Ein originelles Märchen

Geheimnisse verbinden Menschen, denn wenn zwei etwas teilen, wovon kein anderer weiß, entstehen besondere Bänder, und es gilt nur, dieses Wissen nicht nach außen sickern zu lassen.
Das Geheimnis, das die Wintermädchen teilen, ist etwas Furchtbares, aber sie haben gelernt, damit zu leben. Die zwei Schwestern haben es geschafft, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen und neu anzufangen, auch wenn das bedeutet, in ihre Heimat zurückzukehren, in ein kleines Dorf in Galicien, der Region im Spanien der 50er Jahre, die vom Rest der Welt vergessen wurde.

„Die Wintermädchen“ ist mein erster Roman der spanischen Schriftstellerin Cristina Sánchez-Andrade.
Ich war von dieser Geschichte fasziniert. Die Autorin hat eine wunderbare Art zu erzählen, die uns das Leben und Traditionen im Spanien in den Zeiten unter Francos Diktatur vermittelt. Besonders in Galicien, weit weg von der Zivilisation, war es deutlich zu spüren, wie rückschrittlich Francos Regierung war. Die Zeit blieb stehen, die Menschen schienen vergessen worden zu sein, Galicien einfach inexistent. Nicht aber für die Wintermädchen. Die Isolierung ihres Geburtsortes ist der ideale Zustand für ihre Pläne. Dass sie sehr spezielle Gestalten sind, die die Aufmerksamkeit aller Dorfbewohner wecken, scheinen sie nicht zu merken. Ihre lange Abwesenheit und die Erfahrung, die sie in fernen Ländern gemacht haben, machen aus ihnen absolute Exotinnen.

Dieses Buch erzählt ein originelles Märchen – humorvoll und gleichzeitig traurig, auf jeden Fall berührend -, das dem Leser eine Überraschung am Ende bietet.
Und Bücher, die mich überraschen, lese ich immer sehr gern!

Thiele
Gebundene Ausgabe
288 Seiten
Erscheinungsdatum: 19. August 2016
Preis: EUR 20,00
ISBN: 978-3851793307

Aktuell Gegenwartsliteratur Rezensionen Roman

Keinesfalls überflüssig

Der libanesische Schriftsteller Rabih Alameddine hat mit „Eine überflüssige Frau“ eine Geschichte über eine Frau geschrieben, die sich für ein Leben innerhalb ihrer vier Wände entschieden hat und die Erfüllung in einer ungewöhnlichen Tätigkeit findet: Sie übersetzt Bücher ins Arabische, Manuskripte, die keiner liest, weil sie ihre Werke vor der Öffentlichkeit versteckt. Aus ihrer Sicht ist das eine überflüssige Beschäftigung, wie alles andere, was mit ihr selber zu tun hat.
Aaliya ist bereits über 70 und lebt in Beirut. Sie hat schon viel erlebt und darüber berichtet sie, während sie sich an die Vergangenheit erinnert, an ein Leben, das ihr nichts Aufregendes oder Zufriedenstellendes anzubieten hatte, aber für den Leser eine interessante Informationsquelle über die neueste Geschichte Beiruts ist. Für den Buchliebhaber hat Aaliya auch viel zu sagen. Sie verfügt über ein immenses Literaturwissen und ein hervorragendes Gedächtnis. Für jede Situation, für jedes Ereignis findet sie das entsprechende Zitat oder einen Vergleich zu einem Thema in einem von ihr gelesenen Buch oder zu einem Lebenslauf eines Dichters. Allein deswegen müsste sich Aaliya nicht ganz so minderwertig fühlen. Ihre Fähigkeiten stempelt sie als Macken ab und ihre Gelehrtheit und Begabung als unnötiges Wissen. Sie arbeitet trotzdem fleißig weiter und sucht Inspiration in ihrer eigenen Vita.

Weiterlesen Eine überflüssige Frau von Rabih Alameddine

Aktuell Gegenwartsliteratur Rezensionen Roman

Alles andere als Alltäglich!

Lucy Schröder hat viel zu lernen in Sachen „Umgang mit Menschen“. Sie selber glaubt nicht daran, wird aber von ihrem Therapeuten leider dazu gezwungen, sonst muss sie in die Psychiatrie. Selbstverständlich hat sie dazu keine Lust. Wer würde denn diese Alternative vorziehen? Also überlegt Lucy, wie sie sich am besten selber helfen kann, wenn möglich, mit dem geringsten Aufwand.
Lucy Schröder ist die neue, außergewöhnliche, sogar gewöhnungsbedürftige, aber durch und durch liebenswerte Heldin von Susann Rehleins Roman „Lucy Schröders gesammelte Wahrheiten“.

