Schlagwort: Neuerscheinung

Kriege, Säuberungen und Auslöschungen

Selten hat mich ein Buch so herausgefordert wie der Roman „Belladonna“ der kroatischen Schriftstellerin Daša Drndić.

In diesem Buch erzählt sie über den 65-jährigen Andreas Ban, der eine große Angst vor der Pensionierung hat. Er weiß, dass ein Rentner in seiner Heimat Kroatien keine Perspektiven hat, er weiß, dass seine Rente nicht reichen wird und er möchte sich nicht nur von Dosensardinen ernähren. Aber am meisten hat er vor den Erinnerungen Angst. Seitdem er nicht mehr arbeiten muss, kommen die Erinnerungen hoch, an seine Kindheit, an die Zeit im Exil, nachdem er Belgrad vor dem Bürgerkrieg verlassen musste, und immer wieder muss er an den Nationalsozialismus denken, und an die Rolle, die sein eigenes Land dabei spielte.

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Unbeugsame Frauen

Die Schriftstellerin Katja Maybach hat mit ihrem neuesten Roman „Die Stunde unserer Mütter“ eine Geschichte über eine große Freundschaft zwischen zwei Frauen und ihren jeweiligen Töchtern geschrieben, die mich tief berührt hat. Zwei Frauen, so mutig und aufrichtig, dass man einen großen Respekt für sie empfinden muss.

Mitten im Zweiten Weltkrieg sehen sich Maria und ihre Schwägerin Vivien dazu gezwungen, zusammen zu leben. Sie bewältigen den Alltag in den schwierigen Zeiten und versuchen, das Beste aus ihrer Situation zu machen, obwohl sie es alles andere als einfach haben: Marias Mann, wie fast jeder andere Mann im Deutschland der 40er Jahre, kämpft an der Front, und Viviens Mann riskiert sein Leben, indem er Juden versteckt.
Maria und ihre Tochter Anna, und Vivien und ihre Tochter Antonia sind charakterstarke Romanfiguren, an die ich lange denken werde. Den Nationalsozialismus nehmen sie nicht als selbstverständlich hin und das Konzentrationslager, das praktisch vor ihrer Tür liegt, ignorieren sie nicht, wie es sonst Millionen Deutsche getan haben.

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Eine Geschichte, die nicht zu Ende gehen soll

Die Osmanen waren dafür bekannt, dass sie alles andere als geizig waren. Am Essen vor allem haben sie nicht gespart, aus der einfachsten Mahlzeit haben sie ein Fest gemacht. Von ihren Köchen haben die Sultane alles und noch mehr verlangt. Das Beste vom Besten war für sie nicht gut genug. Um den Ansprüchen des Sultans gerecht zu werden und die Produktion gigantischer Mengen von Speisen zu garantieren – 4000 Serailbewohner mussten satt zu kriegen sein -, hatte die Residenz des Sultans, der Topkapı-Palast, mehrere Küchen und hunderte von Köchen. Allein dem Sultan standen 32 unterschiedliche Gerichte pro Mahlzeit zu.

Eines Tages kommt ein Mann in die Palastküchen. Mit seinen Kochkünsten verschafft er sich spielend leicht Zugang zu diesen heiligen Räumen. In kürzester Zeit gelingt ihm etwas, worauf andere ein ganzes Leben lang hinarbeiten müssen: für den Sultan persönlich zu kochen.
Allerdings verfolgt dieser Mann ein ganz anderes Ziel, als nur für den Monarch kochen zu dürfen.
Wer ist dieser begabte Küchenmeister und was sind seine Pläne?

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Eine Affäre ist eine Affäre ist eine Affäre…

Zum Thema „fremdgehen“ habe ich schon alle möglichen Meinungen gehört. Eine Freundin sagte einmal, „so eine Erfahrung sollte eigentlich jeder machen dürfen“. Von einigen männlichen Bekannten hörte ich schon oft, dass „fremdgehen erst dann anfängt, wenn man sich verliebt, alles andere zählt nicht“. Ich persönlich finde dieses Thema in der Literatur äußerst interessant. Wenn Verheiratete eine Affäre anfangen, entscheiden sie sich für Lügen und Versteckspiele. Viel Material für spannende Romane!

Mireille Zindels Roman „Kreuzfahrt“ ist die sehr persönliche und intime Beschreibung der Gefühle einer verheirateten Frau, die sich in ihren Nachbarn verliebt. Von der ersten Begegnung an erzählt sie ihre Geschichte und schildert in detaillierten Eintragungen alles, was in ihrem Inneren geschieht. Sie erzählt es dem Mann, mit dem sie sich eine Affäre wünscht.

