Schlagwort: Wien

51pbrvZzCbLDie ultimative Diät

Nie hätte ich gedacht, dass ein Buch mit dem Titel „Endlich Kokain“ eines meiner Highlights der letzten Monate werden könnte.
Die Geschichte von Stephan Braum, der sein Leben durch Kokain verändert hat, fand ich einfach mehr als nur gut!

Selbstverständlich ändert der Kokain-Konsum das Leben jedes Süchtigen. Allein die Tatsache, dass man für die Anschaffung des Stoffes einen Teil des Budgets reservieren muss, bedeutet, dass man in manchen Bereichen Abstriche machen muss, besonders dann, wenn man nicht gerade in Geld schwimmt.
Stephan Braum wollte vor allem sein Äußeres verändern. Der extrem Übergewichtige hat den für ihn entscheidenden Tipp bekommen: Kokain macht schlank. Das musste er am eigenen Körper testen, und am Geld sollte es nicht scheitern.

„Das Kokain, das er zuvor wohldosiert und verantwortungsvoll eingenommen hatte, garantierte ihm diese Stimmung“

Aktuell Gegenwartsliteratur Rezensionen Roman

978-3-552-06257-3_2145712185-66Ein sympathischer Versager

Daniel Glattauer schreibt unvergessliche und berührende Geschichten, mit Figuren, die wissen, wie sie sich langsam aber sicher in das Herz des Lesers einnisten. Mit Gerold Plassek, einem alkoholabhängigen und mittelmäßigen Journalisten ohne Ambitionen, ist ihm mal wieder eine Figur gelungen, die an Liebenswürdigkeit und schrägem Charme kaum zu übertreffen ist.
Gerold Plassek ist der eigenbrötlerische Held von Glattauers neuestem Roman „Geschenkt“.

In „Geschenkt“ wird die Geschichte eines Wunders erzählt. In Wien verschenkt ein anonymer Spender 10.000 € an ein Obdachlosenheim, nachdem Plassek darüber berichtet hat. Für Plassek, der sich als Versager in allen Bereichen seines Lebens betrachtet, ist das ein kleiner Erfolg in seinem bedeutungslosen Dasein. Außer dem Alkohol gibt es kaum etwas, das ihn motiviert. Trotzdem gibt es ein paar Menschen in seiner persönlichen Umgebung, die für ihn wichtig sind, aber die Beziehungen, die er zu ihnen pflegt, kann man nicht einmal als solche bezeichnen. Erst im Zusammenhang mit dieser mysteriösen Spende ändert sich das.

Auch wenn es sich etwas schnulzig anhören könnte, ist dieser Roman alles andere als das. Ohne an Herzlichkeit zu verlieren, sprühen Plasseks Gedanken und auch oft die Dialoge im Buch vor Ironie und Selbstspott. Gerade die Tatsache, dass Plassek immer versucht, niemanden zu verletzen und diese Bissigkeit im Grunde nur gegen sich selbst richtet, macht ihn sehr sympathisch.

Wie kann der Leser einen Alkoholiker und Versager, einen Mann, der im nüchternen Zustand kaum fähig ist, menschliche Beziehungen aufzubauen und zu erhalten, am Ende ins Herz schließen?
Das schafft Glattauer.

„Geschenkt“ ist eine wunderbare Geschichte. Mit viel Herz und Humor hat Glattauer eine Figur geschaffen, die definitiv ein Publikumsliebling werden kann, einen Held in einem Märchen, das nichtsdestoweniger lebensnah bleibt.

Absolut empfehlenswert!

Deuticke
Gebundene Ausgabe
336 Seiten
Erscheinungsdatum: 25. August 2014
Preis: EUR 19,90
ISBN: 978-355206257

Aktuell Rezensionen Roman Unterhaltungsliteratur

Köhlmeier_24178_MR2.inddEin Fremder mit nachhaltiger Wirkung

„Die Abenteuer des Joel Spazierer“ von Michael Köhlmeier ist eins dieser Bücher, die, auch wenn deren Handlung sehr verständlich und lückenlos ist, eine Menge zu lösende Rätsel hinterlassen.

