Schlagwort: Dorfleben

Grausam und rachsüchtig

Während des Lesens von „Unterleuten“ von Juli Zeh habe ich mir oft gedacht: „Hoffentlich lesen meine bösen Nachbarn dieses Buch nicht!“. Sie würde nämlich auf super Ideen kommen, um mich zu quälen. Dieses Buch, dessen Romanfiguren hauptsächlich damit beschäftigt sind, sich miteinander zu bekriegen und das Leben unmöglich zu machen, ist eine wahre Anleitung zur erfolgreichen Tortur von Nachbarn.
Unterleuten ist ein kleines Dorf, in dem sich alle kennen, und in dem neue Bewohner so eine Art Mutprobe durchlaufen müssen (davon merken sie auch nichts), um sich so ihr Recht zu erkämpfen und verdienen, würdige Unterleutner zu sein. Das Sagen hat der Dorf-Häuptling, der alle Geheimnisse kennt und alle Fäden in der Hand hält.

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Das Herz am rechten Fleck

Während ich die letzten Seiten von „Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman“ lese, dem neuesten Roman von der Österreicherin Petra Piuk, wird im Fernsehen das Ergebnis der Parlamentswahlen in dem Heimatland der Autorin bekannt gegeben. Das, was gesendet wird, bildet eine passende Kulisse für dieses Buch und untermalt meine Lektüre in einer entsprechenden Form.

Ein österreichischer Heimatroman! Was stellt man sich darunter vor? Idyllische Landschaften – meistens grüne und saftige Berge im Sonnenschein -, schöne und liebliche Frauen, Männer, die noch diesen Namen verdienen, Volksmusik und Liebe, ganz viel Liebe.

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Das Dorf Treviso liegt in Norditalien, in Venetien. Es ist nicht zu verwechseln mit der Stadt Treviso in Venetien, die der Verwaltungssitz der Provinz Treviso ist. Im Dorf Treviso ist nie etwas los: Es gibt einen kleinen Supermarkt; ein Lokal, in dem man nur Nudeln mit Tomatensoße essen kann; eine schlechte Weinhandlung; einen Friseur; einen Markt am Samstag; eine Kirche, eine Grundschule und eine öffentliche Toilette. Einen Blumenladen gab es auch mal, aber der hat zugemacht.

Will man Blumen kaufen, muss man nach Castello della Libertá. In Castello ist auch sonst mehr los als in Treviso. Denn dort war zumindest einmal der Duce auf der Durchreise an andere, wichtigere Orte und hat immerhin drei Gläser Milch getrunken. Kein Wunder, dass diese Tatsache in Castello kräftig vermarktet wird: mit einem Duce-Hotel und einem Duce-Kuchen. Leider ist der Nachbarort Treviso völlig unbekannt. Daran wird sich auch nie etwas ändern, das wissen alle dort. Außer vielleicht ein Wunder?

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