Schlagwort: Familie

Kriege, Säuberungen und Auslöschungen

Selten hat mich ein Buch so herausgefordert wie der Roman „Belladonna“ der kroatischen Schriftstellerin Daša Drndić.

In diesem Buch erzählt sie über den 65-jährigen Andreas Ban, der eine große Angst vor der Pensionierung hat. Er weiß, dass ein Rentner in seiner Heimat Kroatien keine Perspektiven hat, er weiß, dass seine Rente nicht reichen wird und er möchte sich nicht nur von Dosensardinen ernähren. Aber am meisten hat er vor den Erinnerungen Angst. Seitdem er nicht mehr arbeiten muss, kommen die Erinnerungen hoch, an seine Kindheit, an die Zeit im Exil, nachdem er Belgrad vor dem Bürgerkrieg verlassen musste, und immer wieder muss er an den Nationalsozialismus denken, und an die Rolle, die sein eigenes Land dabei spielte.

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„Was ist das eigentlich, was du da machst? Ist das Krimi, ist das Familiengeschichte, ist das Komödie, ist das Satire?“
„Genau, das alles“

Als Henning Bröhmann den Schriftsteller Dietrich Faber zu seinem neuen Buch interviewt hat, fragte er ihn, was eigentlich das wäre, was er da macht. Die Antwort auf diese Frage überraschte Herrn Bröhmann, der nicht viel damit anfangen konnte. Der verdutzte Herr Bröhmann schien das Gefühl zu haben, das Opfer eines bösen Scherzes zu sein.
Die Erklärung für diese Situation ist einfach: Henning Bröhmann ist die Hauptfigur der Kriminalromane, deren Autor Dietrich Faber ist.

„Hessen zuerst!“ ist die fünfte Folge der Reihe um den Kriminalhauptkommissar – inzwischen Ex-Kriminalhauptkommissar – Henning Bröhmann.

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Von Odessa bis Istanbul

Normalerweise entsteht meine Meinung zu einem Buch, während ich es lese. Oft erst, nachdem ich am Ende angelangt bin und es zugeklappt habe.
Selten geschieht es, dass ich eine Geschichte immer besser finde, je länger ich über sie nachdenke. Ich merke es daran, dass ich sie nicht mehr aus dem Kopf bekomme, und dass ich das Bedürfnis habe, darüber zu sprechen.
„Außer sich“ von Sasha Marianna Salzmann habe ich schon vor Tagen gelesen, und mit jedem Tag, der vergeht, wächst meine Begeisterung für diesen Roman und meine Bewunderung für die Autorin, die mit diesem ihrem Debüt ein großes erzählerisches Talent erweist.

Identitätskrise, Suche nach dem wahren Ich, auf den Spuren der eigenen Wurzeln, Suche nach dem Ort, in dem man wirklich zu Hause ist. Viele Bücher über diese Themen habe ich gelesen, darunter auch sehr gute, aber keins so rätselhaft wie dieses.

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Grausam und rachsüchtig

Während des Lesens von „Unterleuten“ von Juli Zeh habe ich mir oft gedacht: „Hoffentlich lesen meine bösen Nachbarn dieses Buch nicht!“. Sie würde nämlich auf super Ideen kommen, um mich zu quälen. Dieses Buch, dessen Romanfiguren hauptsächlich damit beschäftigt sind, sich miteinander zu bekriegen und das Leben unmöglich zu machen, ist eine wahre Anleitung zur erfolgreichen Tortur von Nachbarn.
Unterleuten ist ein kleines Dorf, in dem sich alle kennen, und in dem neue Bewohner so eine Art Mutprobe durchlaufen müssen (davon merken sie auch nichts), um sich so ihr Recht zu erkämpfen und verdienen, würdige Unterleutner zu sein. Das Sagen hat der Dorf-Häuptling, der alle Geheimnisse kennt und alle Fäden in der Hand hält.

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Das eigene Café: Traum oder Trauma?

Vor ein paar Jahren habe ich Moritz Netenjakob mal wieder im Fernsehen gesehen. Das Interessante an der Sache war, dass er nicht als Buchautor oder Kabarettist vor der Kamera stand. Die Bilder zeigten ihn hinter der Tresse eines Cafés. Seines Cafés. Das Beste von allem war der Name: „Macho Café“. Mitten im beliebten und bunten Köln-Sülz hat er sich einen Traum verwirklicht. Zusammen mit seiner Frau betrieb er ein deutsch-türkisches gastronomisches Lokal, in dem er auch Lesungen hielt, und in dem die Speisekarte von seinen schriftstellerischen und komödiantischen Fähigkeiten zeugte. Da es sich um ein Familienunternehmen handelte, mussten auch die Denizoğlus ran, wie zum Beispiel Tante Emine, die den Umsatz mit Kaffeesatzlesen steigerte.
Wie ich mir gewünscht habe, eines Tages im „Macho Café“ sitzen zu dürfen! Die Erfüllung dieses Wunsches wurde mir leider nicht gegönnt. Das Café gibt es mittlerweile nicht mehr.

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Ein deutsches Herz, ein türkisches Herz

Wer nicht an die Liebe glaubt, wird es spätestens nach dem Lesen von „Die Farben im Spiegel“ tun. Dieses Buch ist der zweite Erwachsenenroman von der deutsch-türkischen Autorin Deniz Selek.

