Schlagwort: Gegenwartsliteratur

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Blick hinter die glamouröse Fassade des Kolonialismus

Die britische Schriftstellerin Kat Gordon hatte mit ihrem Roman „Kenia Valley“ eine Überraschung für mich parat.
Orte, Geschichte und Romancharaktere haben mich in das Kenia der 20er und 30er Jahre versetzt. Auf den ersten Blick sieht man eine glamouröse Welt, typisch für die britischen Kolonien. Geld, weiße Stoffe, geräumige Häuser, Tee in Porzellantassen, eine Atmosphäre wie in „Der große Gatsby“, alles vor der imposanten Kulisse der afrikanischen Savanne. Das allein würde reichen für einen Roman über das Afrika in der Kolonialzeit. Für Kat Gordon ist das nicht genug. Sie möchte noch viel mehr zeigen. Sie möchte, dass der Leser noch mehr sieht: was hinter dieser glamouröse Fassade steckt.
Der 15-jährige Theo ist ihr Mittel zum Zweck. Er kommt mit seiner Familie nach Kenia. Kurz danach darf er sich in exzentrischen Kreisen bewegen. Dabei lernt er ein anderes Gesicht Kenias kennen.

Jahrzehntelang hat Europa Kolonien in Afrika unterhalten. Nachdem die Menschen und die natürlichen Ressourcen ausgebeutet wurden, hinterließen die europäischen Mächte die Länder und deren Bewohner als Wrack zurück.
Kat Gordon beschreibt die Verhältnisse, die in der Blütezeit der britischen Herrschaft über Kenia dominierten. Die persönliche Entwicklung Theos ist ein Beispiel dafür, wie gewisse Umstände eines Landes – politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche – ein Individuum beeinflussen können.

Die Lektüre von „Kenia Valley“ habe ich sehr genossen, auch wenn mich die Autorin gegen Ende mit einer bösen Überraschung leicht frustriert hat. Aber nicht immer verläuft die Handlung, wie es sich der Leser wünscht. Und für Überraschungen, egal welcher Art, bin ich immer bereit.

Atlantik
Gebundene Ausgabe
432 Seiten
Erscheinungsdatum: Verlag: 24. April 2018
Preis EUR 20,00
ISBN: 978-3455002775

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Kriege, Säuberungen und Auslöschungen

Selten hat mich ein Buch so herausgefordert wie der Roman „Belladonna“ der kroatischen Schriftstellerin Daša Drndić.

In diesem Buch erzählt sie über den 65-jährigen Andreas Ban, der eine große Angst vor der Pensionierung hat. Er weiß, dass ein Rentner in seiner Heimat Kroatien keine Perspektiven hat, er weiß, dass seine Rente nicht reichen wird und er möchte sich nicht nur von Dosensardinen ernähren. Aber am meisten hat er vor den Erinnerungen Angst. Seitdem er nicht mehr arbeiten muss, kommen die Erinnerungen hoch, an seine Kindheit, an die Zeit im Exil, nachdem er Belgrad vor dem Bürgerkrieg verlassen musste, und immer wieder muss er an den Nationalsozialismus denken, und an die Rolle, die sein eigenes Land dabei spielte.

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Chèvre à la japonaise

Nach seinem Erfolgsroman „Kirschblüten und rote Bohnen“ kommt Durian Sukegawa mit einer neuen Geschichte zurück, die die Leser wieder auf eine Reise in sein Heimatland Japan entführt.