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„Seine Welt war das Eiscafé, meine begann dort, wo die Terrasse aufhörte“

Ich habe mich immer gefragt, warum mein italienisches Lieblingseiscafé, das „Eiscafé Venezia“, den ganzen Winter lang geschlossen ist. Gegen ein Eis in der kalten Jahreszeit hätte ich nämlich nichts.
Die Antwort auf diese Frage fand ich in dem wunderbaren Roman „Die Eismacher“ von dem niederländischen Bestsellerautor Ernest van der Kwast.
Venezia heißt auch das Eiscafé in dem Rotterdamer Stadtzentrum, in dem van der Kwast seine Familiengeschichte spielen lässt. Von morgens bis abends stehen der Eismacher und seine Frau hinter der Theke, immer gut gelaunt, immer geduldig, immer freundlich. Auch wenn in ihren Köpfen und im Hinterzimmer die Konflikte brodeln.

Eis macht glücklich, nicht nur, weil es süß, weich und lecker ist, sondern auch weil die Illusion stimmt. Denn wenn man sein Stück Glück genießt, kommt man nicht auf die Idee zu überlegen, ob dieses Eis möglicherweise das Resultat von viel Arbeit und Aufopferung ist. Man kann es sich nicht einmal vorstellen, dass ein Moment Leichtigkeit nur möglich sein kann, weil andere gerade darauf verzichten.

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Dorayaki statt Popcorn

An ist eine asiatische Köstlichkeit. Die aus roten Bohnen hergestellte süße Paste ist wichtiger Bestandteil von japanischen Süßwaren. Ganz beliebt sind Dorayaki, kleine mit An gefüllte japanische Pfannkuchen.
Sentaro arbeitet jeden Tag in einem Imbiss unter einem Kirschbaum und backt Pfannkuchen, die er mit industriell hergestelltem An füllt. Jeden Tag steht er auf und führt tagsüber seinen eintönigen Job aus und abends betrinkt er sich. Bis eines Tages die 70-jährige Tokue vor seinem Imbiss erscheint und ihm zeigt, wie man An selber herstellt. Bohnen einweichen, kochen, Zucker dazu, rühren rühren rühren, aufpassen, dass sie nicht verbrennen. Sentaros Leben ändert sich von einem Tag zu dem anderen. Die Zubereitung der Bohnen beschäftigt ihn intensiv, aber es lohnt sich, die Paste schmeckt außerordentlich gut! Er fängt an, seine Arbeit zu schätzen.

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51ER1OrmrLLZwiespältige Gefühle

Wenn ich mir die Welt in 15 Jahren vorstelle, sehe ich keinen großen Unterschied zu unserer heutigen. Vor 15 Jahren sah sie auch nicht ganz anders aus. Und auch wenn wir mittedrin im 21. Jahrhundert sind, fliegen noch keine Autos zwischen den Wolken, vor Krebs fürchtet man sich nach wie vor und alt werden wir immer noch. Alles anders, als viele Zukunftsvisionäre es vorausgesagt haben. Karen Duve vertritt in dieser Hinsicht eine andere Auffassung. In ihrer Vorstellung nehmen die Menschen sogar Krebs gerne in Kauf, um mittels hochmoderner Medikamente ewig jung bleiben zu können. Leider hat das Wort „ewig“ für sie eine ganz andere Bedeutung als für uns. In Karen Duves neuestem Roman „Macht“ gibt es keine Zukunft mehr. 2031 läuft die Ewigkeit nach maximal fünf Jahren ab.

Unglaublich verrückte Sachen, wie Frauen an der Macht als Staatsform, CO₂-Punkte statt Geschenkgutscheine, salonfähige Hasstiraden gegen Fleischfresser und Fahrradhelm- pflicht, sind Normalität im Jahr 2031. Frauenfreund, Vegetarier, Umweltschützer und Softie Sebastian zeigt uns diese Welt aus seiner ganz persönlichen Perspektive. Der 70-Jährige, der durch regelmäßige Einnahme von Verjüngungspillen wie Mitte 30 aussieht, träumt von der Vergangenheit. Er kannte ja eine Welt ohne Handys und eine Kindheit ohne Fernbedienung. Oh, eigentlich ist er ein sympathischer und knuffiger Typ.

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@Aba
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Ein verrückter Pfau und viele überforderte Menschen

In einem Anwesen in den idyllischen schottischen Highlands geschehen seltsame Dinge. Jeder der Akteure ist Zeuge von irgendwelchem Ereignis, das er sich nicht ganz erklären kann, zieht eigene Rückschlüsse und schweigt. Bis zum Ende.

