Die Leuchtturmwärter von Emma Stonex

©Aba

Fatale Ausstrahlung

Schon als Kind fand ich Leuchttürmer faszinierend. Sie besaßen für mich eine romantische Aura. Auch die Vorstellung, in einem Leuchtturm zu leben und zu arbeiten, hatte etwas Idyllisches an sich. Aber es gab noch etwas, was die Sache weniger malerisch machte: die Einsamkeit.

In ihrem Debütroman „Die Leuchtturmwärter“ erzählt Emma Stonex eine Geschichte über einen Leuchtturm auf offener See und dessen Bewohner, drei Leuchtturmwärter, die für ihre Zeit auf dem Leuchtturm auf ein komfortables Leben auf dem Festland und auf ihre Familien verzichten mussten.

Emma Stonex zeigt in ihrem Buch, dass, um Leuchtturmwärter zu sein, viel Disziplin und Selbstbeherrschung voraussetzt. Man muss schließlich den wenigen Raum, der zur Verfügung steht, mit anderen teilen, und bei Unstimmigkeiten, gar Streitereien, gibt es kein Entkommen.

Das Team der Maiden, Stonex‘ Leuchtturms, wirkt auf den ersten Blick relativ harmonisch, die täglich anfallenden Arbeiten werden problemlos erledigt, die Männer scheinen, sich zu verstehen, Differenzen sind noch im Rahmen des Vertretbaren. Dieser Eindruck hält so lange an, bis sie uns ihre Gedanken, Gefühle und Ängste offenbaren. Dann merkt man: In Wirklichkeit brodelt es im Inneren der Männer wie in einem Vulkan.

Ob diese unterdrückten Konflikte letztendlich die Ursache für die Tragödie sind, die sich eines Tages auf dem Leuchtturm ereignet, oder ob die Erklärung außerhalb dieses Mesokosmos liegt, und welche Rolle die Ehefrauen dabei spielen, das alles zusammen ist der wichtigste Gegenstand dieses Romans.

Es ist spannend, mystisch, geheimnisvoll. Einmal angefangen zu lesen, kann man nicht mehr aufhören. Der enge und von dem Rest der Welt abgeschnittene Schauplatz ist ideal, um Spannung zu erzeugen. Die Autorin hat dies gut umgesetzt. Ihr ist eine komplexe Handlung gelungen, mit rätselhaften Charakteren, die bis zum Ende konsequent bleiben, die etwas Fatales ausstrahlen und die wie für das Unglück prädisponiert sind.

Aber dann kam das Ende. Ein Ende, auf das ich gut hätte verzichten können: Es war harmoniebedürftig und sentimental. Aus meiner Sicht nicht passend zum allgemeinen Tenor der Erzählung. Trotzdem bleibt diese Geschichte garantiert lange in meinem Kopf und in meinem Herzen.

Heutzutage werden Leuchttürme aus der Ferne gesteuert. Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts gibt es keine Leuchtturmwärter mehr in Europa. Trotzdem finde ich, dass die moderne Technik es nicht geschafft hat, sie weniger romantisch wirken zu lassen. Im Gegenteil, so wie Stonex‘ „Die Leuchtturmwärter“ zeigt, sind sie geheimnisumwoben wie noch nie.

S. FISCHER
Gebundene Ausgabe
‏432 Seiten
Erscheinungsdatum: 25. August 2021
Preis: EUR 22,00
ISBN: 978-3103970371

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