Gehen, ging, gegangen von Jenny Erpenbeck

Die Erweiterung des Horizontes

Aktuell ist das Thema Nummer 1 in Deutschland die Flüchtlinge und die Probleme, die sie allein mit ihrer bloßen Präsenz verursachen. Vielen Menschen, die sich ausschließlich negativ darüber äußern, würde ich gerne nur eine einzige Frage stellen: Was hat sich in deinem Leben seit dem letzten Flüchtlingsansturm verändert? Bestimmt haben die meisten von ihnen keine Antwort auf diese Frage. Nicht aber Richard. Er hat viel zu erzählen. Denn sein Leben hat sich in der Tat verändert, dank der Existenz der Flüchtlinge.

„Gehen, ging, gegangen“ von Jenny Erpenbeck ist sozusagen Richards Antwort auf die Frage, ob sich etwas in seinem Leben verändert hat, seitdem die Flüchtlinge die Straßen Deutschlands bunter und exotischer machen.

Am Anfang könnte man den Eindruck haben, dass Richards Interesse für die Flüchtlinge wissenschaftlicher Natur ist. Als Universitätsprofessor, der gerade in die Rente eingetreten ist, geht er erstmals mit diesem Interesse wie mit einem Forschungsprojekt vor, bis er eines Tages merkt, wie sein Leben sich in der Tat verändert hat. Wegen der Flüchtlinge.
Wer mit Menschen aus anderen Ländern zu tun hat, egal aus welchem Grund, hat die wertvolle Gelegenheit, das eigene Leben, das eigene Land und die eigenen Gewohnheiten aus einer anderen Perspektive zu betrachten, und zwar durch die Augen der Fremden. Flüchtlinge sind auch nicht nur Fremde, sondern sie haben einen besonders traumatischen Weg hinter sich, der sie in ferne Gegenden geführt hat. Für diese Erfahrungen interessiert sich Richard auch und muss im Rahmen seiner „Forschungsarbeit“ feststellen, dass das Leben in Deutschland für die Flüchtlinge kein Zuckerschlecken ist.
Bald lernt Richard etwas, das eigentlich von vornherein selbstverständlich sein sollte: Auch Flüchtlinge sind Menschen, ganz normale Menschen. Und mit ganz normalen Menschen erlebt man oft schöne Momente, aber auch hin und wieder Enttäuschungen. Trotzdem gibt es Momente, in denen Richard diese Menschen und deren Geschichten leicht zu idealisieren tendiert. In seiner Fantasie werden sie fast zu mythologischen Helden. Nach und nach merkt er, dass die Realität sie bereits zu Helden gemacht hatte, aber auf eine traurige und meist traumatische Art und Weise.
Richard macht mit Flüchtlingen dieselben Erfahrungen, die alle anderen gemacht haben, wenn sie den Kontakt zu ihnen suchen, mit ehrlichen Absichten und ohne Erwartungen. Auch ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht. Mir hat gefallen, diese zu vergleichen, und ich habe mich gefreut, wenn Richard Schönes und Positives erlebt hat, auch so wie ich. Besonders gefreut habe ich mich, als jemand Richard beschrieben hat, wie das Ende des islamischen Fastenmonats gefeiert wird, denn das entsprechende Kapitel habe ich im Bus gelesen, nachdem ich die Ehre hatte, zusammen mit einer afghanischen Familie und deren Freunden genau dieses Fest zu feiern.
Insgesamt hat mir „Gehen, ging, gegangen“ gut gefallen, auch wenn ich die Atmosphäre rund um Richard immer wieder zu betrübt fand. Natürlich ist dieses Thema kein generell fröhliches, aber auch wenn sich Richard im Laufe der Zeit immer mehr engagierte und auch Emotionen investierte, habe ich gehofft, dass er dennoch ab und zu weniger melancholisch wirkt.

„Gehen, ging, gegangen“ zeigt außerdem, wie absurd Gesetze sein und wie schnell sie Helfer frustrieren können. Trotzdem beweist Richards Geschichte, dass es sich lohnt, etwas dafür zu tun, damit es Menschen in einer Ausnahmesituation besser geht. Sie zeigt auch, dass, auch wenn man Gutes tut, ohne eine Belohnung zu erwarten, bekommt man dabei automatisch das Beste, was die Begegnung mit anderen Kulturen bieten kann: die Erweiterung des eigenen Horizontes.

Knaus Verlag
Gebundene Ausgabe
352 Seiten
Erscheinungsdatum: 31. August 2015
Preis: EUR 19,99
ISBN: 978-3813503708

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