Außer sich von Sasha Marianna Salzmann

Von Odessa bis Istanbul

Normalerweise entsteht meine Meinung zu einem Buch, während ich es lese. Oft erst, nachdem ich am Ende angelangt bin und es zugeklappt habe.
Selten geschieht es, dass ich eine Geschichte immer besser finde, je länger ich über sie nachdenke. Ich merke es daran, dass ich sie nicht mehr aus dem Kopf bekomme, und dass ich das Bedürfnis habe, darüber zu sprechen.
„Außer sich“ von Sasha Marianna Salzmann habe ich schon vor Tagen gelesen, und mit jedem Tag, der vergeht, wächst meine Begeisterung für diesen Roman und meine Bewunderung für die Autorin, die mit diesem ihrem Debüt ein großes erzählerisches Talent erweist.

Identitätskrise, Suche nach dem wahren Ich, auf den Spuren der eigenen Wurzeln, Suche nach dem Ort, in dem man wirklich zu Hause ist. Viele Bücher über diese Themen habe ich gelesen, darunter auch sehr gute, aber keins so rätselhaft wie dieses.

Die Geschichte, die Sasha Marianna Salzmann erzählt, ist nicht einfach zu lesen, trotzdem meine ich, dass die darin enthaltenen Rätsel lösbar sind. Man muss aber achtsam und in der Lage sein, die Bausteine, aus denen der Roman gebaut ist, in der richtigen Reihenfolge zusammenzusetzen. Belohnt wird man mit einer besonderen Geschichte, die einen lange beschäftigt.

Sasha Marianna Salzmanns Heldin Ali sucht ihren verloren gegangenen Zwillingsbruder in Istanbul. Gleichzeitig erzählt sie die Geschichte ihrer Familie, russischen Juden, die nach Deutschland emigrierten. Diese zwei Erzählungsstränge stehen im drastischen Kontrast zueinander.
Das Istanbul, in dem Ali sich bewegt, hat mit der bunten, exotischen und würzig duftenden Stadt aus anderen Büchern, die ich kenne, nichts zu tun. Die Gegenden, in denen Ali landet, und die Menschen, denen sie begegnet, vermitteln mehr eine Atmosphäre von geheimnisvollem Paralleluniversum als von orientalischem Basar. Und genau diese Menschen sind es, die Ali eine lebensverändernde Entscheidung erleichtern.

Wenn man zwischendurch über Alis Familie liest, hat man das Gefühl, ein ganz anderes Buch zu lesen, so unterschiedlich sind Erzählstile und Handlungen.
Alis Familie stammt aus Russland. Zusammen mit anderen 200.000 waren sie Teil der sogenannten „Kontingentflüchtlinge“. Das waren Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, die Anfang der 90er Jahre (ausgerechnet) nach Deutschland eingewandert sind, und zu denen auch andere sehr bekannte Schriftsteller gehören, wie zum Beispiel Wladimir Kaminer und Lena Gorelik.

Von Odessa bis Istanbul, dazwischen viele Stationen, vier Generationen, und ganz am Ende steht Ali.
Warum sucht sie ihren Bruder in Istanbul? Findet sie ihn? Welche Rolle spielt ihre russisch-jüdische Familie und deren Geschichte bei dieser Suche?

Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr Antworten finde ich auf diese Fragen. Dieses Buch beschäftigt mich, fordert mich. Immer wieder muss ich daran denken, glaube neue Hinweise zu entdecken, die mir helfen könnten, Ali besser zu verstehen. Ich nehme das Buch in die Hand, lese manche Passagen noch einmal, und staune über die Fähigkeit der Autorin, den Leser zu überraschen.

Und so denke ich, noch Tage nach dem Lesen, an diese Geschichte, und je mehr ich daran denke, desto mehr gefällt sie mir.

Suhrkamp
Gebundene Ausgabe
366 Seiten
Erscheinungsdatum: 11. September 2017
Preis: EUR 22,00
ISBN: 978-3518427620

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