Schlagwort: Flüchtling

41k42xJKttLEinfach nur Menschen…

Dass große Schriftsteller auch nur Menschen sind, vergessen Verehrer oft. Dass ihr Leben nicht immer glamourös und sorglos ist, kann man sich kaum vorstellen.
Viele Schriftsteller, die in den 30er Jahren im deutschen Sprachraum lebten, sahen sich gezwungen, diesen aufgrund ihrer jüdischen Herkunft oder ihrer Ideologien zu verlassen.
Stefan Zweig und Joseph Roth haben trotzdem versucht, während ihres Exils das Leben zu genießen und die Erinnerungen an die Heimat auszublenden. In dem atmosphärischen kleinen Badeort Ostende haben sie sich mit anderen heimatlosen Kollegen getroffen und bei einem flüchtigen Urlaubsgefühl auf die Rückkehr in die Heimat gehofft.

In seinem Buch „Ostende: 1936, Sommer der Freundschaft“ erzählt Volker Weidermann über einen Sommer im Leben von Stefan Zweig und Joseph Roth, von zwei Freunden, die nicht unterschiedlicher sein konnten.

Aktuell Rezensionen Sachbuch

9783862200528_cover„…NEUES GESETZ KLAMMER AUF GORBATSCHOW KLAMMER ZU AB MORGEN…“

Wenn man im Leben so viele Abenteuer erlebt hat, obwohl man noch jung ist, lohnt es sich, einen Roman darüber zu schreiben.
Alexandra Friedmann hat mit „Besserland“ über ein Familienabenteuer geschrieben, das auch ihr eigenes war.

Die kleine Alexandra und ihre Familie leben in Weißrussland Ende der 80er Jahre. Die Mitglieder dieser Familie mit jüdischen Wurzeln gehen wie alle anständigen Bürger der Sowjetunion ihren Pflichten nach. Die Perestroika aber ändert ihr Leben und weckt in ihnen die Lust auszuwandern.
Alexandra Friedmann erzählt uns die Geschichte einer richtigen Odyssee, die Geschichte, wie sie und ihre Familie eine neue Heimat gefunden haben.

Aktuell Rezensionen Roman Unterhaltungsliteratur

Köhlmeier_24178_MR2.inddEin Fremder mit nachhaltiger Wirkung

„Die Abenteuer des Joel Spazierer“ von Michael Köhlmeier ist eins dieser Bücher, die, auch wenn deren Handlung sehr verständlich und lückenlos ist, eine Menge zu lösende Rätsel hinterlassen.

Joel Spazierer ist ein Hochstapler. Mit seinem Charme und seiner Schönheit schafft er alles, was er sich vornimmt. Mehr braucht er nicht… seine Wirkung auf Menschen reicht für den Erfolg. Die detaillierte Beschreibung seines Lebens als Schwindler mit allen Höhen und Tiefen findet man in den Seiten dieses Buches.

Wie ich bereits erwähnt habe, hat dieses Buch Rätsel hinterlassen, und alle haben mit der Person Joel Spazierer zu tun. Und ich bin sicher, es war die Absicht des Autors, die Geschichte dieses Menschen zu erzählen, den Leser in allen dessen Geheimnisse einzuweihen, und ihm trotzdem das Gefühl zu vermitteln, dass Spazierer bis zum Ende ein Fremder bleibt. Das geschieht mit einer Geschichte, die in der ersten Person erzählt wird. Denn es ist Joel Spazierer, der alles über sich selber erzählt, und am Ende, nachdem wir seinen Lebenslauf und alle seine Gedanken kennen, entsteht keine Verbindung zwischen Leser und Hauptfigur. Joel Spazierer bleibt enigmatisch und vorhersehbar unvorhersehbar.

Gegenwartsliteratur Rezensionen Roman

RSEUEMBM2MGViele Schicksale, eine Geschichte

Nachdem ich „Traumsammler“ von Khaled Hosseini gelesen hatte, habe ich mich gefragt, wie kann es sein, dass ich nicht früher auf ihn aufmerksam geworden bin. Schließlich ist dies nicht sein erster internationaler Bestseller.

Die Handlung dieses Buches, die wie ein Märchen beginnt, gewinnt an Dramatik schon kurz nach dem Anfang, und hat mich immer wieder sehr mitgenommen. Wie erschlagen fühlte ich mich beim Lesen der vielen Schicksale der Figuren in Hosseinis Roman.
Die Geschichte zweier Geschwister, die zu früh im Leben getrennt wurden, wird erzählt.
Das Leben dieser Kinder gilt für Hosseini als Motiv und auch als Auftakt, um über viele andere Schicksale zu berichten, die unmittelbar mit dem Land Afghanistan verwandt sind.

Afghanistan ist ein eindrucksvolles Land, das fortlaufend Zentrum für internationale Konflikte wurde. Auch die Regierungen im 20. Jahrhundert, die immer eine extreme Politik vertraten, prägten dieses Land: vom westlich orientierten autoritären Schah bis zu radikal islamistischen Führern.