Für seinen neuen Roman hat Sukegawa eine fiktive Insel im japanischen Archipel gewählt. Auf dieser Insel, die, auch wenn sehr klein, eine beeindruckende Natur aufweist, lebt eine überschaubare Anzahl von Menschen, die eine eingeschworene Gemeinschaft bilden und uralte Traditionen pflegen.
Ryosuke, der einsame und von Selbstmordgedanken geplagte Held von „Die Insel der Freundschaft“, landet in dieser für ihn kompletten neuen Welt. Dort sucht er nicht nur Seelenfrieden sondern auch Antworten auf viele Fragen, die seine Existenz quälen.
Wie in Sukegawas vorherigem Roman ist der Hauptcharakter von „Die Insel der Freundschaft“ ein mit seinem Leben unzufriedener Mann, der keinen rechten Zugang zu anderen Menschen finden kann, und der im Laufe der Geschichte eine lebensverändernde Erfahrung macht.

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Von Odessa bis Istanbul

Normalerweise entsteht meine Meinung zu einem Buch, während ich es lese. Oft erst, nachdem ich am Ende angelangt bin und es zugeklappt habe.
Selten geschieht es, dass ich eine Geschichte immer besser finde, je länger ich über sie nachdenke. Ich merke es daran, dass ich sie nicht mehr aus dem Kopf bekomme, und dass ich das Bedürfnis habe, darüber zu sprechen.
„Außer sich“ von Sasha Marianna Salzmann habe ich schon vor Tagen gelesen, und mit jedem Tag, der vergeht, wächst meine Begeisterung für diesen Roman und meine Bewunderung für die Autorin, die mit diesem ihrem Debüt ein großes erzählerisches Talent erweist.

Identitätskrise, Suche nach dem wahren Ich, auf den Spuren der eigenen Wurzeln, Suche nach dem Ort, in dem man wirklich zu Hause ist. Viele Bücher über diese Themen habe ich gelesen, darunter auch sehr gute, aber keins so rätselhaft wie dieses.

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Unbekanntes Ziel

Während ich in einem Zug Richtung Süden sitze, sitzt auch Cora in einem Richtung Norden. Mein Ziel kenne ich, mein Sitz ist bequem und ich habe genug Licht zum Lesen. Cora weiß nicht, wohin sie fährt, ihr Waggon ist so klapprig, dass sie Angst haben muss, dass er auseinanderbricht, und wie es draußen aussieht, kann sie nur ahnen, es ist komplett dunkel. Sie fährt unter der Erde.
Cora ist eine Sklavin, und der Zug, mit dem sie ins Unbekannte fährt, die Underground Railroad.

Diese Underground Railroad hat existiert. Es handelte sich um eine Organisation, die Sklaven in die Freiheit geschmuggelt hat. Aber alles ohne einen unterirdischen Zug.
Colson Whitehead hat mit seinem Roman „Underground Railroad“ den diesjährigen Pulitzer Preis bekommen. Cora ist die Heldin dieses Romans, in dem die bis 1862 real existierende klandestine Organisation ein unterirdisches Eisenbahnnetz bekommen hat.

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Grausam und rachsüchtig

Während des Lesens von „Unterleuten“ von Juli Zeh habe ich mir oft gedacht: „Hoffentlich lesen meine bösen Nachbarn dieses Buch nicht!“. Sie würde nämlich auf super Ideen kommen, um mich zu quälen. Dieses Buch, dessen Romanfiguren hauptsächlich damit beschäftigt sind, sich miteinander zu bekriegen und das Leben unmöglich zu machen, ist eine wahre Anleitung zur erfolgreichen Tortur von Nachbarn.
Unterleuten ist ein kleines Dorf, in dem sich alle kennen, und in dem neue Bewohner so eine Art Mutprobe durchlaufen müssen (davon merken sie auch nichts), um sich so ihr Recht zu erkämpfen und verdienen, würdige Unterleutner zu sein. Das Sagen hat der Dorf-Häuptling, der alle Geheimnisse kennt und alle Fäden in der Hand hält.

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Gut gemacht, Herr Agualusa!

Ich glaube, ich habe mein Highlight des Jahres gefunden: „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“, einen genialen Roman, der in einem afrikanischen Land spielt, von dem ich bisher nur das wusste, worüber in den Nachrichten berichtet wurde, Angola.

