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Tagebuch einer Lady auf dem Lande von E M DelafieldZeitverschwendung?

Typisch für Jane Austens Romane ist die Beschreibung des beschaulichen Lebens der Engländer auf dem Lande.
Bei ihr ist es immer romantisch und tragisch zugleich, aber immer edel.
Aber nicht nur in der Viktorianischen Zeit wurde über dieses Thema geschrieben.
„Tagebuch einer Lady auf dem Lande“ ist eine Wiederentdeckung des Manhattan Verlags.
E. M. Delafield (Pseudonym der englischen-französischen Schriftstellerin Edmée Elizabeth Monica de la Pasture) hat dieses Buch 1930 veröffentlicht und wurde so eine der beliebtesten Schriftstellerinnen Englands. 1935 erschien es in Deutschland unter dem Titel „Ich und meine lieben Mitmenschen. Tagebuch einer Provinzdame“.

Ein Tagebuch dient mehreren Zwecken: Es kann eine objektive oder subjektive Beschreibung normaler Tagesabläufe sein. Es kann Erinnerungen an besonders schöne oder schlechte Tage beinhalten. Aber, wie im Falle der oben genannten provinziellen Dame, kann es sogar der einzige vorhandene Gesprächspartner sein. Es ist geduldig und kann Geheimnisse bewahren.

Rezensionen Roman Unterhaltungsliteratur

061973027-das-gruene-zeltLeben zwischen Stalins Tod und Perestroika

Bücher können gute Freunde sein. Das wissen alle, die nicht nur aus Vergnügen lesen, oder nur um die Langeweile zu vertreiben. Bücher können sogar wichtige Bestandteile eines Lebens sein, können Menschen verändern. Aber Bücher können auch eine Gefahr darstellen, vor allem für diejenigen, die bereit sind, das eigene Leben zu riskieren, damit Literatur verbreitet wird.
In der Sowjetunion, wie in allen Ländern, in denen ein totalitäres Regime das Sagen hat, könnte die Lektüre oder das Besitzen eines einzigen Buches die Verbannung in ein Arbeitslager bedeuten.

Die Liebe zu Büchern und das Verlangen nach Freiheit haben Ilja und Olga zusammen gebracht. Ihre Jugend verbrachten sie in den 60er Jahren, der post-stalinistischen Zeit. Beide Idealisten, aus unterschiedlicher Herkunft, deren einzige Gemeinsamkeit der Hass auf die Sowjetische Union war.
In „Das grüne Zelt“ erzählt Ljudmila Ulitzkaja über das Leben Iljas und Olgas, und was sie dazu gebracht hat, die russische Literatur zu lieben, vor allem verbotene russische Literatur.

2012 Aktuell Gegenwartsliteratur Rezensionen Roman

blasmusikpopBergbarbaren versus Alpenrepublik

Mit der Zeit entwickelt ein erfahrener Leser ein gutes und zuverlässiges Gespür dafür, welches Buch „das richtige“ ist. Cover, Klappentext, Autor können ein Hinweis dafür sein, aber oft erlebt man Enttäuschungen, wenn man sich immer nur darauf verlässt.
Das Gespür aber lässt sich selten täuschen.
Der erfahrene Leser weiß auch, ob ein Buch mit Liebe und Hingabe geschrieben wurde. Das sind Gefühle und Eigenschaften, die sich auf den Leser übertragen.
„Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam“ ist genau so ein Buch: Es ist das richtige für mich, und dass Vea Kaiser es mit viel Liebe geschrieben hat, habe ich deutlich gespürt.

Vea Kaiser hat mit „Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam“ ein Epos geschrieben, ein Alpen-Epos. Durch die Augen zweier außergewöhnlicher Männer sehen wir das Leben eines kleinen alpinen Dorfes in einer Alpenrepublik (der aufmerksame Leser wird sofort Ähnlichkeiten zu einem bestimmten europäischen Staat feststellen), das sich seit dem Mittelalter heldenhaft gegen die Wirkung und den Einfluss der Außenwelt wehrt. Das ist größtenteils durch die schwer erreichbare alpine Lage möglich. Aber auch die Charaktereigenschaften der Bewohner dieses Dorfes, das sehr stark dem einen berühmten „kleinen gallischen Dorf“ ähnelt, tragen dazu bei, dass diese alpine Gemeinschaft eine Art Mini-Nation bildet, die das Schicksal und die Geschichte der Alpenrepublik nicht teilt, zu der es offiziell gehört. Das bringt große und kleine Vorteile mit sich, aber auch manche Nachteile. Und von diesen Vorteilen und Nachteilen lässt uns Vea Kaiser wissen, und meistens aus der Sicht ihrer Hauptfiguren.

