Schlagwort: Multiperspektive

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Gut gemacht, Herr Agualusa!

Ich glaube, ich habe mein Highlight des Jahres gefunden: „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“, einen genialen Roman, der in einem afrikanischen Land spielt, von dem ich bisher nur das wusste, worüber in den Nachrichten berichtet wurde, Angola.

Der angolanische Schriftsteller José Eduardo Agualusa hat ein Buch geschrieben, dessen Protagonistin für Furore sorgt, indem sie wie Robinson Crusoe 30 Jahre lang allein und isoliert in ihrer eigenen Wohnung gelebt hat.

„Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ ist ein faszinierendes Buch mit einer sehr ungewöhnlichen Heldin (im wahrsten Sinne des Wortes) und einer sehr originellen Handlung mit mehreren überraschenden Wendungen, die bei mir große Begeisterung ausgelöst haben.

Aktuell Gegenwartsliteratur Rezensionen Roman

9783832197834Treppen hoch, Treppen runter und ein ahnungsloser Fisch

Der Freifall eines Fisches aus dem letzten Stock eines Hochhauses dauert nur ein paar Sekunden. Bei 27 Stockwerken gibt es unzählige Fenster, die viel zu gucken anbieten, viele Ereignisse, die alle gleichzeitig stattfinden. Da das Gedächtnis eines Goldfisches praktisch gleich null ist – er hat ja nur ein winziges Goldfischgehirn -, erzählt uns Bradley Somer in „Der Tag, an dem der Goldfisch aus dem 27. Stock fiel“, was er während seines Falls sieht. Ian, so heißt der Fisch, sieht diese Ereignisse als Bilder, die vorbeiziehen, und die werden erst für den Leser interessant, sobald der Autor anfängt, zu beschreiben, wie diese zustande gekommen sind. Er erzählt uns alle Einzelheiten, die zu diesen Bildern führen. Und das fängt an, eine halbe Stunde bevor Ian fällt.

Dieses Buch wurde mir von einer Freundin ans Herz gelegt. Ihre große Begeisterung hat mich angesteckt und in mir große Erwartungen entstehen lassen, die sich schon in den ersten Seiten erfüllt haben. Ich habe es sehr gerne gelesen und ich fand es so schön, dass ich die Lektüre nur unterbrochen habe, wenn es wirklich notwendig war.

Gegenwartsliteratur Rezensionen Roman

81O62z5nY1L._SL1269_Einfach grandios!

Zwischen 1910 und 1930 verließen ungefähr 1,6 Millionen Menschen dunkler Hautfarbe – Afroamerikaner – ihr Zuhause in den Südstaaten der USA und zogen gen Norden. Sie suchten bessere Lebensbedingungen, sie flüchteten vor der Armut und vor dem Terror und der Gewalt, die von der weißen Bevölkerung ausging.
So kamen die junge Hattie und ihre Mutter nach Philadelphia, mit der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Hattie ist die zentrale Figur von Ayana Mathis‘ Roman „Zwölf Leben“.

In Philadelphia gründet Hattie eine Familie und bekommt elf Kinder. Ihr Leben ist ein nie endender Kampf ums Überleben und auch ihre Kinder müssen Opfer bringen.
Über fünf Jahrzehnte in der Geschichte dieser Familie erzählt Ayana Mathis in zehn Kapiteln. Zwölf Menschen, die eine gemeinsame Geschichte haben und trotzdem ganz eigene Wege gehen.

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Reza_24482_MR.inddGlücklich die Glücklichen

Ja, das ist richtig, glücklich die Glücklichen, und nicht die Unglücklichen.

Yasmina Reza hat mit „Glücklich die Glücklichen“ einen außergewöhnlichen Roman mit gewöhnlichen Figuren geschrieben. Zumindest fast alle Charaktere scheinen ganz normale Menschen mit großen und kleinen Problemen zu sein.
Auf den ersten Blick scheint dieser Roman eine aneinander folgende Reihe von Szenen zu sein, die wenig miteinander zu tun haben. Bei fortgeschrittener Lektüre merkt man, wie geschickt die Autorin diese Szenen miteinander verbindet: Ein Detail, ein Name, ein vielleicht unbedeutendes Ereignis reichen, damit der Leser plötzlich innehält (vielleicht sogar stutzig wird) und zurückblättert, um nach der Verbindung zwischen Charakteren und Geschehnissen zu suchen.

Manche Szenen dieses Buches sind großartig in ihrer alltäglichen Absurdität, andere beschreiben die Gedanken mancher Figuren sehr genau und liefern so Erklärungen für einige Verhaltensweisen, die uns ein paar Kapitel zuvor unlogisch erschienen.

