Weiches Begräbnis von Fang Fang

©Aba

„Wir wollen kein weiches Begräbnis!“

Nach dem Lesen vom „Wuhan Diary“ habe ich mich sehr für dessen Autorin, die bekannte chinesische Schriftstellerin Fang Fang, interessiert. Leider sind Informationen über sie nicht so einfach zu finden. Aus diesem Grund habe ich mich gefreut, als vor kurzem ein weiteres Buch von ihr auf Deutsch im Verlag Hoffmann und Campe erschienen ist: „Weiches Begräbnis“. Für mich stand fest, dass ich dieses Buch lesen muss!

Warum „weiches Begräbnis“. Das war das Erste, was ich mich gefragt habe, als ich den Titel las. Was ist das? Was bedeutet es? So ein Titel klingt vielleicht romantisch. Beim Lesen aber habe ich gelernt, dass darunter sich eine Grausamkeit verbirgt. Ein weiches Begräbnis wünscht sich kein Mensch chinesischen Ursprungs. Ein Begräbnis ohne Sarg, der Körper im direkten Kontakt mit der Erde, ist eine unzumutbare Sache, eine große Ungerechtigkeit. Wer ohne Sarg begraben wird, wer keine würdige Beerdigung bekommt, kann nicht wieder geboren werden, der muss als klagender Geist bis in die Ewigkeit umherirren.

Fang Fangs Hauptcharakter ist eine Frau ohne Gedächtnis. Bewusst oder unbewusst hat sie ihre Vergangenheit regelrecht begraben. Sie leidet sehr darunter, keine Identität zu besitzen, zu niemandem und nirgendwohin zu gehören. Vielleicht könnte es ihr Leiden lindern, wenn sie sich an etwas erinnern könnte. Aber ihr ganzer Körper und ihre ganze Seele wehren sich dagegen, sich überhaupt an etwas zu erinnern. Sie lebt im ständigen Kampf mit sich selbst. Diese Erinnerungen, die sie sich so sehr wünscht, sind gleichzeitig ihre größten Feinde. Sie hat ihr Gedächtnis und ihre Vergangenheit begraben, trotzdem weiß sie genau: Wenn sie stirbt, will sie kein weiches Begräbnis.

Fang Fang schreibt gegen das Vergessen. In ihrem Land werden ganze Kapitel der nationalen Geschichte ausradiert. Während der Kulturrevolutionen und der Bodenreformen sind mit der Begründung, Gerechtigkeit und Gleichheit für alle zu schaffen, große Verbrechen begangen. Kaum jemand in China erinnert sich daran, obwohl sich diese Ereignisse erst zwischen den 50er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts zugetragen haben. Ein weiches Begräbnis für das Gedächtnis des chinesischen Volkes. Mit ihrem Buch bricht Fang Fang mit einem Tabu: Sie spricht darüber.

Nach dem Lesen dieses Buches fühlte sich mein Herz sehr schwer. Meine Gedanken kreisten um das Schicksal dieser Frau ohne Gedächtnis. Mit jeder Seite wuchs bei mir der Wunsch, dass sie endlich wieder weiß, was in ihrer Vergangenheit geschehen ist, nicht nur, weil damit höchst wahrscheinlich ihr Leiden ein Ende hat, sondern auch, weil auch ich als Leserin auch mehr erfahren würde!

Fang Fang hat einen großartigen Roman geschrieben. Sie hat mich tief berührt und hat mich mit ihrem Buch ermöglicht, in die Seele ihres Volkes sehen zu dürfen, in diese für mich so geheimnisvolle chinesische Seele, die für den westlichen Verstand so schwer zu erfassen ist.

Dafür bin ich Fang Fang sehr dankbar.

HOFFMANN UND CAMPE
Gebundene Ausgabe
448 Seiten
Erscheinungsdatum: 1. April 2021
Preis: EUR 26,00
ISBN-13 : 978-3455011036

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