Schlagwort: DDR

Überraschend, ungewöhnlich, unvergesslich

Johanna ist ohne Vater aufgewachsen. Ihre Kindheit verbrachte sie in der DDR. Das Einzige, was sie über ihren Vater weiß, ist, dass dieser in den Westen gegangen ist.
Seit 19 Jahren aber gibt es keine Grenze mehr, Ost und West gehören zum selben Land.
Eines Tages trifft Johanna eine Entscheidung: Sie wird ihren Vater suchen. Sie will wissen, warum er gegangen ist und sich nie wieder gemeldet hat.

„Familie der geflügelten Tiger“ ist meine Überraschung des Jahres. Der Debütroman der jungen Autorin Paula Fürstenberg hat mich Tag und Nacht beschäftigt. Das Thema Vaterlosigkeit und die Versuche Johannas, mehr über ihren Vater zu erfahren, vor allem über die Gründe für sein Verschwinden, hat Paula Fürstenberg mit so einer Originalität abgehandelt, die immer wieder für Erstaunen sorgt.

Aktuell Gegenwartsliteratur Rezensionen Roman

9783716027158Die Suche nach der Wahrheit

Es passiert mir nicht so oft, dass ich an ein Buch noch lange nach dem Lesen denken muss. Manchmal weil mich die Figuren berührt oder weil sie mich mit ihrem Handeln erstaunt oder gar schockiert haben. Letztendlich sind es die Autoren dieser Bücher, die diese Wirkung auf mich erzielen, denn sie sind diejenigen, die ihren Figuren das Leben geschenkt und sie mit den Eigenschaften ausgestattet haben, die Sympathien oder Abneigungen in mir erzeugen.

Die Buchautorin Pia Ziefle besitzt diese Fähigkeit, Gefühle beim Leser hervorzurufen. In ihrem neuen Roman „Länger als sonst ist nicht für immer“ erzählt sie uns wieder eine Geschichte um Menschen auf der Suche nach Antworten auf wichtige Fragen, die ihre Identität betreffen. Zu wissen, wer man ist, woher man kommt und vor allem, sich von der Akzeptanz und der Liebe der eigenen Eltern sicher zu sein, ist etwas, das alle von uns beschäftigt. Manche mehr, manche weniger.

Aktuell Gegenwartsliteratur Rezensionen Roman

av_gerlof_geschichte_rz.inddDer Jude ist wieder da

Das Leben nach dem Mauerfall hatten sich die Anwohner der Salomon-Weinreb-Straße ganz anders vorgestellt. Besser, einfacher, auf jeden Fall im Einklang mit Helmut Kohls „blühenden Landschaften“.
Die Salomon-Weinreb-Straße befindet sich in einem Dorf in der ehemaligen DDR, und deren Anwohner leben in der Angst, ihre Häuser zu verlieren. Die Erben des Straßennamengebers haben Anspruch auf Besitz aller Grundstücke erhoben, die sich in dieser Straße befinden.

Die Sache ist sehr kompliziert. Man muss sich wehren, gegen den Juden, der wieder da ist, judenfeindlich darf man aber dabei nicht wirken. Man möchte nur da wohnen bleiben, wo man immer gewohnt hat, schließlich trägt man keine Schuld am Genozid, und nur die Tatsache, DDR-Bürger gewesen zu sein, ist schon so etwas wie eine Garantie, dass man kein Antisemit ist.

In Kathrin Gerlofs genialem Roman „Das ist eine Geschichte“ kommen die Anwohner der Salomon-Weinreb-Straße zu Wort. Es sind nicht nur die Menschen, die immer da gewohnt haben, auch zugezogene „Wessis“, die versuchen, in den neuen Bundesländern ihr Glück zu finden, wissen nicht mehr, wie es weiter gehen soll. Aber nicht nur über die bösen Überraschungen, die die Neunziger parat hatten, berichten sie, auch erzählen sie über persönliche Niederlagen und unerfüllte Träume. Plötzlich fühlen sich alle durch diese so komplizierte Angelegenheit um Besitzansprüche bis in ihrem Inneren erschüttert. Sogar diejenigen, die überzeugt waren, nur Außenstehende und komplett ohne Schuld zu sein, entdecken den eigenen persönlichen Juden in der Familiengeschichte.
Auch der Namensgeber der Straße kommt zu Wort. Postum, selbstverständlich, und unfreiwillig, aber es geht um ihn, um seine Straße, um seine Erben, und am Ende ist es einfach immer so, dass je mehr man über die Vergangenheit weiß, desto besser versteht man, warum alles in der Gegenwart so ist, wie es ist.