Aktuell Gegenwartsliteratur Rezensionen Roman

av_wrobel_hannah_rz.inddEinfühlungskraft und Leidenschaft

Europa zwischen zwei Weltkriegen. Der alte Kontinent ist demontiert. Der Frieden nach dem Ersten Weltkrieg bereitet den Boden für den Zweiten Weltkrieg. Politisch und wirtschaftlich ist Europa am Ende. Populisten und Demagogen nutzen die Lage, um die Macht zu ergreifen.
Für viele ist die Flucht die einzige Lösung. Weg von dem Faschismus, weg von der großen Armut.
Für die jüdischen Bewohner Europas war dies eine besonders harte Zeit: Für die gut situierten, die es nicht geschafft haben, ihren Reichtum zu sichern und für die verarmten Juden aus Ost-Europa, die nur weg von dem Elend wollten. Es galt nur, ein neues Leben anzufangen.
Der amerikanische Kontinent war das perfekte Ziel. Junge Länder mit Opportunitäten für einen neuen Anfang. Brasilien bot diese Möglichkeit. Wie alle lateinamerikanischen Länder entstand Brasilien aus der Zusammenkunft verschiedenster Ethnien und Kulturen.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kann Brasilien in seiner kurzen Geschichte als Nation viel souveräner mit Multikultur und Einwanderung umgehen als das von Nationalismus geprägte und bestimmte uralte Europa.

Aktuell Gegenwartsliteratur Rezensionen Roman

Dumont_24164_MR1.indd„Das Paradies ist relativ“

Das sagte nicht Albert Einstein. Das dachte ich, nachdem ich „Paradiessucher“ von Rena Dumont gelesen hatte.
Es mag nach „Allgemeinplatz“ klingen, ist es aber nicht.
Rena Dumont beschreibt die Suche nach dem Paradies so, dass es für den Leser eine einmalige Erfahrung wird, denn auch wenn ihre 17-jährige Heldin Lenka dasselbe Schicksal mit unzählig vielen anderen Paradiessuchern teilt, zeigt uns ihre Geschichte, dass ein gemeinsames Schicksal nicht zwingend zu dessen undifferenzierten Ausgang führt. Lenka hat ein Ziel im Leben und das verfolgt sie hartnäckig: Sie lebt in der Tschekoslowakei der 80er Jahre und wünscht sich nichts anderes, als in den Westen zu flüchten. Für sie ist der Westen das Paradies.

Genau wie Lenka stammt Rena Dumont aus der Tschekoslowakei. In ihren Roman flossen eigene Erfahrungen, die sich mit Fiktion vermischten, und so entstand eine Geschichte, die mich von Anfang an überzeugte.
Lenka schafft es zusammen mit ihrer Mutter in den Westen, in das Paradies. Aber ob dieses Ziel tatsächlich das ersehnte Paradies ist…

Aktuell Gegenwartsliteratur Jugendbuch Rezensionen Roman

Politically correct

Bevor ich Ali kennenlernte, hatte ich nie über etwas namens „Mohr im Hemd“ gehört. Das Internet hat ganz schnell die Antwort geliefert: „Mohr im Hemd“ ist, politically incorrect, der Name einer traditionellen österreichischen Süßspeise, deren Geschmack sicher besser ist, als ihr Name kling.
Aber es geht hier sicherlich nicht um diese Süßspeise, sondern um Ali, der auf jeden Fall sehr gern „Mohr im Hemd“ isst. Ali ist Asylbewerber, 15 Jahre alt und lebt ganz ohne Familie, in einem Asylbewerberheim in Wien.

In „Mohr in Hemd“ von Martin Horváth gewährt uns Ali einen Blick in dem Alltag der Bewohner eines Asylbewerberheims.
Ali, ein allwissender, hochbegabter 15-jähriger Flüchtling aus Afrika, öffnet uns die Türen zu diesem Asylbewerberheim und erzählt uns Geschichten über seine Mitbewohner, über ihr Leben in der Heimat vor der Flucht und über ihre Gründe, die sie dazu geführt haben, diese zu verlassen. Auch über die Ängste, die Albträume und über die Hoffnung auf eine Zukunft in Österreich, weit weg von den Gefahren von Krieg und Verfolgung.

Aktuell Gegenwartsliteratur Rezensionen Roman

Zuhause ist das, was man vermisst

Mascha ist jung, intelligent und kann neue Sprachen mit besonderer Leichtigkeit lernen. Ihr Leben und ihre Welt sind von einer gewissen Internationalität bestimmt, ihre Gedanken kennen keine Grenzen. Aber Mascha ist nicht zufrieden, sie weiß nicht, was sie vom Leben und den Menschen, die ihr nah stehen, erwarten soll, oder was sie zu geben hat. Nach einem tragischen Ereignis trifft Mascha eine Entscheidung, die ihr helfen soll, alles hinter sich zu lassen und ein neues Leben anzufangen. Leider kommt alles ganz anders, als sie es sich vorgestellt hat.

Das ist die Geschichte von Mascha, der ungewöhnlichen Heldin von Olga Grjasnowas Erstlingswerk „Der Russe ist einer, der Birken liebt“, einem Roman, der berührt.

Olga Grjasnowa gewährt uns einen tiefen Einblick in die Seele einer jungen Frau, die alles andere als einfach ist. Mascha ist kompliziert, ihre Beziehung vor allem zu denen, die sie lieben, ist zwiespältig und konfliktbeladen. Sie trifft ständig falsche Entscheidungen und verletzt die Menschen, die ihr am nächsten sind. Und das realisiert sie oft erst dann, wenn es zu spät ist; sie quält sich mit Erinnerungen und mit Sehnsüchten. Sehnsüchten nach einem Zuhause und nach Menschen, die sie selber verstoßen hat.

Aktuell Gegenwartsliteratur Rezensionen Roman