Schlagwort: Identitätssuche

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„Sie kann keine Wurzeln schlagen“

Für ihre kleine Tochter, die nicht schlafen kann, beschäftigt sich eine junge Mutter mit ihrer eigenen Vergangenheit. Damit ihre Kleine „Wurzeln schlagen“ kann, muss diese Mutter ihre eigenen finden.

Keine Mutter kann es ertragen, wenn das eigene Kind nicht schlafen kann. Die Nächte werden zu einer Bedrohung, die Tage zu einer Herausforderung.
Wie einst Scheherazade fängt eine Mutter an, ihrer kleinen Tochter Nacht für Nacht Geschichten zu erzählen. Die Geschichten ihrer Familie. Diese sollen ihrer kleinen Tochter helfen, Wurzeln zu schlagen, und der Mutter, sich mit ihrer Vergangenheit zu versöhnen.
Eine Frau versucht zu erfahren, wer sie wirklich ist, woher sie wirklich kommt.

Aktuell Gegenwartsliteratur Rezensionen Roman

Sachlichkeit, die unter die Haut geht

Mit dem Namen „Toto“ verbinde ich in der Regel einen Hund oder eine Musik-Gruppe, aber auf keinen Fall einen Menschen. Und so war ich neugierig, aber auch gleichzeitig skeptisch, als ich erfahren habe, dass Toto der Name der Hauptfigur in Sibylle Bergs neuestem Roman mit dem hoffnungsvollen Titel „Vielen Dank für das Leben“ ist.

„Vielen Dank für das Leben“, sage ich ganz leise gen Himmel jede Nacht, bevor ich einschlafe, denn ich freue mich wirklich, dass ich lebe und dankbar bin ich auch, auch wenn nicht alles immer perfekt läuft oder nach meinen Vorstellungen, sage ich mir immer: „Ich lebe, und so schlimm ist es auch alles wieder nicht…“. Aber ob Toto auch so denkt und fühlt? Schließlich geht es um diesen einen ungewöhnlichen Menschen in diesem ungewöhnlichen Roman. Diese Frage, ob er auch dankbar ist für das Leben, habe ich mir ständig bei der Lektüre dieses Buches gestellt. Eine berechtigte Frage, weil Toto es überhaupt nicht leicht im Leben hat.

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„Ablehnung gleicht der langen Zündschnur einer Sprengladung: Sie zieht sich durch das ganze Leben und es ist nur eine Frage der Zeit, wann sie den Menschen erst innerlich, dann vollständig in die Luft jagt.“

Eine Frau stürzt sich vom 28. Stockwerk eines Hochhauses. Während sie am Boden liegt und auf den Tod wartet, lässt sie ihr Leben Revue passieren. Und so erfahren wir, warum sie diese Entscheidung getroffen hat.

„Hoffnungslauf“ von Aysun Ertan zählt zu meinen literarischen Highlights im Jahr 2012.

Es ist nicht ganz einfach, ein ganzes Buch zu lesen, wenn man schon von Anfang an weiß, dass es so tragisch endet. Denn schon auf der ersten Seite müssen wir erfahren, dass die Erzählerin ihrem Leben ein Ende gesetzt hat. Sie möchte uns aber nicht nur das mitteilen, sie möchte uns auch sagen, warum sie tot auf dem Boden liegt. Und so erzählt sie die Geschichte ihres Lebens, während sie die Treppe des Gebäudes hinauf steigt, von dem sie sich stürzt, vom 1. bis zum 28. Stockwerk.

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Zuhause ist das, was man vermisst

Mascha ist jung, intelligent und kann neue Sprachen mit besonderer Leichtigkeit lernen. Ihr Leben und ihre Welt sind von einer gewissen Internationalität bestimmt, ihre Gedanken kennen keine Grenzen. Aber Mascha ist nicht zufrieden, sie weiß nicht, was sie vom Leben und den Menschen, die ihr nah stehen, erwarten soll, oder was sie zu geben hat. Nach einem tragischen Ereignis trifft Mascha eine Entscheidung, die ihr helfen soll, alles hinter sich zu lassen und ein neues Leben anzufangen. Leider kommt alles ganz anders, als sie es sich vorgestellt hat.

Das ist die Geschichte von Mascha, der ungewöhnlichen Heldin von Olga Grjasnowas Erstlingswerk „Der Russe ist einer, der Birken liebt“, einem Roman, der berührt.