Lucy würde am liebsten nur zu Hause bleiben und auf ihrem Futon liegend die Decke anstarren. Leider sitzt ihr der Psychologe mit seinem idiotischen Auftrag im Nacken, und so viel Zeit hat sie nicht mehr, um ihm vorzuweisen, dass mit ihr alles in Ordnung ist.
Als Erstes, bevor sie anfängt zu üben, Menschen kennen zu lernen, braucht sie eine neue Hose. Im Kaufhaus Schönstedt findet sie bestimmt eine. Mit dem ersten Schritt Richtung Kaufhaus fängt Lucys größtes Abenteuer an!

Weiterlesen Lucy Schröders gesammelte Wahrheiten von Susann Rehlein

Aktuell Gegenwartsliteratur Liebesroman Rezensionen Roman

Spannender Roman mit starken Charakteren

Die Schweizerin Andrea Fischer Schulthess hat mit ihrem ersten Roman „Motel Terminal“ ein Buch geschrieben, das mich noch lange nach dem Lesen beschäftigt hat. Eine spannende Handlung, ein desolater, düsterer Schauplatz und Figuren mit stark definierten Persönlichkeiten machen aus dieser Geschichte ein ganz besonderes Erlebnis.

Ein verlassenes Motel am Rand einer kleinen Siedlung in der Nähe von Zürich und dessen merkwürdige Bewohner, die ein schreckliches Geheimnis hüten, verleihen diesem Roman eine endzeitliche Atmosphäre, der man sich nicht entziehen kann. Mit nur einem Haupthandlungsort, dem unheimlichen Motel, wenigen Figuren und einem Geheimnis, in das der Leser sehr früh eingeweiht wird, baut Andrea Fischer Schulthess ein höchst kompliziertes Drama, das schlaflose Nächte beschert.

Weiterlesen Motel Terminal von Andrea Fischer Schulthess

Aktuell Gegenwartsliteratur Rezensionen Roman

Charmante Verwechslungskomödie

Wer Überraschungen liebt, sollte „Niemand weiß, wie spät es ist“ von René Freund lesen.

Zwei sehr unterschiedliche Menschen, eine frustrierte Arbeitslose und ein steifer Jurist, bekommen einen ungewöhnlichen Auftrag: Sie müssen gemeinsam in den Alpen wandern, das Ziel kennen sie nicht, der Inhalt ihres Gepäcks ist alles andere als alltäglich.

Was als scheinbar voraussagbare Geschichte anfängt, entpuppt sich als charmante Verwechslungskomödie mit einer unerwarteten Wendung und äußerst liebenswerten und sympathischen Protagonisten. Die disziplin- und planlose Nora bildet zusammen mit dem durch und durch organisierten und zwanghaften Veganer Bernhard ein perfektes „Anti-Traumpaar“.
Weiterlesen Niemand weiß, wie spät es ist von René Freund

Aktuell Gegenwartsliteratur Rezensionen Roman

Überraschend, ungewöhnlich, unvergesslich

Johanna ist ohne Vater aufgewachsen. Ihre Kindheit verbrachte sie in der DDR. Das Einzige, was sie über ihren Vater weiß, ist, dass dieser in den Westen gegangen ist.
Seit 19 Jahren aber gibt es keine Grenze mehr, Ost und West gehören zum selben Land.
Eines Tages trifft Johanna eine Entscheidung: Sie wird ihren Vater suchen. Sie will wissen, warum er gegangen ist und sich nie wieder gemeldet hat.

„Familie der geflügelten Tiger“ ist meine Überraschung des Jahres. Der Debütroman der jungen Autorin Paula Fürstenberg hat mich Tag und Nacht beschäftigt. Das Thema Vaterlosigkeit und die Versuche Johannas, mehr über ihren Vater zu erfahren, vor allem über die Gründe für sein Verschwinden, hat Paula Fürstenberg mit so einer Originalität abgehandelt, die immer wieder für Erstaunen sorgt.
Weiterlesen Familie der geflügelten Tiger von Paula Fürstenberg

Aktuell Gegenwartsliteratur Rezensionen Roman

51vFpacwiRLDer beste Band der Trilogie

Als ich die dritte Folge der Muchachas-Trilogie von Katherine Pancol beendet habe, war mein erster Gedanke, dass diese Geschichte noch nicht zu Ende sein kann. In „Muchachas – Nur ein Schritt zum Glück“ scheinen nicht alle Muchachas am Ziel angekommen zu sein. Ich blieb mit einem seltsamen Gefühl zurück, nicht alles erfahren zu haben.
Auch wenn dieser Band der umfangreichste der Serie ist, hat die Autorin meiner Meinung nach einige Lebensläufe, die sie in Band 1 und 2 ausführlich beschrieben und entwickelt hat, nicht vervollständigt, was in mir eine gewisse Unzufriedenheit verursacht hat. Nichtdestotrotz ist dieser dritte Band für meinen Geschmack der beste und spannendste der ganzen Trilogie.