„Das ist eine Geschichte“ ist ein wahres Highlight, brillant erzählt in einem einmaligen Stil. Wirkungsvolle klare Sätze, prägnant, und für jeden Anwohner der Salomon-Weinreb-Straße eine eigene Stimme.
Nachdem ich dieses Buch gelesen habe, bin ich voller Bewunderung für Kathrin Gerlof und ihr Werk.

Aufbau Verlag
Gebundene Ausgabe
396 Seiten
Erscheinungsdatum: 17. Februar 2014
Preis: EUR 19,99
ISBN: 978-3351035631

Aktuell Gegenwartsliteratur Rezensionen Roman

9783406646980_coverDer letzte Sommer

Es gibt verschiedene Gründe, die mich veranlasst haben, „Schneckenmühle“ von Jochen Schmidt lesen zu wollen. Der Hauptgrund aber war, wie immer bei mir und diesem Thema der Fall ist, mehr über den Alltag in der DDR zu ehrfahren. Die DDR, die ewig in den 80er Jahren in der Erinnerung der Menschheit leben wird. Ein Land, das die 90er nicht überlebt hat, genau genommen, ein Land, das die 90er geprägt hat wie kein anderes, gerade deswegen, weil es aufgehört hat zu existieren.

1989, das letzte Jahr der DDR. Jens ahnt nicht, dass er im Begriff ist, seinen letzten sozialistischen Sommer zu erleben. Jens mit seinen 14 Jahren ist ein naiver liebenswerter Junge, der wenig Ahnung zu haben scheint, was die Welt bewegt, und an dem die Veränderungen in seinem Land, die später für eine neue Weltordnung sorgen werden, vorbeigehen. Aber das ist eigentlich egal. Jens verbringt seine Ferien in „Schneckenmühle“, dem sächsischen Ferienlager, wo man als 14- Jähriger richtigen Spaß hat.

Aktuell Gegenwartsliteratur Rezensionen Roman

35680575zLegendäre DDR

Das Leben in der DDR war kein Zuckerschlecken. Und wer es nicht glaubt, sollte Nils Heinrichs „Wir hatten nix, nur Umlaute“ lesen, denn in Sachen Zucker in der DDR kennt er sich aus: Herr Heinrich ist ausgebildeter Konditor, und seine Ausbildung hat er im Sozialismus absolviert.

„Wir hatten nix, nur Umlaute“ ist ein persönlicher Bericht über das Leben in der DDR der 70er und 80er Jahre in einer kleinen Provinzstadt im heutigen Bundesland Sachsen-Anhalt, und in der, so Nils Heinrich, das Interessanteste war, dass nichts passierte.
Aber dafür, dass in der kleinen Stadt nichts passierte, ist Nils Heinrichs Buch ein sehr amüsanter und sogar interessanter Bericht geworden. Und das liegt daran, dass er es schafft, den Sozialismus auf die Schippe zu nehmen… aber auch sich selber. Dabei erzählt er ein paar unangenehme Wahrheiten.

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Sachlichkeit, die unter die Haut geht

Mit dem Namen „Toto“ verbinde ich in der Regel einen Hund oder eine Musik-Gruppe, aber auf keinen Fall einen Menschen. Und so war ich neugierig, aber auch gleichzeitig skeptisch, als ich erfahren habe, dass Toto der Name der Hauptfigur in Sibylle Bergs neuestem Roman mit dem hoffnungsvollen Titel „Vielen Dank für das Leben“ ist.

„Vielen Dank für das Leben“, sage ich ganz leise gen Himmel jede Nacht, bevor ich einschlafe, denn ich freue mich wirklich, dass ich lebe und dankbar bin ich auch, auch wenn nicht alles immer perfekt läuft oder nach meinen Vorstellungen, sage ich mir immer: „Ich lebe, und so schlimm ist es auch alles wieder nicht…“. Aber ob Toto auch so denkt und fühlt? Schließlich geht es um diesen einen ungewöhnlichen Menschen in diesem ungewöhnlichen Roman. Diese Frage, ob er auch dankbar ist für das Leben, habe ich mir ständig bei der Lektüre dieses Buches gestellt. Eine berechtigte Frage, weil Toto es überhaupt nicht leicht im Leben hat.

