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Berührend und überraschend: ein neues Lieblingsbuch

Alina Bronsky ist eine meiner Lieblingsautorinnen. Und fast jedes Buch von ihr ist eins meiner Lieblingsbücher. Starke Frauen, die viel durchgemacht haben und die wissen, ihren Willen durchzusetzen, Bronskys Romanfiguren gibt es kein zweites Mal.

Gerade beendete ich die Lektüre ihres neuesten Romans, „Barbara stirbt nicht“, und ich bereue es sehr, nicht langsamer gelesen zu haben, so wenig Zeit mit den Menschen in diesem Roman verbracht zu haben. Ich habe sie alle in mein Herz geschlossen, sogar diejenige, die nur einen kurzen Auftritt hatten.

Diesmal ist erstaunlicherweise ein Mann, ein ganz normaler deutscher Mann, und keine resolute sowjetische Frau, der Held der Geschichte. Und diese Überraschung ist Alina Bronsky sehr gut gelungen.

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„Wir wollen kein weiches Begräbnis!“

Nach dem Lesen vom „Wuhan Diary“ habe ich mich sehr für dessen Autorin, die bekannte chinesische Schriftstellerin Fang Fang, interessiert. Leider sind Informationen über sie nicht so einfach zu finden. Aus diesem Grund habe ich mich gefreut, als vor kurzem ein weiteres Buch von ihr auf Deutsch im Verlag Hoffmann und Campe erschienen ist: „Weiches Begräbnis“. Für mich stand fest, dass ich dieses Buch lesen muss!

Warum „weiches Begräbnis“. Das war das Erste, was ich mich gefragt habe, als ich den Titel las. Was ist das? Was bedeutet es? So ein Titel klingt vielleicht romantisch. Beim Lesen aber habe ich gelernt, dass darunter sich eine Grausamkeit verbirgt. Ein weiches Begräbnis wünscht sich kein Mensch chinesischen Ursprungs. Ein Begräbnis ohne Sarg, der Körper im direkten Kontakt mit der Erde, ist eine unzumutbare Sache, eine große Ungerechtigkeit. Wer ohne Sarg begraben wird, wer keine würdige Beerdigung bekommt, kann nicht wieder geboren werden, der muss als klagender Geist bis in die Ewigkeit umherirren.

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Ich möchte auch eine Georgierin sein!

Ich muss immer wieder an dieses Buch denken. Selten hat mir eine Geschichte so viel Freude bereitet. So viel, dass ich mir beim Lesen gewünscht habe, selber Teil der Handlung, eine der Figuren darin zu sein.

Angelika Jodl hat mich mit „Laudatio auf eine kaukasische Kuh“ nicht nur sehr gut unterhalten, sie hat mich berührt und auch viel über das georgische Volk und dessen ganze Vielfalt beigebracht.

Mein erster Eindruck beim Lesen der ersten Seiten war, dass diese Autorin sich sehr gut in Sachen Georgien und Georgier auskennt. Gegen Ende war ich sogar davon überzeugt, dass Angelika Jodl eine echte georgische Seele besitzt. So authentisch und leidenschaftlich beschreibt sie das Leben und den Charakter der Menschen im Kaukasus.

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Inspirierend

Vor vier Jahren habe ich ein Buch gelesen, das ich in jeder Hinsicht perfekt gefunden habe, und über das ich sagte, dass es das Buch wäre, das ich hätte schreiben wollen. Dieses Buch heißt „Euphoria“ und dessen Autorin Lily King.

Jetzt halte ich ihr neuestes Werk in den Händen und muss staunen. „Writers & Lovers“ ist in allen Aspekten ein komplett anderes Buch als „Euphoria“. Es ist eine sehr persönliche Geschichte. Beim Lesen musste ich immer wieder daran denken, was Lily King über dieses, ihr neuestes Buch sagte: Es ist der Roman, den sie vor 30 Jahren so vermisst hat, der Roman, den sie vor 30 Jahren hätte schreiben wollen.

