Der Tag, an dem der Goldfisch aus dem 27. Stock fiel von Bradley Somer

9783832197834Treppen hoch, Treppen runter und ein ahnungsloser Fisch

Der Freifall eines Fisches aus dem letzten Stock eines Hochhauses dauert nur ein paar Sekunden. Bei 27 Stockwerken gibt es unzählige Fenster, die viel zu gucken anbieten, viele Ereignisse, die alle gleichzeitig stattfinden. Da das Gedächtnis eines Goldfisches praktisch gleich null ist – er hat ja nur ein winziges Goldfischgehirn -, erzählt uns Bradley Somer in „Der Tag, an dem der Goldfisch aus dem 27. Stock fiel“, was er während seines Falls sieht. Ian, so heißt der Fisch, sieht diese Ereignisse als Bilder, die vorbeiziehen, und die werden erst für den Leser interessant, sobald der Autor anfängt, zu beschreiben, wie diese zustande gekommen sind. Er erzählt uns alle Einzelheiten, die zu diesen Bildern führen. Und das fängt an, eine halbe Stunde bevor Ian fällt.

Dieses Buch wurde mir von einer Freundin ans Herz gelegt. Ihre große Begeisterung hat mich angesteckt und in mir große Erwartungen entstehen lassen, die sich schon in den ersten Seiten erfüllt haben. Ich habe es sehr gerne gelesen und ich fand es so schön, dass ich die Lektüre nur unterbrochen habe, wenn es wirklich notwendig war.

Bradley Somers Idee, Ian zum ahnungs- und gedächtnislosen Protagonisten und zum Medium zwischen Romanfiguren und Leser zu machen, fand ich sehr originell. Vor allem die Tatsache, dass eine Spannung bei der Beschreibung des Freifalls des Fisches entsteht, fand ich grandios. Jede Sekunde dieses Falls wird in allen Einzelheiten sehr überzeugend geschildert. Man bangt um Ians Leben, fühlt nach, was er fühlt (falls er als kleiner Fisch etwas fühlen sollte) und hofft auf ein Wunder, das den Fisch rettet. Gleichzeitig erfährt man alles, was eine halbe Stunde früher geschehen ist. Diese kurze Zeit reicht, um den Leser mit den Romanfiguren so zu verbinden, dass sie lange nach dem Lesen in Erinnerung bleiben. Diese Romanfiguren sind ganz normale Menschen, die hinter geschlossenen Türen ihre Macken und Eigensinnigkeiten ausleben, die einsam sind und sich nach Nähe sehnen. Treppen hoch, Treppen runter, die Bewohner des Hauses begegnen sich gelegentlich, aber nur der Leser weiß, was hinter diesen Begegnungen steckt, durch welche Zufälle sie verursacht wurden und was diese im Inneren dieser Menschen auslösen.

„Der Tag, an dem der Goldfisch aus dem 27. Stock fiel“ ist ein kleines literarisches Highlight. Es unterhält, berührt und motiviert, nachzudenken, toleranter anderen Menschen gegenüber zu sein und die eigenen Handlungen zu überprüfen. Denn man weiß am Ende nicht, wer durch leichtfertiges und unüberlegtes Handeln zu Schaden kommen könnte. Auch dann, wenn es sich um einen Goldfisch handelt… Denn auch ein Goldfisch ist nur ein Mensch.

DuMont
Broschiert
320 Seiten
Erscheinungsdatum: 12. März 2015
Preis: EUR 14,99
ISBN: 978-3832197834

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