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17594The Lullaby of Polish Girls

Dagmara Dominczyk hat ein polnisches Liebeslied geschrieben: „Wir träumten jeden Sommer“.

Wie ein Liebeslied lässt sich dieses Buch von der in New York lebenden polnischen Autorin lesen. Man spürt die Liebe und die Verbundenheit zur polnischen Heimat auf jeder Seite.
Dagmara Dominczyk erzählt die Geschichten dreier junger Frauen, die aus demselben kleinen polnischen Dorf stammen. Beim Lesen merkt man, dass dies die einzige Gemeinsamkeit, trotz Freundschaft, zwischen den Frauen ist.
Dennoch finden sie immer wieder zu einander, auch dann, wenn Zeit und Distanz sie noch unterschiedlicher gemacht haben.

Sehr interessant ist der Aufbau des Romans. Aus den drei Perspektiven der jungen Frauen wird erzählt, abwechselnd in der Vergangenheit und in der Gegenwart.

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RSEUEMBM2MGViele Schicksale, eine Geschichte

Nachdem ich „Traumsammler“ von Khaled Hosseini gelesen hatte, habe ich mich gefragt, wie kann es sein, dass ich nicht früher auf ihn aufmerksam geworden bin. Schließlich ist dies nicht sein erster internationaler Bestseller.

Die Handlung dieses Buches, die wie ein Märchen beginnt, gewinnt an Dramatik schon kurz nach dem Anfang, und hat mich immer wieder sehr mitgenommen. Wie erschlagen fühlte ich mich beim Lesen der vielen Schicksale der Figuren in Hosseinis Roman.
Die Geschichte zweier Geschwister, die zu früh im Leben getrennt wurden, wird erzählt.
Das Leben dieser Kinder gilt für Hosseini als Motiv und auch als Auftakt, um über viele andere Schicksale zu berichten, die unmittelbar mit dem Land Afghanistan verwandt sind.

Afghanistan ist ein eindrucksvolles Land, das fortlaufend Zentrum für internationale Konflikte wurde. Auch die Regierungen im 20. Jahrhundert, die immer eine extreme Politik vertraten, prägten dieses Land: vom westlich orientierten autoritären Schah bis zu radikal islamistischen Führern.

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1150395_413045612138484_1223347944_n„Nah oder fern gibt es nicht mehr,

… nur noch nah oder fremd.“

Unter dieser Prämisse hat Hannah Dübgen einen rührenden Roman über vier Junge Vertreter unserer globalisierten Welt geschrieben.
Vier junge Menschen, die sich auf der Oberfläche des Planeten bewegen, als gäbe es keine Grenzen, die selbstverständlich die Zeitzonen überqueren, um kurz ein Geschäft abzuschließen oder auf einem Klavier zu spielen.

Die Geschichten der vier Hauptprotagonisten sind so unterschiedlich, wie die Länder, in denen sie leben. Gemeinsam aber haben alle etwas: Sie leben nicht in dem Land, in dem sie geboren wurden und aufgewachsen sind. Dass das nicht die einzige Gemeinsamkeit ist, entdeckt der Leser langsam im Laufe der Geschichte.
Das Besondere an diesem Roman ist die Wirkung, die dieser auf dem Leser übt. Für mich besonders interessant waren die Entdeckung mancher Ähnlichkeiten mit meiner Person und meiner Lebensweise und eines Empfindens von Verbundenheit mit einer bestimmten Figur. Und gerade diese Verbundenheit wurde für mich der wichtigste Grund, um weiter zu lesen.

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Eva-Manesse-Quasikristalle„Ich bin für nichts verantwortlich und nie mehr allein“

Die Tatsache, dass ich prinzipiell jedes Buch, das ich anfange, zu Ende lesen muss, hat mir häufig qualvolle Stunden bereitet.
Aber nicht immer hat mich mein Prinzip, ein Buch bis zum Ende lesen zu müssen, im Stich gelassen. Oft hat es sich sogar gelohnt.
Bei „Quasikristalle“ von Eva Menasse war ich sogar sehr froh, prinzipientreu zu sein. Nach einem etwas schwierigen Einstieg durfte ich auf den Genuss eines sehr außergewöhnlichen Buches mit einem besonderen und originellen Schreibstil kommen.

Die Geschichte einer Frau wird erzählt, ohne dass diese den Mittelpunkt der Erzählung bildet. Indem Eva Menasse Geschichten über Lebensumstände verschiedener Menschen erzählt, erfahren wir in indirekter Form, wer diese Frau ist. Wir lesen nicht über sie, sondern über die Wirkung ihrer Person auf die Umwelt. Nach und nach entsteht ein vollständiges Bild, aus den vielen Begegnungen und Erfahrungen mit unterschiedlichen Menschen zusammengesetzt.

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