Marx. Der Unvollendete von Jürgen Neffe

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Der Missverstandene

Auch Genies sind nur Menschen. Mit Macken, Träumen, Ängsten, Problemen, Illusionen. Sie sind in der Lage, Großartiges zu schaffen, aber sie können natürlich auch Fehler machen und Unzugänglich sein. Sie sind Menschen mit allem Drum und Dran.
In seinem Buch „Marx. Der Unvollendete“ zeigt Jürgen Neffe, dass all dies (und noch mehr überraschende Tatsachen und Charakterzüge) auch für Karl Marx gilt.

„Marx. Der Missverstandene“ könnte auch ein guter Titel für dieses Buch sein. Karl Marx, der (theoretische) Revolutionär, der Kommunist schlechthin – love him or hate him, wie Marmite. Keinem Menschen wurden so viele politische und wirtschaftliche Katastrophen, so viele Toten und tyrannischen Regierungen angehängt. Weil er die historische Figur ist, die man am meisten mit dem Kommunismus in Verbindung bringt. Dieser Mann und sein Vermächtnis wurden bis heute, mehr als 130 Jahre nach seinem Tod, nicht vergessen und werden als Ursache schwerer Krisen in Ländern – ein aktuelles Beispiel ist Venezuela, dessen Ökonomie von einem Tyrannen innerhalb weniger Jahre zerstört, und von einem Einwanderungsland in eine Nation von Wirtschaftsflüchtlingen verwandelt wurde. Und das im Namen des Kommunismus.
Und dabei war Marx hauptsächlich ein Philosoph mit einer Vision, in der er nur der Wohlstand und die Freiheit aller Menschen aller Nationen beabsichtigte. Dies wird in Jürgen Neffes Buch besonders deutlich gemacht.

In „Marx. Der Unvollendete“ versucht Jürgen Neffe die komplexe Persönlichkeit und das Werk Karl Marx‘ zu erklären. Ein fast mammuthaftes Unternehmen. Dafür muss er jahrelang Literatur von und um Marx gelesen haben, aus denen er in seinem Buch lange, häufig und ausführlich zitiert. Daran musste ich – für die Philosophie ein Mysterium ist – mich gewöhnen. Für mich waren solche Auszüge aus Briefen und Tagebüchern am interessantesten, weil sie viel über die Person von Karl Marx sagen. Oft haben mich diese auch überrascht, weil sie Marx‘ menschliche Seiten deutlich zeigten. Und diese Seiten waren nicht immer positiv.

Jetzt zitiere ich auch: „Wer seine Genialität sucht, wird sie nicht in einer Schublade finden. Sie steckt, um im Bilde zu bleiben, im ganzen Schrank. Oder besser noch: im gesamten Möbelhaus.“
So beschreibt der Autor, aus meiner Sicht sehr treffend, den multiplen Karl Marx, der auch große Schwierigkeiten hatte, seine Werke zu Ende zu bringen (vielleicht gerade wegen seiner besonderen Genialität, die in einem ganzen Möbelhaus steckt).

Ich glaube, ich habe alles, was Jürgen Neffe an Biografien über große Genies geschrieben hat, gelesen. Mit Marx dringt er in ein nicht naturwissenschaftliches Gebiet ein. Auch er ist ein Alleskönner. Wer seine Biografien über Einstein und Darwin gelesen hat, weiß, dass er mit vollem Einsatz schreibt und recherchiert. Auch bei Marx hat er das gemacht.

In einem Fernsehinterview sagte Jürgen Neffe, dass er die Figur Karl Marx immer verstehen wollte. Das hat ihn zu diesem Buch inspiriert. Außerdem wollte er auch Karl Marx revidieren: er war ein Denker und ein unermüdlicher Schriftsteller, der die Welt verändern wollte.
Vor allem war er aber ein ganz normaler Mensch.

C. Bertelsmann
Gebundene Ausgabe
656 Seiten
Erscheinungsdatum: 11. September 2017
Preis: EUR 28,00
ISBN-13: 978-3570102732

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