Aktuell Gegenwartsliteratur Rezensionen Roman

„DDR reloaded“

Ich habe eine Schwäche für Zeitreisen aller Art: als Filme, Bücher oder Ausstellungen. In meiner Fantasie habe ich schon unzählige Zeitreisen unternommen. Besonders solche Zeitreisen, in denen ich mein eigenes Leben ändern und meine Fehler korrigieren kann (am besten indem ich sie ungeschehen mache), mag ich am liebsten.
So eine Zeitreise macht die 14-jährige Alina. Leider ist es nicht ihr eigenes Leben, das sie eventuell verändern kann, sondern das ihrer Mutter: Alina erwacht eines Morgens mitten in der DDR der 80er Jahre in dem Körper ihrer auch 14-jährigen Mutter.
Ein unglaubliches Abenteuer beginnt!

„Hier gibt’s kein Facebook“, das stellt Alina nach dem anfänglichen Schock fest. Unfassbar wie die Leute in der DDR gelebt haben… oder leben mussten.

Ina Rakis „In einem Land vor meiner Zeit“ ist ein wunderbares Jugendbuch, das über das Leben in einem Land erzählt, das Ende der 80er Jahre aufgehört hat zu existieren.

Aktuell Jugendbuch Rezensionen Roman

Ein Traumhaus, 13 Eigentümer

Oliver Geyer hatte einen Traum: ein eigenes Wochenendhaus an einem See. Nicht zu weit weg von der Großstadt, denn ganz darauf verzichten möchte er auch nicht. Diesen Traum teilte er mit 12 Freunden; gut – diesen Traum teilt fast jeder eigentlich mit der halben Menschheit, es sind ja auch nicht wenige auf der Welt, die von einer Sommer- oder Ferienresidenz träumen. Oliver Geyer hat sich aber zusammen mit seinen 12 Freunden den Traum verwirklicht, indem sie gemeinsam ein Haus gekauft haben.
Man könnte denken, da ist Chaos vorprogrammiert… und… das stimmt auch. Chaos ist die Devise!

Aber ist so ein Unternehmen überhaupt möglich? Müssen die Teilnehmer dieser „Traum-Realisierungsgesellschaft“ zwingend über eine besondere Bereitschaft zu Kompromissen verfügen?
Die Antworten auf diese Fragen gibt uns Oliver Geyer in seinem Buch „Sommerhaus, jetzt!“, das er sicherlich während seiner zahlreichen Mußestunden auf der Gartenbank vor dem Traumhaus geschrieben hat.

Rezensionen Sachbuch Unterhaltungsliteratur

Aus der Sicht der kleinen Schwester

Marion Brasch hat mir mit ihrem Debütroman   „Ab jetzt ist Ruhe“ unglaublich genussvolle Lesestunden beschert.
Dieses Buch ist etwas ganz Besonderes: Es ist die Geschichte einer Familie jüdischer Abstammung in der DDR, aus der Sicht der „kleinen Schwester“ erzählt. Eine Familie, die es nicht ganz so einfach hatte, trotz der Privilegien, die sie genossen hatte, denn der Vater war ein hoch angesehener Funktionär.
Warum diese Familie so war wie sie war, was deren Mitglieder bewegt hat, mit welchen Konflikten sie leben musste und mit welchen Vorurteile sie konfrontiert wurde, erfahren wir in diesem wunderschönen Buch von Marion Brasch.
Aber auch sehr viel Schönes lesen wir, denn nicht alles war negativ, nicht in dieser Familie, auch nicht in der DDR.

Marion Brasch schafft es mit ihrem Erzählstil, dass der Leser in ihre Geschichte eintaucht. Man fühlt mit dieser kleinen Schwester und man kann sich sehr gut ihre Welt vorstellen. Man begleitet sie auf ihrem Weg, der sie immer wieder zu ihrer Familie zurückführt, auch wenn sie sich oft das Gegenteil gewünscht und vorgenommen hat.

Aktuell Gegenwartsliteratur Rezensionen Roman