Der angolanische Schriftsteller José Eduardo Agualusa hat ein Buch geschrieben, dessen Protagonistin für Furore sorgt, indem sie wie Robinson Crusoe 30 Jahre lang allein und isoliert in ihrer eigenen Wohnung gelebt hat.

„Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ ist ein faszinierendes Buch mit einer sehr ungewöhnlichen Heldin (im wahrsten Sinne des Wortes) und einer sehr originellen Handlung mit mehreren überraschenden Wendungen, die bei mir große Begeisterung ausgelöst haben.

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Die Erweiterung des Horizontes

Aktuell ist das Thema Nummer 1 in Deutschland die Flüchtlinge und die Probleme, die sie allein mit ihrer bloßen Präsenz verursachen. Vielen Menschen, die sich ausschließlich negativ darüber äußern, würde ich gerne nur eine einzige Frage stellen: Was hat sich in deinem Leben seit dem letzten Flüchtlingsansturm verändert? Bestimmt haben die meisten von ihnen keine Antwort auf diese Frage. Nicht aber Richard. Er hat viel zu erzählen. Denn sein Leben hat sich in der Tat verändert, dank der Existenz der Flüchtlinge.

„Gehen, ging, gegangen“ von Jenny Erpenbeck ist sozusagen Richards Antwort auf die Frage, ob sich etwas in seinem Leben verändert hat, seitdem die Flüchtlinge die Straßen Deutschlands bunter und exotischer machen.

Am Anfang könnte man den Eindruck haben, dass Richards Interesse für die Flüchtlinge wissenschaftlicher Natur ist. Als Universitätsprofessor, der gerade in die Rente eingetreten ist, geht er erstmals mit diesem Interesse wie mit einem Forschungsprojekt vor, bis er eines Tages merkt, wie sein Leben sich in der Tat verändert hat. Wegen der Flüchtlinge.

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Eine Geschichte, die nicht zu Ende gehen soll

Die Osmanen waren dafür bekannt, dass sie alles andere als geizig waren. Am Essen vor allem haben sie nicht gespart, aus der einfachsten Mahlzeit haben sie ein Fest gemacht. Von ihren Köchen haben die Sultane alles und noch mehr verlangt. Das Beste vom Besten war für sie nicht gut genug. Um den Ansprüchen des Sultans gerecht zu werden und die Produktion gigantischer Mengen von Speisen zu garantieren – 4000 Serailbewohner mussten satt zu kriegen sein -, hatte die Residenz des Sultans, der Topkapı-Palast, mehrere Küchen und hunderte von Köchen. Allein dem Sultan standen 32 unterschiedliche Gerichte pro Mahlzeit zu.

Eines Tages kommt ein Mann in die Palastküchen. Mit seinen Kochkünsten verschafft er sich spielend leicht Zugang zu diesen heiligen Räumen. In kürzester Zeit gelingt ihm etwas, worauf andere ein ganzes Leben lang hinarbeiten müssen: für den Sultan persönlich zu kochen.
Allerdings verfolgt dieser Mann ein ganz anderes Ziel, als nur für den Monarch kochen zu dürfen.
Wer ist dieser begabte Küchenmeister und was sind seine Pläne?

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Das Herz am rechten Fleck

Während ich die letzten Seiten von „Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman“ lese, dem neuesten Roman von der Österreicherin Petra Piuk, wird im Fernsehen das Ergebnis der Parlamentswahlen in dem Heimatland der Autorin bekannt gegeben. Das, was gesendet wird, bildet eine passende Kulisse für dieses Buch und untermalt meine Lektüre in einer entsprechenden Form.

Ein österreichischer Heimatroman! Was stellt man sich darunter vor? Idyllische Landschaften – meistens grüne und saftige Berge im Sonnenschein -, schöne und liebliche Frauen, Männer, die noch diesen Namen verdienen, Volksmusik und Liebe, ganz viel Liebe.

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