Schlagwort: Judentum

410EXLBGfPLDer Große Zabbatini neu entdeckt

Es gibt Bücher, von denen man nicht ahnen kann, dass sie mit jeder Seite immer besser werden, und wenn man denkt, es gibt keine Steigerungen mehr, kommt das fulminante Ende, das diese Bücher zu einem unvergesslichen Ereignis macht.
„Der Trick“ werde ich wegen so eines Endes nicht vergessen. Was als harmlose und lustige Geschichte mit kuriosen Figuren anfängt, entwickelt sich zu einem Drama, von dem man nicht mehr loslassen kann. Das Ganze wird von einem unerwarteten und völlig überraschenden Ende gekrönt. Solche Überraschungen liebe ich. Besonders gut finde ich es, wenn der Autor mich mit seiner Auflösung perplex hinterlässt. Immer wieder musste ich in diesem Buch auf der Suche nach Hinweisen zurückblättern, die ich übersehen habe, und um die Fähigkeit des Autors zu bewundern, falsche Fährten zu legen.

Aktuell Gegenwartsliteratur Rezensionen Roman

av_gerlof_geschichte_rz.inddDer Jude ist wieder da

Das Leben nach dem Mauerfall hatten sich die Anwohner der Salomon-Weinreb-Straße ganz anders vorgestellt. Besser, einfacher, auf jeden Fall im Einklang mit Helmut Kohls „blühenden Landschaften“.
Die Salomon-Weinreb-Straße befindet sich in einem Dorf in der ehemaligen DDR, und deren Anwohner leben in der Angst, ihre Häuser zu verlieren. Die Erben des Straßennamengebers haben Anspruch auf Besitz aller Grundstücke erhoben, die sich in dieser Straße befinden.

Die Sache ist sehr kompliziert. Man muss sich wehren, gegen den Juden, der wieder da ist, judenfeindlich darf man aber dabei nicht wirken. Man möchte nur da wohnen bleiben, wo man immer gewohnt hat, schließlich trägt man keine Schuld am Genozid, und nur die Tatsache, DDR-Bürger gewesen zu sein, ist schon so etwas wie eine Garantie, dass man kein Antisemit ist.

In Kathrin Gerlofs genialem Roman „Das ist eine Geschichte“ kommen die Anwohner der Salomon-Weinreb-Straße zu Wort. Es sind nicht nur die Menschen, die immer da gewohnt haben, auch zugezogene „Wessis“, die versuchen, in den neuen Bundesländern ihr Glück zu finden, wissen nicht mehr, wie es weiter gehen soll. Aber nicht nur über die bösen Überraschungen, die die Neunziger parat hatten, berichten sie, auch erzählen sie über persönliche Niederlagen und unerfüllte Träume. Plötzlich fühlen sich alle durch diese so komplizierte Angelegenheit um Besitzansprüche bis in ihrem Inneren erschüttert. Sogar diejenigen, die überzeugt waren, nur Außenstehende und komplett ohne Schuld zu sein, entdecken den eigenen persönlichen Juden in der Familiengeschichte.
Auch der Namensgeber der Straße kommt zu Wort. Postum, selbstverständlich, und unfreiwillig, aber es geht um ihn, um seine Straße, um seine Erben, und am Ende ist es einfach immer so, dass je mehr man über die Vergangenheit weiß, desto besser versteht man, warum alles in der Gegenwart so ist, wie es ist.

„Das ist eine Geschichte“ ist ein wahres Highlight, brillant erzählt in einem einmaligen Stil. Wirkungsvolle klare Sätze, prägnant, und für jeden Anwohner der Salomon-Weinreb-Straße eine eigene Stimme.
Nachdem ich dieses Buch gelesen habe, bin ich voller Bewunderung für Kathrin Gerlof und ihr Werk.

Aufbau Verlag
Gebundene Ausgabe
396 Seiten
Erscheinungsdatum: 17. Februar 2014
Preis: EUR 19,99
ISBN: 978-3351035631

Aktuell Gegenwartsliteratur Rezensionen Roman

wo-bist-du-motek-080272030Überraschend berührend

Wenn ein Israeli sich auf die Suche nach seinen Wurzeln in Deutschland begibt, kann es für mich nur interessant werden, vor allem wenn diese Suche in Berlin stattfindet.
Dieser Israeli ist Ilan Goren, als Europakorrespondent nach Berlin geschickt worden, kurz nachdem seine halbdeutsche Mutter gestorben war.
In Berlin wartet auf ihn nicht nur aufregendes Material für Reportagen, sondern auch das Erbe seiner Großmutter: das Tagebuch seines polnischen Ur-Großvaters, der genau wie er nach Berlin ging, um Neues zu erleben, und als Jude auch einiges zu erzählen hatte.
In diesem Tagebuch findet Ilan seine Wurzeln, die Geschichte seiner Ahnen.
Während Ilan ein Berliner Abenteuer nach dem anderen erlebt, liest er in seiner Freizeit das Tagebuch seines Ur-Großvaters. Und was er dabei erfährt, übertrifft seine ganzen Vorstellungen.

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Die-Arglosen-9783036956756_xxlKeine Überraschungen

Ein junger Mann möchte die Liebe seines Lebens heiraten. Eine andere junge Frau erscheint und schon ist er sich nicht mehr so sicher, dass seine Entscheidung zu heiraten die richtige ist.
Diese Geschichte, obwohl sie in der Literatur oft vorkommt, klingt interessant. Dass dieser junge Mann und seine zukünftige Frau aus jüdischen Londoner Familien stammen, machte das Ganze noch interessanter für mich.
Es handelt sich um „Die Arglosen“ von Francesca Segal.
Francesca Segal ist die Tochter von dem berühmten US-amerikanischen Bestseller- und Drehbuchautor Erich Segal („Love Story“). Sie ist in London geboren und wuchs abwechselnd in New York und London auf, und gilt in Großbritannien als aufsteigender Stern der englischen Gegenwartsliteratur.
Ich meinerseits wollte auf keinen Fall zulassen, dass „Die Arglosen“ an mir vorbeiging. Ich musste es lesen.

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av_wrobel_hannah_rz.inddEinfühlungskraft und Leidenschaft

Europa zwischen zwei Weltkriegen. Der alte Kontinent ist demontiert. Der Frieden nach dem Ersten Weltkrieg bereitet den Boden für den Zweiten Weltkrieg. Politisch und wirtschaftlich ist Europa am Ende. Populisten und Demagogen nutzen die Lage, um die Macht zu ergreifen.
Für viele ist die Flucht die einzige Lösung. Weg von dem Faschismus, weg von der großen Armut.
Für die jüdischen Bewohner Europas war dies eine besonders harte Zeit: Für die gut situierten, die es nicht geschafft haben, ihren Reichtum zu sichern und für die verarmten Juden aus Ost-Europa, die nur weg von dem Elend wollten. Es galt nur, ein neues Leben anzufangen.
Der amerikanische Kontinent war das perfekte Ziel. Junge Länder mit Opportunitäten für einen neuen Anfang. Brasilien bot diese Möglichkeit. Wie alle lateinamerikanischen Länder entstand Brasilien aus der Zusammenkunft verschiedenster Ethnien und Kulturen.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kann Brasilien in seiner kurzen Geschichte als Nation viel souveräner mit Multikultur und Einwanderung umgehen als das von Nationalismus geprägte und bestimmte uralte Europa.

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