Es muss etwas ganz Besonderes sein, endlich das eine Buch geschrieben zu haben, mit dem man sich komplett identifizieren kann, genau das geschrieben zu haben, was man schreiben wollte. Das klingt vielleicht einfach, aber wenn man liest, was Lily King zur Entstehung des Romans erzählt, wird einem klar, dass das nicht so ist.

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Casey, ihr Hauptcharakter, ist eine tragische Figur. Kein Glück im Leben. Seit Jahren wechselt sie ihre (mittelmäßigen) Jobs, ihr Schuldenberg wächst stetig, Männer sind nicht zuverlässig in der Liebe, krankenversichert zu sein ist eine Chimäre und ihre Mutter, die Person, der sie sich am engsten verbunden fühlte, ist tot. Aber Casey bleibt in einer einzigen Sache konsequent: Sie schreibt und sie glaubt daran, dass sie schreiben kann.

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Blick hinter die glamouröse Fassade des Kolonialismus

Die britische Schriftstellerin Kat Gordon hatte mit ihrem Roman „Kenia Valley“ eine Überraschung für mich parat.
Orte, Geschichte und Romancharaktere haben mich in das Kenia der 20er und 30er Jahre versetzt. Auf den ersten Blick sieht man eine glamouröse Welt, typisch für die britischen Kolonien. Geld, weiße Stoffe, geräumige Häuser, Tee in Porzellantassen, eine Atmosphäre wie in „Der große Gatsby“, alles vor der imposanten Kulisse der afrikanischen Savanne. Das allein würde reichen für einen Roman über das Afrika in der Kolonialzeit. Für Kat Gordon ist das nicht genug. Sie möchte noch viel mehr zeigen. Sie möchte, dass der Leser noch mehr sieht: was hinter dieser glamouröse Fassade steckt.
Der 15-jährige Theo ist ihr Mittel zum Zweck. Er kommt mit seiner Familie nach Kenia. Kurz danach darf er sich in exzentrischen Kreisen bewegen. Dabei lernt er ein anderes Gesicht Kenias kennen.

Jahrzehntelang hat Europa Kolonien in Afrika unterhalten. Nachdem die Menschen und die natürlichen Ressourcen ausgebeutet wurden, hinterließen die europäischen Mächte die Länder und deren Bewohner als Wrack zurück.
Kat Gordon beschreibt die Verhältnisse, die in der Blütezeit der britischen Herrschaft über Kenia dominierten. Die persönliche Entwicklung Theos ist ein Beispiel dafür, wie gewisse Umstände eines Landes – politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche – ein Individuum beeinflussen können.

Die Lektüre von „Kenia Valley“ habe ich sehr genossen, auch wenn mich die Autorin gegen Ende mit einer bösen Überraschung leicht frustriert hat. Aber nicht immer verläuft die Handlung, wie es sich der Leser wünscht. Und für Überraschungen, egal welcher Art, bin ich immer bereit.

Atlantik
Gebundene Ausgabe
432 Seiten
Erscheinungsdatum: 24. April 2018
Preis: EUR 20,00
ISBN: 978-3455002775

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Kriege, Säuberungen und Auslöschungen

Selten hat mich ein Buch so herausgefordert wie der Roman „Belladonna“ der kroatischen Schriftstellerin Daša Drndić.

In diesem Buch erzählt sie über den 65-jährigen Andreas Ban, der eine große Angst vor der Pensionierung hat. Er weiß, dass ein Rentner in seiner Heimat Kroatien keine Perspektiven hat, er weiß, dass seine Rente nicht reichen wird und er möchte sich nicht nur von Dosensardinen ernähren. Aber am meisten hat er vor den Erinnerungen Angst. Seitdem er nicht mehr arbeiten muss, kommen die Erinnerungen hoch, an seine Kindheit, an die Zeit im Exil, nachdem er Belgrad vor dem Bürgerkrieg verlassen musste, und immer wieder muss er an den Nationalsozialismus denken, und an die Rolle, die sein eigenes Land dabei spielte.