Joel Spazierer ist ein Hochstapler. Mit seinem Charme und seiner Schönheit schafft er alles, was er sich vornimmt. Mehr braucht er nicht… seine Wirkung auf Menschen reicht für den Erfolg. Die detaillierte Beschreibung seines Lebens als Schwindler mit allen Höhen und Tiefen findet man in den Seiten dieses Buches.

Wie ich bereits erwähnt habe, hat dieses Buch Rätsel hinterlassen, und alle haben mit der Person Joel Spazierer zu tun. Und ich bin sicher, es war die Absicht des Autors, die Geschichte dieses Menschen zu erzählen, den Leser in allen dessen Geheimnisse einzuweihen, und ihm trotzdem das Gefühl zu vermitteln, dass Spazierer bis zum Ende ein Fremder bleibt. Das geschieht mit einer Geschichte, die in der ersten Person erzählt wird. Denn es ist Joel Spazierer, der alles über sich selber erzählt, und am Ende, nachdem wir seinen Lebenslauf und alle seine Gedanken kennen, entsteht keine Verbindung zwischen Leser und Hauptfigur. Joel Spazierer bleibt enigmatisch und vorhersehbar unvorhersehbar.

Gegenwartsliteratur Rezensionen Roman

9783351050023Arbeitslosigkeit als Lebensphilosophie

Die Wienerin mit dem klangvollen Namen Ruth Amsel ist arbeitslos, und das findet sie auch gut so. Sie hat Besseres zu tun als jeden Tag zur Arbeit gehen zu müssen. Sie hat viel Zeit, und damit kann sie viel anfangen. Zu Hause und auf der Straße gibt es viel zu tun und zu sehen. Wenn sie Geld braucht, geht sie einfach zur „Gesellschaft für Wiedereingliederung“ -bei der sie eine Karriere als Langzeitarbeitslose erfolgreich absolvieren möchte-, lehnt mit mehr oder weniger überzeugenden Argumenten ein paar Jobangebote ab, und dann ist sie für ein paar Tage wieder frei, um ihren Freizeitbeschäftigungen zu frönen: Leute beobachten, Wohnung putzen, sich mit der einzigen Freundin treffen.

Ruth Amsel ist eine Heldin ganz nach meinem Geschmack. Sie ist klug, unkonventionell und sucht einen Platz in der Gesellschaft, den es vielleicht gar nicht für sie gibt.

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Eva-Manesse-Quasikristalle„Ich bin für nichts verantwortlich und nie mehr allein“

Die Tatsache, dass ich prinzipiell jedes Buch, das ich anfange, zu Ende lesen muss, hat mir häufig qualvolle Stunden bereitet.
Aber nicht immer hat mich mein Prinzip, ein Buch bis zum Ende lesen zu müssen, im Stich gelassen. Oft hat es sich sogar gelohnt.
Bei „Quasikristalle“ von Eva Menasse war ich sogar sehr froh, prinzipientreu zu sein. Nach einem etwas schwierigen Einstieg durfte ich auf den Genuss eines sehr außergewöhnlichen Buches mit einem besonderen und originellen Schreibstil kommen.

Die Geschichte einer Frau wird erzählt, ohne dass diese den Mittelpunkt der Erzählung bildet. Indem Eva Menasse Geschichten über Lebensumstände verschiedener Menschen erzählt, erfahren wir in indirekter Form, wer diese Frau ist. Wir lesen nicht über sie, sondern über die Wirkung ihrer Person auf die Umwelt. Nach und nach entsteht ein vollständiges Bild, aus den vielen Begegnungen und Erfahrungen mit unterschiedlichen Menschen zusammengesetzt.