2012 Aktuell Gegenwartsliteratur Rezensionen

511YHLL2H7L._SL500_Imperium der Kokosnuss

Wenig bekannt ist die Tatsache, dass Deutschland im 19. Jahrhundert eine Kolonialmacht war. Auch wenn von kurzer Dauer -nur ein paar Jahrzehnte- war Deutschland eines der größten (flächenmäßig) Kolonialreiche Anfang des 20. Jahrhunderts.
Mehr als 20.000 Deutsche wanderten vor dem ersten Weltkrieg aus. Ihr Ziel war eine dieser Kolonien oder Schutzgebiete, im Koffer die Hoffnung auf ein besseres Leben.
Einer von diesen Auswanderern war August Engelhardt, ein echter Aussteiger, ein Idealist. Seinen Traum hat er auf einer kleinen Insel im Pazifik verwirklichen wollen. Der Nudist und strenge Vegetarier hat sogar das „Imperium der Kokosnuss“ gegründet. Für Engelhart war die Kokosnuss der echte Stein der Weisen.

Der Schweizer Schriftsteller Christian Kracht hat die Geschichte um August Engelhardt neu geschrieben.
Die meisten Figuren (wenn nicht doch alle) in Krachts Roman „Imperium“ um den Aussteiger Engelhardt haben existiert. Kracht verleiht ihnen ein neues Leben und die meisten werden nicht gerade als ehrenwert dargestellt.

2012 Aktuell Gegenwartsliteratur historischer Roman Rezensionen Roman

©Aba
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Spannende Handlung und menschliche Charaktere

Natascha Manski ist eine Schriftstellerin, die weiß, wie man Langeweile und Kälte an einem Winternachmittag vertreiben kann. Sie empfiehlt ein heißes Getränk und Gebäck unter einer kuscheligen Decke. Dazu ihr Buch „Fanggründe“.
Ich bin ihrem Rat gefolgt und ich habe es nicht bereut! „Fanggründe“ ist tatsächlich eine spannende Lektüre, die die dunklen und kalten Wintertage schneller vergehen lässt.

Aber eine spannende Handlung allein ist nicht alles. Auch glaubhafte Charaktere und ein interessanter Tatort sind notwendig, damit ein Buch den Leser überzeugen kann. Mich hat „Fanggründe“ überzeugt. Die Handlung war bis zum Ende spannend, die Hauptfiguren trafen meinen Geschmack und die von der Autorin gewählten Schauplätze haben mir Spaß gemacht, weil sie keine mir unbekannten Orte sind: malerische Dörfer in Butjadingen, an der Nordseeküste.

Aktuell Krimi und Thriller Rezensionen Roman

cover1Ein runder Genuss

Kirsten Slottke hat mit einem kurzen Roman bewiesen, dass nicht sehr viele Seiten notwendig sind, um den Lesern eine vollständige Handlung zu präsentieren.
Auf 39 Seiten serviert sie mit ihrer Geschichte „Mord und andere Leckereien“ ein feines literarisches Menü.

Als Vorspeise bekommen wir die Darstellung des Falles, einen Toten und die Hauptfiguren. Letztere sind eine liebenswerte Reinigungskraft und ein Kommissar, der nur ans Essen denkt.
Ein guter Hauptgang besteht in der Regel aus mehreren Teilen, die miteinander harmonieren und den Tischgästen das Gefühl geben, einen Höhepunkt erreicht zu haben. Genauso wächst die Spannung in mittleren Teil der Geschichte und der Leser wird für den krönenden Abschluss vorbereitet: das Dessert.
Das Dessert hinterlässt den letzten Eindruck bei einem Menü. Deswegen ist es wichtig, dass derjenige, der es genießt, es in guter Erinnerung behält.
In diesem Buch ist die Abwicklung rund und befriedigend, genau wie ein Dessert, das süß genug ist, um Glücksgefühle zu erwecken.

Aktuell Krimi und Thriller Rezensionen Roman Unterhaltungsliteratur

20121127172658.2225..375x570Liebeserklärung an West-Berlin

Nachdem ich in letzter Zeit so viele Bücher über das Leben in der ehemaligen DDR gelesen habe, fragte ich mich immer wieder, wie das Leben in der einst berühmtesten „Insel“ im deutschen Sprachgebiet gewesen ist: West-Berlin. Ja, West-Berlin war, genau genommen, eine Insel.
Die Antworten auf meine Fragen stehen in Ulrike Sterblichs Buch „Die halbe Stadt, die es nicht mehr gibt“.

