Eine überflüssige Frau von Rabih Alameddine

Keinesfalls überflüssig

Der libanesische Schriftsteller Rabih Alameddine hat mit „Eine überflüssige Frau“ eine Geschichte über eine Frau geschrieben, die sich für ein Leben innerhalb ihrer vier Wände entschieden hat und die Erfüllung in einer ungewöhnlichen Tätigkeit findet: Sie übersetzt Bücher ins Arabische, Manuskripte, die keiner liest, weil sie ihre Werke vor der Öffentlichkeit versteckt. Aus ihrer Sicht ist das eine überflüssige Beschäftigung, wie alles andere, was mit ihr selber zu tun hat.
Aaliya ist bereits über 70 und lebt in Beirut. Sie hat schon viel erlebt und darüber berichtet sie, während sie sich an die Vergangenheit erinnert, an ein Leben, das ihr nichts Aufregendes oder Zufriedenstellendes anzubieten hatte, aber für den Leser eine interessante Informationsquelle über die neueste Geschichte Beiruts ist. Für den Buchliebhaber hat Aaliya auch viel zu sagen. Sie verfügt über ein immenses Literaturwissen und ein hervorragendes Gedächtnis. Für jede Situation, für jedes Ereignis findet sie das entsprechende Zitat oder einen Vergleich zu einem Thema in einem von ihr gelesenen Buch oder zu einem Lebenslauf eines Dichters. Allein deswegen müsste sich Aaliya nicht ganz so minderwertig fühlen. Ihre Fähigkeiten stempelt sie als Macken ab und ihre Gelehrtheit und Begabung als unnötiges Wissen. Sie arbeitet trotzdem fleißig weiter und sucht Inspiration in ihrer eigenen Vita.

„Eine überflüssige Frau“ habe ich sehr gerne gelesen, auch wenn ich oft traurig wurde und Aaliyas Einsamkeit deutlich spüren konnte. Über das Leben in Beirut, vor, nach und während des Krieges zu lesen, fand ich spannend und lehrreich, sogar auch dann, wenn diese Einblicke in diese aufregende Stadt nur aus Aaliyas Fenster stammten.
Alameddines Sprache fand ich wunderbar. Ich würde diese als „poetisch-nüchtern“ bezeichnen. Für mich, die normalerweise keine metaphernreichen und blumigen Texte mag, ist dieser Schreibstil genau richtig. Niemals fand ich seine Beschreibungen ermüdend, pompös oder kitschig, er besitzt die Fähigkeit, den Leser Aaliyas Alltag durch seine Art vom Erzählen als Abenteuer empfinden zu lassen. Dabei braucht Aaliya nicht mal ihre Wohnung zu verlassen. Wenn sie sich eine Tasse Tee zubereitet, folgt man gespannt jeder ihrer Bewegungen. Das fand ich großartig.

„Eine überflüssige Frau“ ist das erste Buch Alameddines, das in Deutschland erscheint. Seine Bücher wurden bereits in viele Sprachen übersetzt und er wurde mehrmals mit bedeutenden internationalen Literaturpreisen ausgezeichnet.

Louisoder
Gebundene Ausgabe
470 Seiten
Erscheinungsdatum: 24. Februar 2016
Preis: EUR 24,90
ISBN: 978-3944153308

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