Als ich klein war, sind wir immer in einem schönen Park spazieren gegangen, in dem viele Pfauen frei liefen. Einer von ihnen war immer sehr aggressiv, komischerweise im selben Moment, als er seine prächtige Federkrone ausgebreitet hat. Ich hatte Angst vor ihm.
An ihn musste ich auch denken, als ich gelesen habe, wie Isabel Bogdans Pfau verrückt geworden war. In ihrem Debütroman „Der Pfau“ kann man lesen, was für ein Durcheinander ein einziges (verrücktes) Tier verursachen kann. Ein Durcheinander, das durch bestimmte menschliche Verhaltensweisen noch größer wird und zu unglaublich komischen Situationen führt, die für den Leser äußerst lustig sind, nicht aber für die Beteiligten. Lauter Missverständnisse, die bis zu Halb-Katastrophen reichen, und das alles wegen eines Pfaus…

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9783462047240Altersheim? Nein, danke!

Wenn ich alt werde, möchte ich auf gar keinen Fall in ein Altersheim gehen (müssen). Auch nicht dann, wenn es sich „Seniorenresidenz“ nennt.
Das Lesen von „Rotwein für drei alte Damen oder Warum starb der junge Koch?“ von der finnischen Autorin Minna Lindgren hat am meinen Vorhaben nichts geändert. Es könnte auch noch sein, dass man ein mysteriöses Seniorenheim mit zwielichtigem Pflegepersonal erwischt.

Die 90-jährige Siiri hat ein Hobby, das auch sehr gut zu mir passen würde: ziellos mit der Straßenbahn fahren und Sehenswürdigkeiten bewundern. Aber Siiri hat mehr Glück als ich, sie wohnt im schönen Helsinki. Weniger Glück hatte sie offensichtlich bei der Wahl ihres Domizils. In der Seniorenresidenz „Abendhein“ geschehen seltsame Dinge. Aber erst als ihre gute Freundin Irma betroffen ist, wird Siiri klar, dass hinter dem ganzen Mysterium ein ganz konkreter Plan stecken muss.

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978-3-552-06257-3_2145712185-66Ein sympathischer Versager

Daniel Glattauer schreibt unvergessliche und berührende Geschichten, mit Figuren, die wissen, wie sie sich langsam aber sicher in das Herz des Lesers einnisten. Mit Gerold Plassek, einem alkoholabhängigen und mittelmäßigen Journalisten ohne Ambitionen, ist ihm mal wieder eine Figur gelungen, die an Liebenswürdigkeit und schrägem Charme kaum zu übertreffen ist.
Gerold Plassek ist der eigenbrötlerische Held von Glattauers neuestem Roman „Geschenkt“.

In „Geschenkt“ wird die Geschichte eines Wunders erzählt. In Wien verschenkt ein anonymer Spender 10.000 € an ein Obdachlosenheim, nachdem Plassek darüber berichtet hat. Für Plassek, der sich als Versager in allen Bereichen seines Lebens betrachtet, ist das ein kleiner Erfolg in seinem bedeutungslosen Dasein. Außer dem Alkohol gibt es kaum etwas, das ihn motiviert. Trotzdem gibt es ein paar Menschen in seiner persönlichen Umgebung, die für ihn wichtig sind, aber die Beziehungen, die er zu ihnen pflegt, kann man nicht einmal als solche bezeichnen. Erst im Zusammenhang mit dieser mysteriösen Spende ändert sich das.

Auch wenn es sich etwas schnulzig anhören könnte, ist dieser Roman alles andere als das. Ohne an Herzlichkeit zu verlieren, sprühen Plasseks Gedanken und auch oft die Dialoge im Buch vor Ironie und Selbstspott. Gerade die Tatsache, dass Plassek immer versucht, niemanden zu verletzen und diese Bissigkeit im Grunde nur gegen sich selbst richtet, macht ihn sehr sympathisch.

Wie kann der Leser einen Alkoholiker und Versager, einen Mann, der im nüchternen Zustand kaum fähig ist, menschliche Beziehungen aufzubauen und zu erhalten, am Ende ins Herz schließen?
Das schafft Glattauer.

„Geschenkt“ ist eine wunderbare Geschichte. Mit viel Herz und Humor hat Glattauer eine Figur geschaffen, die definitiv ein Publikumsliebling werden kann, einen Held in einem Märchen, das nichtsdestoweniger lebensnah bleibt.

Absolut empfehlenswert!

Deuticke
Gebundene Ausgabe
336 Seiten
Erscheinungsdatum: 25. August 2014
Preis: EUR 19,90
ISBN: 978-355206257

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