„Muchachas – Nur ein Schritt zum Glück“ ist der Höhepunkt dieses Dreiteilers um die vier unterschiedlichen kämpferischen Frauen. Die steigende Spannung, ein interessanterer und schönerer Schreibstil als in den vorherigen Teilen und eine nachvollziehbare Entwicklung der Charaktere haben mich letztendlich von Katherine Pancols schriftstellerischen Qualitäten überzeugt.

Und wer weiß… vielleicht gibt es demnächst tatsächlich einen Band 4, der alle Fragen beantwortet und mich mit allen Muchachas abschließen lässt. Ich wäre sofort dabei!

carl’s books
Broschiert
512 Seiten
Erscheinungsdatum: 9. Mai 2016
Preis: EUR 14,99
ISBN: 978-3570585580

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Eine Affäre ist eine Affäre ist eine Affäre…

Zum Thema „fremdgehen“ habe ich schon alle möglichen Meinungen gehört. Eine Freundin sagte einmal, „so eine Erfahrung sollte eigentlich jeder machen dürfen“. Von einigen männlichen Bekannten hörte ich schon oft, dass „fremdgehen erst dann anfängt, wenn man sich verliebt, alles andere zählt nicht“. Ich persönlich finde dieses Thema in der Literatur äußerst interessant. Wenn Verheiratete eine Affäre anfangen, entscheiden sie sich für Lügen und Versteckspiele. Viel Material für spannende Romane!

Mireille Zindels Roman „Kreuzfahrt“ ist die sehr persönliche und intime Beschreibung der Gefühle einer verheirateten Frau, die sich in ihren Nachbarn verliebt. Von der ersten Begegnung an erzählt sie ihre Geschichte und schildert in detaillierten Eintragungen alles, was in ihrem Inneren geschieht. Sie erzählt es dem Mann, mit dem sie sich eine Affäre wünscht.
Weiterlesen Kreuzfahrt von Mireille Zindel

Aktuell Gegenwartsliteratur Rezensionen Roman

Geschickt eingefädelt

Mit ihrer neuen Romantrilogie hat sich Katherine Pancol offensichtlich fest vorgenommen, ihre Leser auf die Folter zu spannen. Nach dem Lesen von Teil 1 blieb ich mit vielen Fragezeichen im Kopf zurück und auch mit der Hoffnung, dass die ganzen Mysterien so bald wie möglich erklärt werden. Zum Glück hat der carl’s books Verlag seine Leser nicht zu lange auf die Fortsetzung warten lassen. Das ist die gute Nachricht. Die nicht so gute ist, dass Katherine Pancol es uns leider nicht so einfach machen will.
In „Muchachas – Kopfüber ins Leben“, dem zweiten Teil der Trilogie um die vier unterschiedlichen kämpferischen Frauen, erleben wir einige interessante Höhepunkte, die aber gleichzeitig zu neuen Erwartungen führen. Auch lernen wir manche Romanfiguren besser kennen, die im ersten Teil nur kurz vorgestellt wurden, die Verbindungen zwischen ihnen werden auch klarer, während andere Handlungen, die im vorherigen Band eine größere Rolle gespielt hatten, vernachlässigt werden – sicherlich nur scheinbar.

Weiterlesen Muchachas – Kopfüber ins Leben von Katherine Pancol

Aktuell Gegenwartsliteratur Rezensionen Roman

„Seine Welt war das Eiscafé, meine begann dort, wo die Terrasse aufhörte“

Ich habe mich immer gefragt, warum mein italienisches Lieblingseiscafé, das „Eiscafé Venezia“, den ganzen Winter lang geschlossen ist. Gegen ein Eis in der kalten Jahreszeit hätte ich nämlich nichts.
Die Antwort auf diese Frage fand ich in dem wunderbaren Roman „Die Eismacher“ von dem niederländischen Bestsellerautor Ernest van der Kwast.
Venezia heißt auch das Eiscafé in dem Rotterdamer Stadtzentrum, in dem van der Kwast seine Familiengeschichte spielen lässt. Von morgens bis abends stehen der Eismacher und seine Frau hinter der Theke, immer gut gelaunt, immer geduldig, immer freundlich. Auch wenn in ihren Köpfen und im Hinterzimmer die Konflikte brodeln.

Eis macht glücklich, nicht nur, weil es süß, weich und lecker ist, sondern auch weil die Illusion stimmt. Denn wenn man sein Stück Glück genießt, kommt man nicht auf die Idee zu überlegen, ob dieses Eis möglicherweise das Resultat von viel Arbeit und Aufopferung ist. Man kann es sich nicht einmal vorstellen, dass ein Moment Leichtigkeit nur möglich sein kann, weil andere gerade darauf verzichten.

Weiterlesen Die Eismacher von Ernest van der Kwast

Aktuell Gegenwartsliteratur Rezensionen Roman