvorschriften, um eine Speise zuzubereiten, eine positive Wirkung auf die Persönlichkeit ausüben können. Man muss nur davon überzeugt sein, dass das, was man produziert, etwas Gutes ist, und dass man Anderen damit eine Freude macht.

2015 eröffnete der Film zum Buch die Filmfestspiele von Cannes. Ich werde ihn demnächst auch sehen. Darauf freue ich mich. Und selbstverständlich werde ich dabei kein Popcorn sondern Dorayaki essen.

DuMont Buchverlag
Gebundene Ausgabe
224 Seiten
Erscheinungsdatum: 15. März 2016
Preis: EUR 18,00
ISBN: 978-3832198121

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