Olga Grjasnowa gewährt uns einen tiefen Einblick in die Seele einer jungen Frau, die alles andere als einfach ist. Mascha ist kompliziert, ihre Beziehung vor allem zu denen, die sie lieben, ist zwiespältig und konfliktbeladen. Sie trifft ständig falsche Entscheidungen und verletzt die Menschen, die ihr am nächsten sind. Und das realisiert sie oft erst dann, wenn es zu spät ist; sie quält sich mit Erinnerungen und mit Sehnsüchten. Sehnsüchten nach einem Zuhause und nach Menschen, die sie selber verstoßen hat.

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Hauptsache wir sind nicht allein

Eigentlich ist Mae eine ganz Liebe, auch wenn sie schon als junges Mädchen ein wildes Leben auf den Straßen Wiens führte, auch wenn sie sogar oft mit der Straßenbahn schwarz gefahren ist und sie ihre Mutter sehr lange nicht besucht hat.
Mae will leben, sie lässt sich nicht unterkriegen und ist sogar bereit, über ihr Leben und ihr eigenes Verhalten zu reflektieren… aber vor allem: Sie ist nicht gerne allein.

Mae ist die junge Heldin von „Chucks“, dem ersten Roman der auch jungen und sehr sympathischen österreichischen Autorin Cornelia Travnicek.

In „Chucks“ erklärt Mae dem Leser ihre innere Welt. Aber auch wenn sie in dieser Geschichte die Erzählerin ist, ist es nicht so einfach, sie zu verstehen.
Sie stellt uns Leser vor einer Aufgabe: Aus vielen Puzzleteilen muss man Maes Geschichte rekonstruieren. Die Lektüre erfordert Aufmerksamkeit, um zwischen den Zeilen die wichtigen Details zu erkennen, die uns den Weg zu Maes Herz frei machen. Aber auch Mae erobert unser Herz. Sie ist mutig, sie ist ehrlich und sie besitzt einen „Niedlichkeitsfaktor“, den sie zu ihrem Vorteil einsetzt, nicht nur bei den Menschen, denen sie begegnet. Auch außerhalb des Buches, bei uns Lesern, wirkt ihr Charme, ohne Zweifel.

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Einfach großartig!

„Die psychologische Manipulation ist eine Waffe wie jede andere, nicht mehr und nicht weniger zuverlässig, aber die einzige, die das perfekte Verbrechen ermöglicht“

Die französische Schriftstellerin Hélène Grémillon hat einen grandiosen Roman geschrieben, der zu meinen Highlights, nicht nur in diesem Jahr, zählt: „Das geheime Prinzip der Liebe“ (französischer Originaltitel „Le confident“).

Was veranlasst zwei Frauen, eine Entscheidung entgegen aller Vernunft zu treffen, die ihr Leben komplett verändert? Eine Entscheidung, die sogar Leben zerstören kann… und zwar das Leben von mehreren Menschen!
Das Erste was zerstört wird, ist die Freundschaft dieser zwei Frauen, gerade die Freundschaft, die so stark zu sein schien, dass sie diese Entscheidung möglich machte.

Anonyme Briefe, die Camille regelmäßig bekommt, erzählen diese seltene Geschichte über eine außergewöhnliche und selbstzerstörerische Beziehung zwischen zwei Frauen in den schwierigen 40er Jahren im vom Zweiten Weltkrieg gepeinigten Frankreich. Camille lebt im Paris der 70er Jahre. Sie ist Verlegerin. Während sie die Briefe liest, fragt sie sich die ganze Zeit, ob sie selbst etwas mit der Geschichte dieser Frauen zu tun hat oder ob diese Briefe nur die geschickte Methode eines Schriftstellers sind, um sie auf sein Manuskript aufmerksam zu machen.

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Happy End mit Hindernissen

Stines Leben ist alles andere als einfach. Ohne Mutter bei dem liebevollen aber proletenhaften Vater und bei der alkoholischen Stiefmutter aufgewachsen, versucht sie, ihren eigenen Weg zu gehen. Leider hat sie wenig Ahnung davon, was sie selbst im Leben möchte, und so wird diese Suche nach dem eigenen Weg eine Suche zu ihr selbst.

„Das Schwein unter den Fischen“ ist Jasmin Ramadans zweiter Roman. Wie in ihrem ersten Erfolgsroman „Soul Kitchen“ beschreibt sie den Werdegang eines jungen Menschen, der innerhalb seiner eigenen Familie wenig Halt findet, eines Menschen, der einsam ist und ein Außenseiter.

Stine möchte aber kein Außenseiter sein und sie sehnt sich nach Normalität. Da sie nicht weiß, was „Normalität“ ist, weil sie diese Erfahrung bei ihrer Familie nie gemacht hat, gerät sie immer wieder in skurrile Situationen und landet in der Gesellschaft kurioser Persönlichkeiten.

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