Belladonna“ von Daša Drndić

Kriege, Säuberungen und Auslöschungen

Selten hat mich ein Buch so herausgefordert wie der Roman „Belladonna“ der kroatischen Schriftstellerin Daša Drndić.

In diesem Buch erzählt sie über den 65-jährigen Andreas Ban, der eine große Angst vor der Pensionierung hat. Er weiß, dass ein Rentner in seiner Heimat Kroatien keine Perspektiven hat, er weiß, dass seine Rente nicht reichen wird und er möchte sich nicht nur von Dosensardinen ernähren. Aber am meisten hat er vor den Erinnerungen Angst. Seitdem er nicht mehr arbeiten muss, kommen die Erinnerungen hoch, an seine Kindheit, an die Zeit im Exil, nachdem er Belgrad vor dem Bürgerkrieg verlassen musste, und immer wieder muss er an den Nationalsozialismus denken, und an die Rolle, die sein eigenes Land dabei spielte.
Andreas Ban erinnert sich, und auch wenn ihn diese Erinnerungen quälen, möchte er noch mehr wissen, er möchte sich in diese Erinnerungen vertiefen, sie auseinandernehmen. Seine Erinnerungen sind auch die Erinnerungen anderer Menschen, deswegen liest er, recherchiert, und er entdeckt Furchtbares.
Andreas Ban kommt zu dem Ergebnis, dass das 20. Jahrhundert, die Zeit, in der er den Großteil seines Lebens verbracht hat, ein Jahrhundert der Kriege war, „das Jahrhundert des Säuberns, das Jahrhundert des Auslöschens“. Das alles zu lesen hat mich tagelang beschäftigt und mich sehr betroffen gemacht.

Daša Drndić erzählt in gnadenloser Form über Volksverbrecher, sie kennt keine Grautöne in ihrer Erzählung, denn „es gibt keinen kleinen, harmlosen Faschismus“. Und das hat mir gefallen, auch wenn es nicht einfach war, darüber zu lesen. Andreas Bans Qual wurde zum Teil auch meine Qual. Und trotzdem habe ich in keinem Moment bereut, dieses Buch gelesen zu haben, obwohl es meine Stimmung oft trübte.

Andreas Ban hat auch angenehme Erinnerungen, zum Beispiel an seine Zeit in Amsterdam im Jahr 2010 als Stipendiat des Writers in Residence-Programms. Eine junge Erinnerung. Aber auch in Amsterdam ist der Holocaust überall präsent. Diese Erinnerung ist trotzdem anders als die andere. Sie ist mit positiven Erfahrungen vermischt. Sehr gerne habe ich über seine Zeit in Amsterdam gelesen. Daša Drndić war 2010 Stipendiatin des Writers in Residence-Programms. Ihre Erfahrungen, so nehme ich es an, hat sie Andreas Ban erzählen lassen. So lebendig und voller Liebe beschreibt sie die Gegend, in der Andreas Ban (oder sie) diese Zeit verbracht hat, die Geschäfte und die Menschen, dass ich während meines letzten Amsterdam-Besuchs diese Orte sehen musste!

Andreas Ban erinnert sich auch daran, dass er einen Roman mit dem Titel „Sonnenschein“ gelesen hat. Diesen Roman hat auch Daša Drndić geschrieben. Und darauf bin ich sehr neugierig geworden.

Daša Drndić schreibt gegen das Vergessen. Listen mit Tausenden von Namen ermordeter Juden sind Teil ihrer Romane. Denn: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“.

Hoffmann und Campe
Gebundene Ausgabe
400 Seiten
Erscheinungsdatum: 20. Februar 2018
Preis: EUR 24,00
ISBN: 978-3455002751

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