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„Was ist das eigentlich, was du da machst? Ist das Krimi, ist das Familiengeschichte, ist das Komödie, ist das Satire?“
„Genau, das alles“

Als Henning Bröhmann den Schriftsteller Dietrich Faber zu seinem neuen Buch interviewt hat, fragte er ihn, was eigentlich das wäre, was er da macht. Die Antwort auf diese Frage überraschte Herrn Bröhmann, der nicht viel damit anfangen konnte. Der verdutzte Herr Bröhmann schien das Gefühl zu haben, das Opfer eines bösen Scherzes zu sein.
Die Erklärung für diese Situation ist einfach: Henning Bröhmann ist die Hauptfigur der Kriminalromane, deren Autor Dietrich Faber ist.

„Hessen zuerst!“ ist die fünfte Folge der Reihe um den Kriminalhauptkommissar – inzwischen Ex-Kriminalhauptkommissar – Henning Bröhmann.

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Von Odessa bis Istanbul

Normalerweise entsteht meine Meinung zu einem Buch, während ich es lese. Oft erst, nachdem ich am Ende angelangt bin und es zugeklappt habe.
Selten geschieht es, dass ich eine Geschichte immer besser finde, je länger ich über sie nachdenke. Ich merke es daran, dass ich sie nicht mehr aus dem Kopf bekomme, und dass ich das Bedürfnis habe, darüber zu sprechen.
„Außer sich“ von Sasha Marianna Salzmann habe ich schon vor Tagen gelesen, und mit jedem Tag, der vergeht, wächst meine Begeisterung für diesen Roman und meine Bewunderung für die Autorin, die mit diesem ihrem Debüt ein großes erzählerisches Talent erweist.

Identitätskrise, Suche nach dem wahren Ich, auf den Spuren der eigenen Wurzeln, Suche nach dem Ort, in dem man wirklich zu Hause ist. Viele Bücher über diese Themen habe ich gelesen, darunter auch sehr gute, aber keins so rätselhaft wie dieses.

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Grausam und rachsüchtig

Während des Lesens von „Unterleuten“ von Juli Zeh habe ich mir oft gedacht: „Hoffentlich lesen meine bösen Nachbarn dieses Buch nicht!“. Sie würde nämlich auf super Ideen kommen, um mich zu quälen. Dieses Buch, dessen Romanfiguren hauptsächlich damit beschäftigt sind, sich miteinander zu bekriegen und das Leben unmöglich zu machen, ist eine wahre Anleitung zur erfolgreichen Tortur von Nachbarn.
Unterleuten ist ein kleines Dorf, in dem sich alle kennen, und in dem neue Bewohner so eine Art Mutprobe durchlaufen müssen (davon merken sie auch nichts), um sich so ihr Recht zu erkämpfen und verdienen, würdige Unterleutner zu sein. Das Sagen hat der Dorf-Häuptling, der alle Geheimnisse kennt und alle Fäden in der Hand hält.

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Das eigene Café: Traum oder Trauma?

Vor ein paar Jahren habe ich Moritz Netenjakob mal wieder im Fernsehen gesehen. Das Interessante an der Sache war, dass er nicht als Buchautor oder Kabarettist vor der Kamera stand. Die Bilder zeigten ihn hinter der Tresse eines Cafés. Seines Cafés. Das Beste von allem war der Name: „Macho Café“. Mitten im beliebten und bunten Köln-Sülz hat er sich einen Traum verwirklicht. Zusammen mit seiner Frau betrieb er ein deutsch-türkisches gastronomisches Lokal, in dem er auch Lesungen hielt, und in dem die Speisekarte von seinen schriftstellerischen und komödiantischen Fähigkeiten zeugte. Da es sich um ein Familienunternehmen handelte, mussten auch die Denizoğlus ran, wie zum Beispiel Tante Emine, die den Umsatz mit Kaffeesatzlesen steigerte.
Wie ich mir gewünscht habe, eines Tages im „Macho Café“ sitzen zu dürfen! Die Erfüllung dieses Wunsches wurde mir leider nicht gegönnt. Das Café gibt es mittlerweile nicht mehr.

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