Wuhan Diary von Fang Fang

©Aba

„Das Schreiben war das einzige Mittel, meinen Gefühlen und meinem seelischen Zustand Luft zu verschaffen.“

Als am 23. Januar 2020 die chinesische Millionenstadt Wuhan abgeriegelt wurde, um die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus zu verhindern, fühlten wir uns in Europa relativ sicher, dass es sich bei dem SARS-CoV-2-Virus um ein chinesisches Problem handelt, obwohl Experten weltweit vor einer Pandemie warnten.

Als unsere Bundeskanzlerin Mitte März entsprechende Einschränkungen für Deutschland angekündigt und an die Bevölkerung appelliert hat, sich strikt daran zu halten, lebten die Wuhaner bereits zwei Monate von der Welt isoliert, und ohne ihre Wohnungen verlassen zu dürfen. Und auch wenn unsere Quarantäne eine komplett neue Erfahrung für die meisten in Deutschland Lebende gewesen ist, kann man es niemals mit dem, was die Wuhaner durchgemacht haben, vergleichen.

Weil sie ihre Tochter vom Flughafen am Abend des 22. Januar abholen musste, blieb die in China sehr bekannte Schriftstellerin Wang Fang – unter dem Pseudonym Fang Fang veröffentlicht sie ihre Werke – in ihrer Wuhaner Wohnung über Nacht und erlebte die beispiellose Abriegelung einer Stadt.

Eigentlich hatte sie vor, diese Tage in ihrem Haus außerhalb Wuhans zu verbringen, um in Ruhe zu arbeiten, denn die zweiwöchigen Feierlichkeiten rund um das chinesische Neujahr hätten ihren Höhepunkt am 25. Januar gehabt. Genau an diesem Tag hat Fang Fang angefangen, ihr Tagebuch in Blogform zu schreiben.

Ein Glück, dass der Verlag Hoffmann und Campe den seit Jahrzehnten in China lebenden Michael Kahn-Ackermann mit der Übersetzung dieses Tagebuches beauftragt hat, das nicht mal in der Heimat der Autorin erschienen ist. Und das wahrscheinlich, weil Fang Fang deutliche Worte über das Versagen der Regierung in dem Umgang mit der von dem SARS-Cov-2-Virus verursachten Epidemie ausspricht.

Sie wird Opfer der Zensur, ihr Blog wird gesperrt, Beiträge gelöscht. Mit der Hilfe von Freunden und Lesern schafft sie es, täglich zu posten. Ihre Fans, unglaubliche 100 Millionen, bleiben bis spät nachts wach, um Fang Fangs neueste Texte zu lesen, bevor sie gelöscht werden.

Aber ist die Kritik an die Verantwortlichen von der Katastrophe, ihr Aufruf, die Schuldigen zu finden, der Grund dafür, dass so viele Menschen ihren Blog gelesen haben? Sicher nicht. Es liegt auch an ihrem angenehmen Schreibstil, auch daran, dass sie über die Epidemie informiert, denn sie ist gut vernetzt, zu ihrem Freundeskreis gehören Ärzte, die an der Quelle sitzen. Vor allem aber hat ihr Tagebuch eine beruhigende Wirkung auf die Leser. Und dabei war es nicht mal ihre Absicht, auf Followerjagd zu gehen. Sie hat einfach nur ihre Gedanken festgehalten, schriftlich, weil sie es am besten so kann. Für sie war es eine große Überraschung zu erfahren, dass jemand Interesse an ihre Gedanken hatte. Danach fühlte sie sich ihren Lesern verpflichtet. Ihr Blog wurde zur Stimme der abgeriegelten Stadt.

Fang Fang ist Wuhanerin durch und durch und wünscht sich natürlich das Beste für ihre Stadt und deren Bewohner. Sie informiert, enthüllt, sie macht Mut und gibt Hoffnung. Irgendwann merkt sie, dass das ihre Mission in der Quarantäne ist. Sie hilft mit ihrem Schreiben und animiert ihre Leser, auch ihre Erfahrungen in der schweren Zeit festzuhalten. Sie ist keine Ärztin, aber sie ist überzeugt, dass ihr Blog auch eine heilende Wirkung hat.

Für mich ist dieses Tagebuch vor allem so interessant, weil es die ganze Situation in Wuhan so schildert, wie es wirklich gewesen ist, und zeigt, wie 9 Millionen Menschen in einer chinesischen Stadt, von der die Meisten vor Januar 2020 noch nie gehört hatten – obwohl diese eine Weltmetropole ist – ihre Freiheit geopfert haben, in dem Versuch, etwas zu verhindern, was nicht mehr zu verhindern war. Wenn Menschen in Europa über die Einschränkungen wegen der Pandemie klagen, ist es wahrscheinlich, weil sie keine Ahnung haben von dem, was 9 Millionen in Wuhan durchgemacht haben.

Als Naturwissenschaftlerin bin ich restlos überzeugt, dass nur konsequent eingehaltene Regeln die beste Strategie gegen die Ausbreitung eines Virus ist. Ich unterstütze die Maßnahmen und habe aus der Quarantäne das Beste für mich gemacht. Mich interessierte auch, wie andere Menschen diese Zeit verbrachten und natürlich suchte ich in Fang Fangs Tagebuch persönliche Berichte darüber, wie sie ihren Alltag bewältigt hat, vor allem, weil den Wuhanern nicht mal erlaubt wurde, vor die Tür zu gehen. Davon erzählt Fang Fang leider relativ wenig. Aber ihr vorzuwerfen, dass sie diese meine Erwartung nicht so erfüllt hat, wie ich es mir vorstellte, wäre ungerecht, denn sie macht von Anfang an klar, dass ihr Blog ihre persönliche Art und Weise ist, mit der Situation umzugehen.

Bewundernswert ist es, wie sie ihr Recht zu schreiben und zu veröffentlichen ihrer Gedanken verteidigt, und mit welcher Konsequenz sie immer wieder ihre Texte gepostet hat, obwohl sie wusste, dass diese bald gelöscht würden.

Für mich steht fest: An dem Tag, an dem ich genug Geld für eine große Reise habe, wird Wuhan eins meiner Ziele. Dank Fang Fang habe ich nicht nur erfahren, wie die Epidemie sich in Wuhan entwickelt hat, dort, wo alles anfing, sondern auch, dass in dieser Stadt sich die schönste Universität der Welt befindet (vor allem in der Zeit der Kirschblüte), und dass Wuhanerinnen besonders toll fluchen können. Das muss man doch mal erlebt haben, oder?

HOFFMANN UND CAMPE
Sprache : Deutsch
Gebundene Ausgabe : 352 Seiten
Erscheinungsdatum: 30. Mai 2020
Preis: EUR 25,00
ISBN-13: 978-3455010398

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