Mit ihrem Roman „Die Frauen vom Meer“ hat mich Deniz Selek sehr berührt. Diese Geschichte, von den Frauen in ihrer Familie inspiriert, zeigt, wie unmissverständlich sie ihren Ursprung als Deutsche und Türkin lebt.
Jetzt mit „Die Farben im Spiegel“ stellt sie uns ein ganz anderes Thema vor. Die Handlungsorte, hauptsächlich Hannover und Istanbul, wie in allen ihren Büchern, zeigen, wie verbunden Deniz Selek sich ihren Heimatorten fühlt.
Mit „Die Farben im Spiegel“ hat sie einen Liebesroman geschrieben. Keinen gewöhnlichen oder durchschnittlichen Liebesroman, sondern einen, der gleichzeitig zeigt, was es bedeutet, zu zwei so unterschiedlichen Kulturen zu gehören. Denn dies gehört zu dieser Liebesgeschichte zwischen Alev und Koray dazu. Sie findet nämlich in zwei Städten, zwei Ländern, zwei Kontinenten statt. Und unglaublicherweise sind diese räumliche Distanz und auch die langen Zeitspannen die, die diese zwei Menschen trennen, aber auch genau das, was sie immer wieder zusammen bringt.

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Katastrophal lustig!

Endlich ein neues Buch von Elisabeth Kabatek! Ihre schwäbischen Heldinnen sind legendär, und ihr Humor und ihre Fantasie, chaotische Zustände in Szene zu setzen, genau nach meinem Geschmack.
In ihrem neuen Buch, „Kleine Verbrechen erhalten die Freundschaft“, hält Elisabeth eine Überraschung parat: Diesmal gibt es auch einen männlichen Helden, natürlich auch schwäbisch. Das ist Jan, nicht nur Held sondern auch Opfer von Luise und Sabrina (selbstverständlich auch Schwäbinnen).
Die Wege der drei kreuzen sich durch puren Zufall. Sie befinden sich auf der Flucht vor ihren eigenen Leben und wissen nicht, wie es weiter gehen soll. Zu dritt entwickeln sie einen Plan, der eigentlich kein Plan ist. In Wahrheit haben sie gar keinen Plan und lassen das Schicksal über sie entscheiden. Um genauer zu sein, sind die katastrophalen Umstände ihrer Zusammenkunft, das, was ihnen den Weg weist.

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Unbeugsame Frauen

Die Schriftstellerin Katja Maybach hat mit ihrem neuesten Roman „Die Stunde unserer Mütter“ eine Geschichte über eine große Freundschaft zwischen zwei Frauen und ihren jeweiligen Töchtern geschrieben, die mich tief berührt hat. Zwei Frauen, so mutig und aufrichtig, dass man einen großen Respekt für sie empfinden muss.

Mitten im Zweiten Weltkrieg sehen sich Maria und ihre Schwägerin Vivien dazu gezwungen, zusammen zu leben. Sie bewältigen den Alltag in den schwierigen Zeiten und versuchen, das Beste aus ihrer Situation zu machen, obwohl sie es alles andere als einfach haben: Marias Mann, wie fast jeder andere Mann im Deutschland der 40er Jahre, kämpft an der Front, und Viviens Mann riskiert sein Leben, indem er Juden versteckt.
Maria und ihre Tochter Anna, und Vivien und ihre Tochter Antonia sind charakterstarke Romanfiguren, an die ich lange denken werde. Den Nationalsozialismus nehmen sie nicht als selbstverständlich hin und das Konzentrationslager, das praktisch vor ihrer Tür liegt, ignorieren sie nicht, wie es sonst Millionen Deutsche getan haben.

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Eine Geschichte, die nicht zu Ende gehen soll

Die Osmanen waren dafür bekannt, dass sie alles andere als geizig waren. Am Essen vor allem haben sie nicht gespart, aus der einfachsten Mahlzeit haben sie ein Fest gemacht. Von ihren Köchen haben die Sultane alles und noch mehr verlangt. Das Beste vom Besten war für sie nicht gut genug. Um den Ansprüchen des Sultans gerecht zu werden und die Produktion gigantischer Mengen von Speisen zu garantieren – 4000 Serailbewohner mussten satt zu kriegen sein -, hatte die Residenz des Sultans, der Topkapı-Palast, mehrere Küchen und hunderte von Köchen. Allein dem Sultan standen 32 unterschiedliche Gerichte pro Mahlzeit zu.

Eines Tages kommt ein Mann in die Palastküchen. Mit seinen Kochkünsten verschafft er sich spielend leicht Zugang zu diesen heiligen Räumen. In kürzester Zeit gelingt ihm etwas, worauf andere ein ganzes Leben lang hinarbeiten müssen: für den Sultan persönlich zu kochen.
Allerdings verfolgt dieser Mann ein ganz anderes Ziel, als nur für den Monarch kochen zu dürfen.
Wer ist dieser begabte Küchenmeister und was sind seine Pläne?

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Das Herz am rechten Fleck

Während ich die letzten Seiten von „Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman“ lese, dem neuesten Roman von der Österreicherin Petra Piuk, wird im Fernsehen das Ergebnis der Parlamentswahlen in dem Heimatland der Autorin bekannt gegeben. Das, was gesendet wird, bildet eine passende Kulisse für dieses Buch und untermalt meine Lektüre in einer entsprechenden Form.

Ein österreichischer Heimatroman! Was stellt man sich darunter vor? Idyllische Landschaften – meistens grüne und saftige Berge im Sonnenschein -, schöne und liebliche Frauen, Männer, die noch diesen Namen verdienen, Volksmusik und Liebe, ganz viel Liebe.

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