Schlagwort: Identitätssuche

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„Wir wollen kein weiches Begräbnis!“

Nach dem Lesen vom „Wuhan Diary“ habe ich mich sehr für dessen Autorin, die bekannte chinesische Schriftstellerin Fang Fang, interessiert. Leider sind Informationen über sie nicht so einfach zu finden. Aus diesem Grund habe ich mich gefreut, als vor kurzem ein weiteres Buch von ihr auf Deutsch im Verlag Hoffmann und Campe erschienen ist: „Weiches Begräbnis“. Für mich stand fest, dass ich dieses Buch lesen muss!

Warum „weiches Begräbnis“. Das war das Erste, was ich mich gefragt habe, als ich den Titel las. Was ist das? Was bedeutet es? So ein Titel klingt vielleicht romantisch. Beim Lesen aber habe ich gelernt, dass darunter sich eine Grausamkeit verbirgt. Ein weiches Begräbnis wünscht sich kein Mensch chinesischen Ursprungs. Ein Begräbnis ohne Sarg, der Körper im direkten Kontakt mit der Erde, ist eine unzumutbare Sache, eine große Ungerechtigkeit. Wer ohne Sarg begraben wird, wer keine würdige Beerdigung bekommt, kann nicht wieder geboren werden, der muss als klagender Geist bis in die Ewigkeit umherirren.

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Ich möchte auch eine Georgierin sein!

Ich muss immer wieder an dieses Buch denken. Selten hat mir eine Geschichte so viel Freude bereitet. So viel, dass ich mir beim Lesen gewünscht habe, selber Teil der Handlung, eine der Figuren darin zu sein.

Angelika Jodl hat mich mit „Laudatio auf eine kaukasische Kuh“ nicht nur sehr gut unterhalten, sie hat mich berührt und auch viel über das georgische Volk und dessen ganze Vielfalt beigebracht.

Mein erster Eindruck beim Lesen der ersten Seiten war, dass diese Autorin sich sehr gut in Sachen Georgien und Georgier auskennt. Gegen Ende war ich sogar davon überzeugt, dass Angelika Jodl eine echte georgische Seele besitzt. So authentisch und leidenschaftlich beschreibt sie das Leben und den Charakter der Menschen im Kaukasus.

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Inspirierend

Vor vier Jahren habe ich ein Buch gelesen, das ich in jeder Hinsicht perfekt gefunden habe, und über das ich sagte, dass es das Buch wäre, das ich hätte schreiben wollen. Dieses Buch heißt „Euphoria“ und dessen Autorin Lily King.

Jetzt halte ich ihr neuestes Werk in den Händen und muss staunen. „Writers & Lovers“ ist in allen Aspekten ein komplett anderes Buch als „Euphoria“. Es ist eine sehr persönliche Geschichte. Beim Lesen musste ich immer wieder daran denken, was Lily King über dieses, ihr neuestes Buch sagte: Es ist der Roman, den sie vor 30 Jahren so vermisst hat, der Roman, den sie vor 30 Jahren hätte schreiben wollen.

Es muss etwas ganz Besonderes sein, endlich das eine Buch geschrieben zu haben, mit dem man sich komplett identifizieren kann, genau das geschrieben zu haben, was man schreiben wollte. Das klingt vielleicht einfach, aber wenn man liest, was Lily King zur Entstehung des Romans erzählt, wird einem klar, dass das nicht so ist.

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Casey, ihr Hauptcharakter, ist eine tragische Figur. Kein Glück im Leben. Seit Jahren wechselt sie ihre (mittelmäßigen) Jobs, ihr Schuldenberg wächst stetig, Männer sind nicht zuverlässig in der Liebe, krankenversichert zu sein ist eine Chimäre und ihre Mutter, die Person, der sie sich am engsten verbunden fühlte, ist tot. Aber Casey bleibt in einer einzigen Sache konsequent: Sie schreibt und sie glaubt daran, dass sie schreiben kann.

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Blick hinter die glamouröse Fassade des Kolonialismus

Die britische Schriftstellerin Kat Gordon hatte mit ihrem Roman „Kenia Valley“ eine Überraschung für mich parat.
Orte, Geschichte und Romancharaktere haben mich in das Kenia der 20er und 30er Jahre versetzt. Auf den ersten Blick sieht man eine glamouröse Welt, typisch für die britischen Kolonien. Geld, weiße Stoffe, geräumige Häuser, Tee in Porzellantassen, eine Atmosphäre wie in „Der große Gatsby“, alles vor der imposanten Kulisse der afrikanischen Savanne. Das allein würde reichen für einen Roman über das Afrika in der Kolonialzeit. Für Kat Gordon ist das nicht genug. Sie möchte noch viel mehr zeigen. Sie möchte, dass der Leser noch mehr sieht: was hinter dieser glamouröse Fassade steckt.
Der 15-jährige Theo ist ihr Mittel zum Zweck. Er kommt mit seiner Familie nach Kenia. Kurz danach darf er sich in exzentrischen Kreisen bewegen. Dabei lernt er ein anderes Gesicht Kenias kennen.