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Politically correct

Bevor ich Ali kennenlernte, hatte ich nie über etwas namens „Mohr im Hemd“ gehört. Das Internet hat ganz schnell die Antwort geliefert: „Mohr im Hemd“ ist, politically incorrect, der Name einer traditionellen österreichischen Süßspeise, deren Geschmack sicher besser ist, als ihr Name kling.
Aber es geht hier sicherlich nicht um diese Süßspeise, sondern um Ali, der auf jeden Fall sehr gern „Mohr im Hemd“ isst. Ali ist Asylbewerber, 15 Jahre alt und lebt ganz ohne Familie, in einem Asylbewerberheim in Wien.

In „Mohr in Hemd“ von Martin Horváth gewährt uns Ali einen Blick in dem Alltag der Bewohner eines Asylbewerberheims.
Ali, ein allwissender, hochbegabter 15-jähriger Flüchtling aus Afrika, öffnet uns die Türen zu diesem Asylbewerberheim und erzählt uns Geschichten über seine Mitbewohner, über ihr Leben in der Heimat vor der Flucht und über ihre Gründe, die sie dazu geführt haben, diese zu verlassen. Auch über die Ängste, die Albträume und über die Hoffnung auf eine Zukunft in Österreich, weit weg von den Gefahren von Krieg und Verfolgung.

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Quälend gut!

In der Regel lese ich abends im Bett, um mich zu entspannen und danach in einen erholsamen Schlaf zu sinken.
Da ich normalerweise keine blutigen Krimis oder grausamen Thriller lese, ist meist ein friedlicher Schlaf möglich. Dass es auch anders geht, musste ich vor kurzem am eigenen Leib erfahren. Ganz ohne Blut, ohne Mord und Totschlag und ohne Autoverfolgungsjagd hat mich ein Buch eine ganze Nacht lang wach gehalten.
„Ewig Dein“ von Daniel Glattauer heißt dieses Aufputschmittel, ein Buch, das ich in einem Rutsch gelesen habe… lesen musste!

Wer davon ausgeht, dass sich hinter dem Titel „Ewig Dein“ eine Liebesgeschichte verbirgt, der befindet sich auf dem Holzweg. Obwohl… um Liebe geht es allenfalls, aber um was für eine Liebe? Oder, ist das überhaupt Liebe?
So viel Zeit für Analyse hatte ich während der Lektüre jedoch nicht, denn mein einziges Ziel war es, endlich herauszufinden, ob die Geschichte ein gutes oder ein böses Ende hat.
Ja, extrem spannend ist dieser Roman. 206 Seiten einer Geschichte, auf die man schnell süchtig wird.

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Hauptsache wir sind nicht allein

Eigentlich ist Mae eine ganz Liebe, auch wenn sie schon als junges Mädchen ein wildes Leben auf den Straßen Wiens führte, auch wenn sie sogar oft mit der Straßenbahn schwarz gefahren ist und sie ihre Mutter sehr lange nicht besucht hat.
Mae will leben, sie lässt sich nicht unterkriegen und ist sogar bereit, über ihr Leben und ihr eigenes Verhalten zu reflektieren… aber vor allem: Sie ist nicht gerne allein.

Mae ist die junge Heldin von „Chucks“, dem ersten Roman der auch jungen und sehr sympathischen österreichischen Autorin Cornelia Travnicek.

In „Chucks“ erklärt Mae dem Leser ihre innere Welt. Aber auch wenn sie in dieser Geschichte die Erzählerin ist, ist es nicht so einfach, sie zu verstehen.
Sie stellt uns Leser vor einer Aufgabe: Aus vielen Puzzleteilen muss man Maes Geschichte rekonstruieren. Die Lektüre erfordert Aufmerksamkeit, um zwischen den Zeilen die wichtigen Details zu erkennen, die uns den Weg zu Maes Herz frei machen. Aber auch Mae erobert unser Herz. Sie ist mutig, sie ist ehrlich und sie besitzt einen „Niedlichkeitsfaktor“, den sie zu ihrem Vorteil einsetzt, nicht nur bei den Menschen, denen sie begegnet. Auch außerhalb des Buches, bei uns Lesern, wirkt ihr Charme, ohne Zweifel.

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