In ihrem Buch erzählt die West-Berlinerin in kurzen Kapiteln über ihr Leben auf der Insel, die von einer Mauer umgeben war, und vermittelt uns das Besondere daran, in so einer einmaligen Stadt groß geworden zu sein. Denn Berlin war in der Tat einmalig in der Welt. Aber auch in so einer einzigartigen Stadt wie Berlin gab es einen ganz normalen Alltag, und auch davon berichtet Ulrike Sterblich in ihrem Buch.
Wer das Glück hatte, West-Berlin in den 70er und 80er Jahren erleben zu dürfen, wird seinen Spaß haben beim Wiedererkennen der für die damalige Jugend angesagten Orte, Lokale und sonstige Treffpunkte.

2012 Aktuell Rezensionen Roman

513OIWtnHeLHarry ♥ Miriam…

…aber Miriam♥Harry nicht (mehr). Leider ist Harry davon fest überzeugt, dass sie ihn ♥ (noch…).
Als er erfährt, dass Miriam bei Facebook angemeldet ist, tritt er auch bei, in der Hoffnung, Miriam zu beeindrucken, mit tollen Status- meldungen und interessant und geschickt platzierten „Gefällt-mir“-Daumen. Harry@Miriam, aber Miriam@Harry nicht. Harry spielt die selben Spiele, die sie auch spielt, „added“ Freunde (und Miriams Freunde auch gleich dazu), postet liebe Botschaften auf ihre Pinnwand… aber Miriam@Harry immer noch nicht!
Und trotzdem denkt er: Miriam♥Harry.

„Love@Miriam“ von der Autorin mit dem schönen Namen Christiane Geldmacher war mein absolutes Vorweihnachts-Highlight.

2012 Gegenwartsliteratur Krimi und Thriller Rezensionen Roman

untitledUnfreiwilliger Held

Oft hört man davon, dass zweite Teile oder Fortsetzungen allgemein nicht besser sind als erste Teile, und nicht selten sollen sie sogar viel schlechter sein.
Bei „Der Tod macht Schule“ von Dietrich Faber ist das absolut nicht der Fall.

Vor ungefähr einem Jahr habe ich seinen Debütroman „Toter geht’s nicht“ gelesen und war von Herrn Fabers schriftstellerischen Fähigkeiten überzeugt. Nach der Lektüre seines zweiten Romans, der gleichzeitig die Fortsetzung des ersten ist, war ich komplett begeistert und man kann sagen, dass ich ein echter Fan von Dietrich Faber geworden bin. Und auf jeden Fall ein Fan vom Kriminalhauptkommissar Henning Bröhmann, dem (unfreiwilligen) Helden in seinen Romanen.

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„Wisst ihr, dass ich schon mal Mastodon gegessen habe?“, fragt mein Großvater.

„Hilf mir, Jaques Cousteau“ von der mit zahl- reichen internationalen Preisen ausgezeichneten kanadischen Autorin Gil Adamson ist eine Geschichtensammlung, deren Mittelpunkt eine ganz merkwürdige -und vielleicht sogar verrückte- Familie ist.
In etwas mehr als ein Dutzend kurzen Geschichten erzählt Hazel über ihre Familie, die aus einem Haufen Exzentrikern besteht. Und wie es bei Exzentrikern normalerweise ist, leben sie kein gewöhnliches Leben und sorgen oft für ein abwechslungsreiches Umfeld, manchmal in- teressant, aber nicht selten anstrengend.

Durch Hazels Augen sehen wir ihre Familie und ihre Nachbarn, die auch einen gewissen Einfluss auf sie haben (nicht immer in bewusster Form… aber wer hat nicht schon mal heimlich seine Nachbarn beobachtet?). Durch Hazel erfahren wir über deren Geheimnisse, denn Hazels besondere auditive Wahrnehmung lässt sie sogar durch Wände hören. So ist sie in der Lage, das Bild ihrer Familie für sich zu vervollständigen, und Erklärungen für das Verhalten mancher Menschen oder für bestimmte Situationen zu finden, die zunächst nur als rätselhaft, unbegreiflich oder gar mystisch einzustufen wären.

2012 Gegenwartsliteratur Rezensionen Roman