Jahrzehntelang hat Europa Kolonien in Afrika unterhalten. Nachdem die Menschen und die natürlichen Ressourcen ausgebeutet wurden, hinterließen die europäischen Mächte die Länder und deren Bewohner als Wrack zurück.
Kat Gordon beschreibt die Verhältnisse, die in der Blütezeit der britischen Herrschaft über Kenia dominierten. Die persönliche Entwicklung Theos ist ein Beispiel dafür, wie gewisse Umstände eines Landes – politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche – ein Individuum beeinflussen können.

Die Lektüre von „Kenia Valley“ habe ich sehr genossen, auch wenn mich die Autorin gegen Ende mit einer bösen Überraschung leicht frustriert hat. Aber nicht immer verläuft die Handlung, wie es sich der Leser wünscht. Und für Überraschungen, egal welcher Art, bin ich immer bereit.

Atlantik
Gebundene Ausgabe
432 Seiten
Erscheinungsdatum: 24. April 2018
Preis: EUR 20,00
ISBN: 978-3455002775

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Chèvre à la japonaise

Nach seinem Erfolgsroman „Kirschblüten und rote Bohnen“ kommt Durian Sukegawa mit einer neuen Geschichte zurück, die die Leser wieder auf eine Reise in sein Heimatland Japan entführt.

Für seinen neuen Roman hat Sukegawa eine fiktive Insel im japanischen Archipel gewählt. Auf dieser Insel, die, auch wenn sehr klein, eine beeindruckende Natur aufweist, lebt eine überschaubare Anzahl von Menschen, die eine eingeschworene Gemeinschaft bilden und uralte Traditionen pflegen.
Ryosuke, der einsame und von Selbstmordgedanken geplagte Held von „Die Insel der Freundschaft“, landet in dieser für ihn kompletten neuen Welt. Dort sucht er nicht nur Seelenfrieden sondern auch Antworten auf viele Fragen, die seine Existenz quälen.
Wie in Sukegawas vorherigem Roman ist der Hauptcharakter von „Die Insel der Freundschaft“ ein mit seinem Leben unzufriedener Mann, der keinen rechten Zugang zu anderen Menschen finden kann, und der im Laufe der Geschichte eine lebensverändernde Erfahrung macht.

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Von Odessa bis Istanbul

Normalerweise entsteht meine Meinung zu einem Buch, während ich es lese. Oft erst, nachdem ich am Ende angelangt bin und es zugeklappt habe.
Selten geschieht es, dass ich eine Geschichte immer besser finde, je länger ich über sie nachdenke. Ich merke es daran, dass ich sie nicht mehr aus dem Kopf bekomme, und dass ich das Bedürfnis habe, darüber zu sprechen.
„Außer sich“ von Sasha Marianna Salzmann habe ich schon vor Tagen gelesen, und mit jedem Tag, der vergeht, wächst meine Begeisterung für diesen Roman und meine Bewunderung für die Autorin, die mit diesem ihrem Debüt ein großes erzählerisches Talent erweist.

Identitätskrise, Suche nach dem wahren Ich, auf den Spuren der eigenen Wurzeln, Suche nach dem Ort, in dem man wirklich zu Hause ist. Viele Bücher über diese Themen habe ich gelesen, darunter auch sehr gute, aber keins so rätselhaft wie dieses.

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Ein deutsches Herz, ein türkisches Herz

Wer nicht an die Liebe glaubt, wird es spätestens nach dem Lesen von „Die Farben im Spiegel“ tun. Dieses Buch ist der zweite Erwachsenenroman von der deutsch-türkischen Autorin Deniz Selek.

Mit ihrem Roman „Die Frauen vom Meer“ hat mich Deniz Selek sehr berührt. Diese Geschichte, von den Frauen in ihrer Familie inspiriert, zeigt, wie unmissverständlich sie ihren Ursprung als Deutsche und Türkin lebt.
Jetzt mit „Die Farben im Spiegel“ stellt sie uns ein ganz anderes Thema vor. Die Handlungsorte, hauptsächlich Hannover und Istanbul, wie in allen ihren Büchern, zeigen, wie verbunden Deniz Selek sich ihren Heimatorten fühlt.
Mit „Die Farben im Spiegel“ hat sie einen Liebesroman geschrieben. Keinen gewöhnlichen oder durchschnittlichen Liebesroman, sondern einen, der gleichzeitig zeigt, was es bedeutet, zu zwei so unterschiedlichen Kulturen zu gehören. Denn dies gehört zu dieser Liebesgeschichte zwischen Alev und Koray dazu. Sie findet nämlich in zwei Städten, zwei Ländern, zwei Kontinenten statt. Und unglaublicherweise sind diese räumliche Distanz und auch die langen Zeitspannen die, die diese zwei Menschen trennen, aber auch genau das, was sie immer wieder zusammen bringt.

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Cathys Museum

Eine Engländerin hat einen Roman geschrieben, den ich als außergewöhnlichen Berlin-Roman bezeichnen würde, und den ich bestimmt sehr lange in Erinnerung behalten werde.
„Museum der Erinnerung „ heißt dieses Buch, bei dem ich eine starke Sehnsucht nach Berlin gespürt habe. Als Kulisse für ihre Geschichte hat Anna Stothard das Berliner Museum für Naturkunde gewählt. Aus meiner Sicht eine geniale Entscheidung, denn diese monumentale Einrichtung bietet die perfekte Bühne für die dramatische Handlung in diesem Roman. Nicht nur die Dimensionen des Gebäudes sondern die Art von Exponaten, die darin ausgestellt werden und die Beschaffenheit der Räumlichkeiten – einer klassischen naturkundlichen Sammlung – bilden die perfekte Szenerie für eine spannende Entwicklung.

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Ganz nach meinem Geschmack!

Eva Thorvald hinterlässt bei jedem Menschen, der ihr begegnet, einen bleibenden Eindruck, sogar bei flüchtigen Begegnungen. Das liegt daran, dass sie eine gewisse, schwer zu deutende Ausstrahlung hat, der man sich nicht entziehen kann.

J. Ryan Stradal hat die Figur von Eva Thorvald kreiert und hat die Menschen, die sie im Laufe ihres Lebens bewusst oder unbewusst beeinflusst hat, in seinem Debütroman „Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens“ zu Wort kommen lassen.
Jede ihrer Geschichten beinhaltet einen direkten oder indirekten Blick auf Eva. Es sind Erfolgs- oder Versagensgeschichten, und in allen spielt sie eine Rolle. Indem diese Menschen über ihre Leben berichten, erzählen sie auch über Evas Leben. Ihre Person wird aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet, und genau das ist das Besondere und Spannende an diesem Roman.

Viele Perspektiven, viele Schicksale und eine Gemeinsamkeit in Form einer Person: Eva Thorvald.
„Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens“ ist ein Buch ganz nach meinem Geschmack: Charismatische Figuren, die sich tief in das Herz des Lesers einnisten, um lange da zu verweilen, eine interessante Handlung mit einem unerwarteten Ende und ein Schreibstil, der mit jeder Seite besser wird.

„Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens“ ist eine schöne und warme Geschichte voll mit Überraschungen, an die ich sehr lange denken werde. Mehr kann man von einem Buch eigentlich nicht erwarten.

Diogenes
Gebundene Ausgabe
432 Seiten
Erscheinungsdatum: 24. August 2016
Preis: EUR 24,00
ISBN: 978-3257069754

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Alles andere als Alltäglich!

Lucy Schröder hat viel zu lernen in Sachen „Umgang mit Menschen“. Sie selber glaubt nicht daran, wird aber von ihrem Therapeuten leider dazu gezwungen, sonst muss sie in die Psychiatrie. Selbstverständlich hat sie dazu keine Lust. Wer würde denn diese Alternative vorziehen? Also überlegt Lucy, wie sie sich am besten selber helfen kann, wenn möglich, mit dem geringsten Aufwand.
Lucy Schröder ist die neue, außergewöhnliche, sogar gewöhnungsbedürftige, aber durch und durch liebenswerte Heldin von Susann Rehleins Roman „Lucy Schröders gesammelte Wahrheiten“.

Lucy würde am liebsten nur zu Hause bleiben und auf ihrem Futon liegend die Decke anstarren. Leider sitzt ihr der Psychologe mit seinem idiotischen Auftrag im Nacken, und so viel Zeit hat sie nicht mehr, um ihm vorzuweisen, dass mit ihr alles in Ordnung ist.
Als Erstes, bevor sie anfängt zu üben, Menschen kennen zu lernen, braucht sie eine neue Hose. Im Kaufhaus Schönstedt findet sie bestimmt eine. Mit dem ersten Schritt Richtung Kaufhaus fängt Lucys größtes Abenteuer an!

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